Kapitel 13

Droben im Walde stand ein uraltes, verwittertes Heiligenbild. Es wußte niemand, wer es da hingestellt, wußte niemand mehr, ob es aus Freud' oder Leid geschehen, ob es ein Dank sein sollte oder eine Bitte, ob eine fromme Seele es errichtet habe oder einer, dem eine Schuld im Herzen schrie.

Es stand da die Jahrhunderte hindurch. Und der Frühling stellte seine Blüten rund umher; die Sommersonne vergoldete den grauen Stein; an seinem Fuße legten sich die Käfer schlafen zur Herbsteszeit ins grüne Moos, und wenn die Weihnachtsglocken aus dem Tale klangen, flimmerten Eis und Schnee um das alte Bild, wie auf dem Altar in der Kirche weiße Decken und glänzende Steine. Manchmal zog ein einsamer Wanderer die Mütze ab vor dem alten Bilde. Das ist kein Götzendienst, wenn ein Mensch das Haupt entblößt an so ehrwürdigem Orte, wo so viel Leid und Lust ausgerungen wurden, so viel Friede und Andacht, aber auch so viel Kampf und Reue zu Hause waren seit langen Jahren.

An diesem Heiligenbilde kniete Liese Berger. Der Abend war nicht weit. Da lag ein roter, verklärender Schein über ihr und dem grauen Stein. Von fern sangen ein paar Vögel. Sonst war alles still. Und der Wald blühte über ihr.

Ein langes, stummes Gebet lag in den Augen des Mädchens, ein Gebet voll Qualen. Aber wie sie auf das Bild hinschaute, wurden ihre Augen stiller.

»Wenn es eine Sünde war, verzeih' es mir, heilige Mutter Gottes!«