Er regt sich nicht auf. Dazu ist er nicht da. Früher würde er gekollert haben. Jetzt nicht mehr. Er ist Gottfried Stumpe, dem solche Kleinigkeiten sehr egal sind.

Der Dackel versteckt inzwischen die Zeichen seiner Schandtat weit unter dem Bett, dann kommt er näher, macht ein äußerst treuherziges Gesicht, wedelt mit dem Schwanze und bietet das Bild unverdächtigster Harmlosigkeit. Gottfried sieht ihn an, beschließt, die abscheuliche Heuchelei zu übersehen und sagt einfach und gelassen:

„Du bist ein Schweinekerl!“

Der Dackel blinzelt nach dem Fuße, auf dem sein „Herrchen“ in bloßen Socken steht, nimmt den „Schweinekerl“ als etwas ganz Selbstverständliches hin und springt dann zärtlich an dem von ihm liebreich geneckten Manne in die Höhe. Und der schabt ihm freundlich den Nacken, dort, wo das Fell so lose sitzt wie ein viel zu weiter Anzug.

„Gottfried, mähren Sie nicht wieder so lange beim Anziehen! Sie erkälten sich!“

Das war Vater Barthel. „Mähren“ hatte er gesagt. Der Mann war nicht satisfaktionsfähig. Wenn ihm früher mal einer „Mähren Sie nicht so lange“ gesagt hätte! Zum Beispiel, als er in Sachen Pimpel contra Karsubke wegen eines Objektes von drei Mark und fünfzig Pfennig neun Termine ansetzte, von dem der letzte drei Stunden dauerte!

Tja – Ferien vom Ich!

Der Treppenflur ist durch den gelbroten Schein von Petroleumlampen erleuchtet. Petroleum ist ein Licht, das aus der Erde gequollen ist. Darum ist es wahrscheinlich so warm. Leute, die um eine Petroleumlampe sitzen, sehen alle aus wie Bergvolk, das im Innern der Erde haust – halbbeleuchtete Höhlengesichter, die sich an den dunkel bleibenden Wänden doch hell abheben. Alles im Zauberschein stillen, trauten Zusammenhockens, ein Wissen und Bekennen: draußen ist Nacht. Alles andere grellere Licht lügt den Tag vor.

Im Hausflur unten sagt die hübsche Magd Emilie: [pg 257]„Hoppla!“, weil Herr Gottfried an ihre Milchkanne stößt. Und dann tritt er in die große Bauernstube. Da umfängt ihn das ganze große Behagen des zu früh Erwachten, der in eine warme Stube tritt. Alle Glieder dehnen sich in Wohligkeit. Um den Tisch sitzen schon die Genossen und Genossinnen. Viele trinken Kakao, andere löffeln Milchsuppe. Er suppt. Susanne muß ihm den hübschen, wahrhaft künstlerisch geformten Napf zweimal füllen. Die Frühstücksunterhaltung ist spärlich und nüchtern wie überall. Zu Hause würde er jetzt Kaffee trinken und die Zeitung dazu lesen. Das bißchen Koffein würde ihm wahrscheinlich nichts schaden; aber daß er die Zeitung wieder mal auf den Tisch hauen oder zerknüllt an die Wand schmeißen würde – das wäre schlimmer. Hier gibt’s keine Zeitung. Es geht auch so. Sollten Amerika und Japan inzwischen Krieg bekommen haben, ist’s ihm völlig egal, wer dabei zugrunde geht, gleichgültiger als der vom Dackel zernagte Latschen.

Der Regen spritzt noch immer an die Scheiben. Ein „Sauwetter“ würde er zu Hause sagen, die Gummischuhe anziehen, den Mantelkragen hochschlagen und auf dem schnellsten Wege zur Straßenbahn trachten, um zum Gericht zu fahren.