Im Gerichtsgefängnis saßen Napoleon und der Räuberhauptmann Schinderhannes.

Herrlich war es draußen am Hafen. Oft lagen wir da am Ufer und sahen auf die weite, unübersehbare Wasserfläche und sprachen kein Wort. Wenn ein Schiff seine weißen Segel blähte und langsam von dannen fuhr, dann sahen wir ihm nach, dann schaute unsere junge Seele weit hinaus bis in die fernen Länder, nach denen das Schiff fuhr, zu fremdartigen Menschen, die in Zelten auf ewig grünen, ewig weiten Wiesen wohnten und andere Blumen und andere Sterne sahen als wir. Und all die tausend Gefahren, die das Schiff haben würde in Scylla und Charybdis, bei Seeräubern und Meerungeheuern, erwogen wir und kämpften alle Not selbst durch und waren dabei, wenn das siegreiche Schiff eines Tages doch stolz und sicher in den Hafen fuhr.

Manchmal kam unsere gute »Fee«, die Schutzgöttin unseres Insellandes, zu uns herüber. Dann feuerten unsere Strandkanonen Salut, die Ehrenwache stand am Ufer, die ganze Militärkapelle war aufgestellt, und von allen öffentlichen und vielen privaten Häusern wehten Fahnen. Der König ging der »Schutzgöttin« entgegen und küßte ihr die Hand, und sie ging mit freundlichen Augen durch unsere Stadt, und wo es an etwas fehlte, das sah ihr gütiger Blick und ergänzte alsbald ihre geschickte, freigebige Hand.

Nur Pluto war an solchen Feiertagen eingesperrt. Wurde er losgelassen, so fuhr er in einer unsinnigen Freude durchs ganze Land, riß die Stadt um und brachte den Zug zum Entgleisen.

O, es war schön in Heinrichsburg! Die größten Ehren habe ich dort genossen: ich war Großwesir und Stierkämpfer, Hofdichter und Scharfrichter, Hotelportier und Mitregent. Ich habe die Straßen ausgebessert und das Gesetzbuch verfaßt, ich war Dachdecker und Theaterdirektor, Seeräuber und Staatsanwalt. Selbst die Frau Königin bin ich gewesen; da hatte ich lange gelbe Locken und ein weißes Kleid mit einem Goldgürtel und ein Taschentuch, mit einer Krone gezeichnet. Am liebsten war ich Leuchtturm. Dann trug ich eine Laterne auf dem Kopf und ließ ihr Licht nach allen Seiten spielen, bis die Schiffe, die in Wetter und Not draußen waren, glücklich den Hafen erreicht hatten.


Unsere gute Fee! Wenn ich jetzt, da ich lange, lange schon ein Mann geworden bin, manchmal träumend die Augen schließe, sehe ich ein weites Gelände vor mir, dadurch ein schmaler Weg führt. Es ist der Weg, den ich durch mein Leben gegangen bin. Grüne Wälder, aber auch öde Schutthalden sind an seiner Seite, und es fehlt nicht an Denksteinen, und mancher der Denksteine ist ein Marterl. Wenn ich nun so sitze und träume, ziehen Hunderte und Tausende von Menschen an meiner Seele vorüber. Ihnen allen bin ich einmal begegnet, bin ein Stücklein mit ihnen gewandert. Aber die meisten schauen mich so fremd an, als hätte ich sie nie gesehen: alle die, die mir gleichgültig waren und alle die, die mir einmal wehe taten. Sie hat mein Herz vergessen. Die aber, die mir etwas Liebes, Gutes erwiesen, reichen mir alle die Hand, und ihre Stimme klingt mir wie die eines Freundes von gestern.

Und wenn sie kommt, die gute Fee meiner Kinderzeit, schlägt mir auch heute noch das Herz in Liebe für sie; ich hasche nach ihrer weißen Hand und küsse die Hand und lege sie auf meine Stirn. Dann wehen ihre blonden Haare im Wind, und ihre Augen sind schön und lieb wie in alten Tagen. Und sie nimmt meine Seele mit sich und führt sie in