»Du kannst nicht schnupfen! Ich habe nicht ein einziges Mal geniest!«

In diesem Augenblick fing ihm heftig an die Nase zu bluten.

Noch an demselben Tage wurde ich in das Volk aufgenommen. Ich war stolzer darauf als auf das beste Schulzeugnis, wenn ich auch gewünscht hätte, Gedeon hätte mir einen prächtigen und wohlklingenden Namen beigelegt. So aber hieß ich »Habakuk«.


Gedeon war ein Held, sein Kopf war immer voll kühner Pläne und eigener Gedanken. Gott weiß, was in ihm steckte: ein Napoleon oder ein Räuberhauptmann, ein grausamer Iwan oder ein Befreier wie Washington. Jedenfalls eine unbeugsame Herrennatur, ein Führer. Er irrte nie, er bat nie um Entschuldigung, er war nie unschlüssig, nie besorgt, alles Gelingen war ihm selbstverständlich, er nahm immer das beste und gab stets den Ausschlag. Holofernes, einer der Müllerjungen, versuchte einmal, eine Revolution gegen Gedeon anzuzetteln, gewissermaßen eine Art Konstitution einzuführen, dem Volke eine Mitregierung zu sichern. Die Folge war, daß ihn Gedeon sechs Stunden lang in einen leeren Schweinestall sperrte, worauf Holofernes und seine Sache der Lächerlichkeit verfielen.

Gedeons Taten sind unzählbar.

Einmal zur Herbstzeit befahl mir Gedeon, mit ihm beim geizigen Heinisch-Weber Pflaumen vom Baum zu stehlen. Vor dem Garten des Webers war der Fluß; Jenseits des Wassers stand des Webers Pflaumenbaum, diesseits an der Landstraße eine Linde. Wir erklommen also die Linde und rutschten auf einem Aste weit, weit hinaus bis über den Fluß. Ich hatte eine Todesangst vor einem Unglück, aber eine noch viel größere vor Gedeon. So ließ ich nichts merken und rutschte mit. Gedeon zog einen Ast des Pflaumenbaumes über das Wasser, pflückte die verbotene Frucht und gab mir davon. Ich aß standhaft, immer mit Grausen hinunter auf den Strom blickend, und sagte dann schüchtern:

»Gedeon, ich glaube, die Pflaumen zu Hause in unserem Garten schmecken doch besser.«