Das Felsengebirge war ein Steilgebirge von durchaus alpinem Charakter. Seine größte Erhebung, die Adlerkoppe, hatte eine relative Höhe von 2500 Zentimetern; sie war im Winter mit »ewigem Schnee« bedeckt und fiel steil zum Flusse ab, von dessen Seite her sie nur von den geübtesten Bergsteigern mit Nagelschuhen, Eispickel und nach vorangegangener Anseilung zu erreichen war. Ein prächtiger Aussichtsturm von 30 Zentimeter Höhe krönte ihren stolzen Gipfel, und wer sich auf die Erde legte und über diesen Aussichtsturm hinweg in die Ferne sah, genoß die herrlichsten Landschaftsbilder. Dicht unter ihm das wildzerklüftete Gebirge, an dessen Fuß der Strom mit seinen weißen Segelbooten und seinem Spiritusdampfer brandete, dann die Stadt, die »wie eine Spielzeugschachtel« ausgebreitet lag, die trotzige Hohkönigsburg, die dunkel aufragende Hundehütte, der weite Wald und das grüne Wiesenland bis weit hinaus an den Horizont in das Gebiet von Geistergrund und Ameisenfeld.

Wie ich inzwischen auch herumgekommen bin in fremden Landen und Erdteilen: die Aussicht von der Adlerkoppe bei Heinrichsburg ist die einzige, die ich in dem Reisebuch meines Lebens mit drei Sternen bezeichnen mag.

Der Abstieg von der Adlerkoppe nach der Stadt bot nur mäßige Schwierigkeiten und war ohne Lebensgefahr zu bewerkstelligen. Er führte an einer grünen Alm vorüber, auf der eine Herde buntgescheckter Kühe weidete und ein Hirtenbub vor seinem Alpenhäuslein saß und lieblich auf einer Schalmei spielte. Nur eine drohende Kuppe ragte noch auf. Dort legte ein kühner Alpenjäger eben auf eine Gemse an. Wenn man sich die hohlen Hände als Fernglas vor die Augen hielt, konnte man die aufregende Szene so oft beobachten, wie man vorbeikam.

Etwa in halber Höhe des Gebirges war der »Gebirgsbahnhof« angelegt. Er hatte einen sehr schmuck eingerichteten Wartesaal, eine Wegeschranke und eine Telegraphenstange ohne Draht. Der Zug bestand aus einer Lokomotive und drei allerliebsten Aussichtswagen. Die Passagiere waren immer dieselben: ein Engländer, ein Professor mit einer Botanisiertrommel und eine Köchin mit einem Korb am Arm, die jedenfalls auf der Höhe nach Suppengemüse gesucht hatte. Wenn nun auch der Zug nicht übermäßig besetzt war, so war es doch herrlich anzusehen, wenn er in die Tiefe fuhr. Er machte die kühnsten Kurven, setzte über Viadukte, die über schauerliche Abgründe gespannt waren, raste durch pechdunkle Tunnel, durchbrauste die Ebene und fuhr endlich donnernd in den Bahnhof von Heinrichsburg ein, wo es sich bei dem Kommando: »Alles aussteigen!« ärgerlicherweise meist herausstellte, daß der Professor, der Engländer und die Köchin auf der raschen Fahrt von den Sitzen gepurzelt waren und auf dem Fußboden lagen. Ein Eisenbahnunfall wurde trotzdem, wie auf allen Gebirgsbahnen, nie bekannt.

O, und die Stadt Heinrichsburg selbst! Fürwahr, ein Fremdling hätte sich in ihrem Gewirr von Straßen und Plätzen rettungslos verlaufen. Auf dem Marktplatz stand das Rathaus; da guckte der Bürgermeister den ganzen Tag zum Fenster heraus. In der katholischen Kirche war beständig Hochzeit, in der evangelischen immer Kindtaufen. Im Judentempel saßen tagaus, tagein drei Männer mit Zylinderhüten auf dem Kopf, und in der heidnischen Kirche schlachtete ein Priester, namens Mohammed, ständig ein Kind. Das Museum umfaßte vier Bilder und zwei Statuen, der Reichstag war immer geschlossen. Wir haben ihn, da wir nichts Rechtes mit ihm anzufangen wußten, später in eine »Aktien-Brauerei« umgewandelt.

Die Pracht der Auslagen, die sich die Geschäftshäuser leisteten, war erstaunlich. Allein der Fleischerladen mit seinen feuerroten Schinken und brennend braunen Würsten war ein kleines Weltwunder. Majestät sprach nebst hohem Gefolge täglich persönlich in diesem Geschäfte vor, dessen Warenbestand immer pünktlich erneuert wurde.

Heinrichsburg war eine werktätige Stadt: da saß der Schuster vor seinem Haus und zog den Pechdraht, da hieb in seiner dunklen Höhle der Schmied auf den Amboß, da saß der Weber am Webstuhl. Lastwagen fuhren die Straße entlang oder hielten vor dem Wirtshaus; der Postillon saß hoch auf dem Bock und blies sein lustiges Signal. Alle Handwerker waren vertreten, und wo ein Gewerbe fehlte, da wurde zu Weihnachten oder zum Geburtstag Seiner Majestät König Heinrichs I. Abhilfe geschafft.

Nur eine Schule gab es in Heinrichsburg nicht. Majestät meinten, das sei nicht lustig und verderbe den Spaß. Dafür marschierten glänzende Soldaten auf den Straßen, und die Musikkapelle zog den ganzen Tag mit Tiradebumdieh durch die glückliche Stadt.

Merkwürdig war der Denkmälerbestand von Heinrichsburg. Von historischen Größen hatten Kaiser Wilhelm, Blücher, Zieten und der alte Fritz je ein Monument. Dann hatte Majestät selbst ein Denkmal, ebenso seine erlauchten Eltern: Rittergutsbesitzer Gerhardt und Frau. Diese Denkmäler bestanden aus Photographien, die in Steinpyramiden eingemauert waren. Bei Regenwetter wurden Zigarrenschachteln als Schutzdecke darüber gestülpt. Dann aber waren in Standbildern noch verewigt Robinson Crusoe und der »Pfadfinder«. Diese Denkmäler waren aus Holz, von Sr. Majestät selbst entworfen und modelliert. Sie wurden bei Regenwetter nicht zugedeckt; denn sie waren »abgehärtet«. Bei festlichen Gelegenheiten wurden sämtliche Denkmäler illuminiert.