Von den Buchenhofleuten sah sie selten jemand. Sie wurde auch von ihnen gar nicht beachtet. Die stolze Lene Raschdorf hatte ihr sogar zweimal einen Gruß nicht erwidert. Aber die Lene blieb manchmal stehen und sah sie mit ihren kohlschwarzen Augen herausfordernd und feindselig an. Sie war ganz wie ihr Vater, der alte Raschdorf, vor dem sich die Lotte auch immer ein wenig gefürchtet hatte. Und sie trug neuerdings am Sonntag modische Kleider. Sie trug sie wie eine Dame, ohne Fehler. Aber Lotte wußte, daß sie es ihr nachmache.
Den Heinrich Raschdorf sah Lotte sehr selten. Gesprochen hatte sie nicht mehr mit ihm nach jenem Tage, da sie ihm den Strauß geschenkt und den Koffer getragen hatte. Damals war sie ja ein dummes Kind gewesen, aber sie wurde jetzt noch rot, wenn sie an die alten Tage dachte. Daß er sie geküßt hatte, daß sie ihm zugeredet hatte, er möchte sie heiraten, daß er dann ihren Strauß auf die Straße geworfen hatte, daran dachte sie oft.
Wenn er sie jetzt traf, zog er mit städtischer Höflichkeit den Hut, und sie neigte ebenso kalt-höflich den Kopf. Sie wußte kaum, wie er aussah; nur daß er einen Schnurrbart trug, hatte sie einmal gesehen.
So war es wieder einmal Frühling geworden. Draußen war ein wunderbarer, weicher Abend, aber der Kretscham war voll von Leuten. Die saßen alle in üblem Tabaksqualm und sehnten sich nicht nach der herrlichen Luft draußen, durch die die Nachtigallen sangen, durch die der Flieder duftete, durch die die Sterne leuchteten.
Bauern haben gern schlechte Stubenluft, viel lieber noch als die Städter. Das ist merkwürdig genug, da doch die Luft im Freien, die sie meist atmen, die Bauern wählerisch und verwöhnt machen müßte. Es ist anzunehmen, der Tod habe das so eingerichtet, denn wenn die Bauern auch noch gesund wohnten und schliefen, so wie sie gesund arbeiten, würden wohl alle über hundert Jahre alt werden. Und das gäbe zu viele Auszügler. – – – –
Es war Steuertag. »Gemeindegebot, Rente, Schulgeld, Schornsteinfegergeld und Nachtwächtergeld« wurden eingenommen. Da waren die meisten Hausväter persönlich erschienen, um ihre Steuer zu bezahlen. Kam aber irgendeine Frau, so neckten sich alle mit ihr, und Schräger mußte ihr einen Ingwer einschenken, den irgendeiner zum Besten gab. Das ist bäuerliche Ritterlichkeit.
Vom Buchenhofe brachte stets eine Magd die Steuer. Sie allein bekam keinen Ingwer.