»Ja, von wem wollen Sie's denn borgen?«
»Nu, von niemand! Von mir selber! Ich hab' selber so viel Geld übrig!«
»Machen Sie heute keine Scherze, Mathias,« mahnte der Kontor. Frau Anna und Heinrich sahen betroffen vor sich nieder, und nur der Schaffer grunzte ein wenig amüsiert. Da nahm Berger das Wort:
»Da muß ich zuerst 'ne kleine Geschichte erzählen. Es geht oft recht wunderbar zu im Leben. Also eines schönen Tages – es sind jetzt sechs Jahre her – sitz' ich in Waldenburg in eener Kneipe. Kommt der Schräger rein. Na, damals vertrugen wir uns noch besser, und a plauderte immer gerne mit mir, denn a Lumpenmann weiß manches, was a anderer nich weiß. Na, wie gesagt, der Schräger setzt sich zu mir. 'n kleenen Stiefel hatt' a sitzen. Auf 'm Tisch stand a Würfelbecher. »Sind wir amal um 'n Böhm!« sagte er und warf siebzehn. Ich wollt' mich nich blamieren, warf sechzehn und zahlte zehn Pfennige. »Revanche,« sagte der Schräger und warf dreizehn; und ich revanchierte mich, schmiß sieben und gab wieder zehn Pfennige. Das gefiel 'm Schräger; a würfelte immer von neuem und ich immer mit, und ich bezahlte immer 'n Böhm, bis 'ne Mark voll war. »Weißte, Berger, riskier'n wir amal 'ne Zicke, setz'n wir jeder amal fünf Böhm. Wenn schon, denn schon!« »Wenn schon, denn schon,« sagte ich und setzte fünfzig Pfennige, denn ich hatte och 'n kleenen Stiefel sitzen. Nu schmeißt a sechzehn und ich achtzehn, und das ging so fort, bis ich ihm fünf Mark und fünfzig Pfennige abgeknöppt hatte. Da war a wütend, nahm seine Mütze und ging. Ich freut' mich natürlich nich schlecht, ließ mir gleich 'n telikaten Kalbsbraten für 40 Pfennige bringen und schickte mein'm Hunde für 10 Pfennige Knochen aus der Küche. Dann fuhr ich los. Wie ich nu so durch die Stadt fuhr, les' ich a großes Plakat: Marienburger Geldlotterie. Große Geldgewinne. Los 3 Mark. Ich lehnte an meiner Hundekutsche und lernte so sachte das Plakat auswendig. Und weil ich, wie gesagt, nicht ganz klar war, geh' ich rein und kauf' a Los, von Schrägers Gelde. Wie ich' wieder rauskam, sah mich mein Hund an, als wenn a sagen wollte: Du tummer Kerl, was hätt'n wir für das Geld für 'ne Menge Kalbsbraten und Knochen haben können. Aber na, 's Geschäft war gemacht. Damit nu wenigstens von dem Gewinn was Reelles raushängen tät, kaufte ich von den zwee Mark, die ich noch hatte, der Liese 'ne Puppe. Na und? – Nach vier Wochen hatt' ich mit mein'm Los 30 000 Mark gewonnen, a dritten Hauptgewinn.«
»Berger! Es is nich möglich!«
»Ist denn das wahr, Mathias?«
Die ganze Gesellschaft war aufs höchste erregt.
Berger lächelte. »Es ist wahr. Und ich hab' das Geld Heller für Pfennig ausgezahlt gekriegt. Aber ich hab' mir's nich in Waldenburg geholt; ich bin nach Breslau gefahr'n. Denn ich mochte kein'n Lärm machen.«
»Das is ja nicht zu glauben!«
»Was is nich zu glauben? Daß jemand 'n Haupttreffer macht? Das kommt bei jeder Lotterie vor. Und daß es mal 'n kleenen Mann trifft, das kommt ooch vor. Ich hab' für das Geld Papiere gekauft. Vierprozentige! Das macht zwölfhundert Mark Zinsen aufs Jahr. Die hab' ich fast alle gespart. Das sind nun wieder gegen 7000 Mark. Gesagt hab' ich keinem Menschen was. Nich amal meine Schwester weiß was und die Liese ooch nischt.«