die heilige Stadt.

Da stand ein kleiner Tempel. In dem Tempel war eine Figur des Heilands, die war so weiß wie Schnee. Vor dem Heiland stand ein Knabe, und über der Gruppe waren in goldenen Lettern zwei Sprüche in die Wand geschrieben:

»Dieses Kind wird der Größte sein im Himmelreich!«

und:

»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!«

Der Knabe aber, der vor dem Heiland stand, war Heinrichs Bruder Ludwig, der frühzeitig aus dem Leben geschieden war.

Als Ludwig starb, war ein solches Herzeleid auch über uns Kinder gekommen, daß ich mit Heinrich nach der Insel ging, um unsere schöne Stadt Heinrichsburg niederzureißen.

»Wenn Ludwig nicht mehr bei uns ist,« sagten wir zueinander, »so macht uns die Stadt keine Freude mehr.«

Wir stiegen in bitteren Schmerzen auf die Adlerkoppe. Noch einmal schaute ich über den Aussichtsturm hinaus ins weite Land, dann löste ich ihn aus der Erde und nahm ihn unter den Arm. Heinrich packte den Bahnhof in seine Mütze, und eben wollten wir den Alpenjäger und die Gemse von der Felskuppe holen, als Heinrichs Mutter uns nachkam. Ihr Gesicht war weiß, und sie ging ganz langsam; aber sie lächelte doch, als sie uns über die Köpfe strich und sprach:

»Laßt nur eure Stadt stehen; Ludwig hat jetzt eine viel schönere Stadt als ihr!«