Dann, wie er durch die nächtlichen Straßen irrte, wußte er: Es gibt keinen Ort, wo man so sterbensallein sein kann, wie in der großen Stadt.
Der Gymnasialdirektor war von jeher Heinrich Raschdorf sehr gewogen gewesen. Er erinnerte sich seiner sehr wohl; denn Heinrich war ehemals ein Freund seines Neffen und als solcher auch einigemal im Hause des Direktors zu Besuch gewesen.
Jetzt, als er die Lebens- und Leidensgeschichte seines früheren Schülers erfuhr, wurde sein Interesse wieder in hohem Maße wach. Es ergab sich, daß die jahrelangen, eifrigen Studien Heinrichs von großem Erfolg gewesen waren, und der Direktor versicherte, wenn Heinrich Privatunterricht nähme und fleißig studiere, würde er alle Aussicht haben, beim nächsten Abiturium als Hospitant das Examen zu bestehen.
So mietete sich Heinrich ein Zimmer und ergab sich eifrig dem Studium. Es wunderte ihn, daß eine heimliche Freude in ihm aufgeblitzt war, als der Direktor ihm die erfreuliche Aussicht eröffnet hatte. Und als er sich selbst einen Stunden- und Arbeitsplan entwarf und seine Bücher ordnete und aufstellte, mutete ihn das neue, fremde Zimmer ein ganz klein wenig heimatlich an.
So kam es, daß Heinrich Raschdorf ein stiller Mann wurde, einer, der nie lachte, aber auch nicht mehr klagte oder mit dem Schicksal grollte.
An den Sonntagen besuchte ihn Hannes. Der brachte immer ein gut Teil urwüchsiger Laune mit. Heinrich ließ ihn plaudern und lachen. Nur von der Heimat durfte er nicht reden. Und Heinrich Raschdorf wußte gar nicht, daß er in diesem schlichten, gutmütigen Hannes immer noch ein Teilchen Heimat liebte und für seine Sonntagssehnsucht begehrte, denn ohne Hannes wäre kein Sonntag gewesen.
Kleine Episoden ereigneten sich, die den Kampf ums Vergessen erschwerten. Einmal stiegen die jungen Freunde auf die Liebichshöhe. Es steht da ein stattlicher Aussichtsturm, von dem man das Häusermeer der Stadt Breslau gut übersehen kann und auch einen schönen Fernblick genießt. Hannes verfiel wieder ins Staunen, Heinrich aber schaute über die Stadt hinaus. Weit in dunstiger Ferne, im Südwest waren die Waldenburger Berge sichtbar, die Berge seiner Heimat. Das wußte er noch von seiner ersten Gymnasialzeit her, wo er oft dort oben seine Träumer- und Heimwehstunden gehabt hatte. Und auch jetzt konnte sich seine verbitterte Seele der tiefen Poesie, die von den Bergen der Heimat herüberstrahlte, nicht ganz verschließen.
Ja, es ist so: Wenn uns Menschen eine Sehnsucht faßt, stehen wir immer auf einem hohen Turm, von dem wir nach der Heimat schauen.