Es stellte sich heraus, daß der Hinterindier von den Bauern und Fuhrleuten für seine glänzenden Darbietungen nur vorbenannte Summe Geldes geerntet hatte. So war auch er ruhelos und ohne Schlummer, denn außer dem Herzen und dem Magen muß sich auch der Geldbeutel sicher und befriedigt fühlen, ehe der holde Schlaf auf die Wimpern eines irdischen Wanderers sinkt.
Jakoble, der etwas Mut gefaßt hatte, meinte schüchtern, der Zauberer könne sich doch die Goldstücke aus jeder Nase ziehen; worauf ihn Kiutschitsufilutschi halb mitleidig und halb zärtlich anblickte und zur Antwort gab:
»Können Sie mir vielleicht 'ne Mark pumpen?«
O ja, das könne er wohl, sagte Jakoble eifrig, fischte in seiner Hosentasche herum und übergab dem Zauberer eine Mark. Dieser war dankbar und machte gerührt Brüderschaft mit Jakoble, worauf alle drei sehr munter und aufgeräumt wurden.
Der Zauberer erklärte, er heiße »künstlerisch« Kiutschitsufilutschi und stamme »künstlerisch« von einem Oberpriester und einer Göttertochter ab. Sein »bürgerlicher« Name aber sei Heinrich Bimske, und seine »bürgerlichen Eltern« seien ehrsame Bäckersleute aus Rixdorf bei Berlin. Ursprünglich habe er das schöne und reinliche Gewerbe eines Barbiers betrieben, aber dann sei die höhere Magie über ihn gekommen; er sei weit in der Welt herum, von Kottbus bis Salzwedel habe er alle bedeutenden Orte bereist. Aber nun sei er wandermüde, und wenn es ihm je gelänge, zwei bis drei Taler Reisegeld zu erübrigen, wolle er zu seinen Eltern zurückkehren und nebst einem neuen Lebenswandel ein eigenes Barbiergeschäft anfangen.
Wie es nun so ist: heimatloses Wandervolk lernt sich rasch kennen, wird rasch vertraut und verbündet sich leicht miteinander gegen die tückischen Mächte des Lebens, die ihm bedrohlicher sind als jenen, die in festen Häusern wohnen und am gedeckten Tische sitzen. So war es auch hier. Während der ganze Kretscham schlief und der Mond draußen auf der stillen Landstraße vergebens nach einem Wanderer, ja nach einem wachenden Vogel suchte, saßen die drei Gesellen in der Dachkammer beisammen und tauschten ihre Lebensschicksale aus. Reinhard erzählte von seiner Trudel, dem Müller, dem geheimnisvollen Schatz unter dem Apfelbaum und seiner Ausweisung und traurigen Fahrt in die weite Ferne. Die Gedanken flogen hin und her, und als der Hahn krähte, war ein kühner Plan gefaßt, und nun konnten die drei erst recht nicht schlafen: denn will ein Mensch Schlummer finden, darf er keine Pläne fassen.
»Begraben unter dem Baume
Liegt mein ganzes Gut,
Hatte ein liebes Mädel,
War wie Milch und Blut;
Was ich auch je im Leben
Erwerben und sparen wollt',
Gäb für den Schatz unterm Baume
All mein Silber und Gold.«
Dieses traurige Lied sang die Trudel in der Waldmühle nun täglich am Morgen und am Abend. Wenn es der Müller hörte, war ihm nicht wohl dabei, denn außer dem Gelde liebte er am meisten sein Kind. Aber er glaubte, mit der Zeit würde das Mädel seine »Mucken« schon verlieren, und alles würde gut und schön sein, wenn erst einmal ein Glöcklein auf dem Baum erschien und läutete.