So war's auch hier im Dorfe. Aber die Buchenhofleute hielten sich selbst abseits. Sie mochten nicht hingehen und um die Heimatsgemeinschaft werben, und eine freundliche Einladung wurde ihnen nicht zuteil.
Mathias Berger wußte, daß noch jetzt in vielen Behausungen die alten Zeitungsnummern aufbewahrt wurden, in denen die Verhandlung des Brandprozesses geschildert war und seine zwangsweise Abbitte an Schräger stand. Er hatte endlich auch gehört, daß er wegen seines Geldes verdächtigt wurde. Da hatte er sich nicht enthalten können, an Schräger einen Brief zu schreiben, in dem er ihm »spät, aber doch« dafür dankte, daß er ihn ehemals habe fünf Mark gewinnen lassen, für die er ein Glückslos gekauft habe. Das Geld habe gerade dazu gereicht, den Buchenhof zu halten, der wohl sonst das Besitztum des Wirtes unnütz vergrößert hätte. Der Brief war an einer neuen Injurie gerade noch knapp vorbeigegangen. Schräger hatte gewettert und geflucht, und die Dorfleute hatten die Lotteriegeschichte nicht geglaubt, sondern desto eifriger nach einer recht abenteuerlichen Lösung der Bergerschen Vermögensfrage gesucht.
Am wenigsten fand Heinrich den Weg, obwohl seine weiche Seele ihn suchte. Oftmals zwar redete er sich ein, er brauche die Gemeinschaft nicht, er habe ja Gesellschaft auf dem Hofe, lauter liebe Leute, die's treu zu ihm meinten. Aber er kam nicht um die alte Wahrheit herum, daß der Mensch nicht immer mit denselben Menschen verkehren kann. Die Schiffsleute, die lange auf demselben Fahrzeug eng zusammenlebten, gehen auseinander, wenn sie ans Land kommen. Sie haben einmal das Bedürfnis, die alltäglichen Gesichter auf eine Weile nicht zu sehen. Und es gibt viele Leute, die in Bureaus, Geschäften, Schulen friedlich und freundlich zusammenarbeiten und sich doch in ihren Freistunden nicht sehen und treffen mögen, sondern lieber Fremde aufsuchen oder allein sind.
Die Buchenhofleute lebten zusammen wie auf einem großen, einsamen Schiff. Im Winter vergingen Wochen, ohne daß sie ein Wort mit jemand von auswärts wechselten. Und so kam es, daß ein Händler, wenn er sich in das Gehöft verirrte, wie ein lieber Gast festgehalten und nach allem möglichen befragt wurde.
Am schwersten litt an solch trüben Wintertagen der Hannes. Es kam vor, daß er sich auf die Ofenbank legte und vor lauter Einsamkeit heulte. Dann schwor er hoch und teuer, wenn erst der Frühling käme, zöge er in die Fremde. Wenn die Lene das hörte, sagte sie, er solle nur geschwind machen, daß er fortkäme. Und das nahm er dann immer übel.
Auch Mathias litt an der Einsamkeit. Manchmal, wenn er den alten Pluto streichelte, der immer noch das Gnadenbrot bekam, dachte er an seine Lumpenmannszeit, und da kam es ihm vor, als sei er damals ein junger, glückseliger Vagant gewesen, der frei und unverdrossen auf grünen Straßen fuhr, heute hier, morgen dort, immer wieder bei anderen Leuten, immer lustig und überall gern gesehen.
Heinrich saß zu solchen Zeiten hinter seinen Büchern und studierte. Nur eine war glücklich und ganz zufrieden: das war die Liese. Diese einsamen Stunden waren ihre seligste Zeit. Dann saß sie mit ihrem Nähzeug still und freundlich da und hob nur manchmal die Augen, um nach Heinrich zu schauen.
Aber drüben im Buchenkretscham wohnte noch ein einsameres Menschenkind, ein Kind, das gar keine Heimat hatte: das war Lotte Schräger.
Sie hatte niemand. Der Vater war fast täglich betrunken, der Bruder ein Idiot. Und ihr verhältnismäßig hohes Maß von Bildung vermehrte nur das Unglück, erhöhte das Grauen, das ihre »Heimat« ihr einflößte.