Sonst auch hatte der Müller verschiedene Verdrießlichkeiten. Der neue Knecht, den er für das Jakoble eingestellt und dem er gleich in der ersten halben Stunde probeweise eine Ohrfeige gegeben hatte, hatte ihm zwei Ohrfeigen dafür zurückgegeben. So etwas ist kränkend für einen Mann, der auf Ansehen hält, ist ebenso sehr gegen die Achtung wie gegen das Wohlbefinden eines Hausherrn.
Und dazu das blasse Mädel mit seinem traurigen Lied!
So kam es, daß der Müller einmal bis spät in die Nacht munter war und auch dann noch nicht in den dicken Federbetten lag, als die Uhr schon auf halb zehn Uhr zeigte. Wie er nun so sorgenvoll und still am Tische saß, spitzte er plötzlich die Ohren und machte Augen wie ein Luchs; er tat sogar etwas, was er noch nie in seinem Leben getan hatte – – er öffnete das Fenster.
Und nun hörte er es deutlich!
Unten im Garten, auf dem Apfelbaum, läutete ein Glöcklein. Silbern klar schallte sein Stimmlein durch die Nacht: Müller, die Zeit ist erfüllt, Müller, der Schatz ist reif!
Erbleichen konnte der Müller nicht; dafür war sein Gesicht zu rot; aber blaßrosa wurden seine Wangen, und der Schreck schüttelte seine Glieder, wie der Wind einen Eichbaum schüttelt.
Das Glöcklein läutete, läutete immerzu. Da ging der Müller zögernden Fußes hinaus in den Hof, suchte einen Spaten und rief sein Kind herbei.
»Trudelchen,« sagte er leise, »hörst du es läuten? Die Zeit ist erfüllt. Der Schatz ist reif. Komm mit mir, wir wollen ihn heben.«
»Ach, was nützen mich alle Schätze der Welt,« sagte das Mädchen. Aber es ging mit dem Vater. Die Nacht war dunkel; große, schwarze Wolkenberge ragten in den Himmel, und der Wind flog von der Erde zu den dunklen Bergen hinauf; er zog um ihre Gipfel und zerwühlte ihre Abgründe. Dann löste es sich los von den Bergen wie große Adlervögel, die aufgescheucht waren und mit zuckenden Schwingen über den Himmel zogen.
Das Glöcklein war verstummt. Es hing an dem untersten Ast des Apfelbaumes, und eine weiße Schnur war an ihm befestigt. Der Müller und sein Kind gingen auf den Zehenspitzen zu dem Baume hin. In des Müllers Auge flackerte die Geldgier, in des Mädchens Augen war die alte Trauer, und in beiden wohnte die Furcht.