Also bis acht Uhr war er mit seinen Anwendungen fertig; dann mußte er sich nach der kühlen Abgießung eine halbe Stunde lang warm laufen; dann durfte er eine [pg 264]halbe Stunde lang in irgendeinem bequemen Lehnstuhl des Kurhauses verpusten.

Dann aber mußte er unwiderruflich aufs Feld.

Rüben abkloppen! Wenn nur inzwischen der elende Sprühregen aufhörte. Ein einziger Trost war, daß bei solchem Wetter das Äpfelpflücken vom nassen Baum auch kein Heidenspaß war.

Wie kämen sonst gerade Friedrich Schiller, Mussolini und Fuhrmann Henschel dazu, daß sie ...

Neid und Mißgunst plagten ihn immer noch etwas; auch war er noch reichlich oft schlechter Laune. Das kam wahrscheinlich vom Magen. Aber es war doch schon zehnmal besser mit ihm als zu Hause. Wie hatte er da oft getobt und gekollert, mit dem Gerichtsdiener, mit den Angeklagten, mit den Zeugen, ja mit Weib und Kind. Die Fliege an der Wand ärgerte ihn, das Klopfen des Regens ans Fenster regte ihn auf. Jetzt – wer diesen Dackel und diesen Vater Barthel vertrug, ohne tobsüchtig zu werden, mußte schon sehr gesund sein.

Bei seinem Spaziergange traf Gottfried seinen Freund Emanuel Geibel vom Sonnenhof. Das war der Mann, mit dem er sich am besten verstand, mit dem er wirklich befreundet war. Sie hatten sich eines Tages beim Pilzesuchen an einem Waldrande getroffen, jeder mit einem Körbchen und einem Messer bewaffnet, hatten einander gegenübergestanden und gelacht. Dann hatten sie sich einander vorbestellt: „Emanuel Geibel vom Sonnenhof – Gottfried Stumpe vom Forellenhof. Freut mich! Freut mich!“ Und am sonnigen Waldrande gesessen und ge[pg 265]schwatzt. Allmählich aber waren sie in zivilisiertes Gespräch gekommen, auf Hygiene im allgemeinen, auf Volkswirtschaftliches, auf hohe, schließlich auf ganz hohe Politik, dann noch höher hinauf auf die Kunst, haben sogar einen etwas torkeligen Aufstieg in metaphysische Gebiete versucht, sich in die Firnenzonen der Philosophie und Religion verklettert und sind dann mit einem waghalsigen Sprung auf die letzte Gipfelhöhe der Menschheit gesetzt – auf den im Blauschnee glitzernden, aller gewöhnlichen Sterblichkeit ewig unerreichbaren Gaurisankar der heiligen Jurisprudenz.

Da ist dem Amtsgerichtsrat etwas schwindelig geworden. Emanuel Geibel entpuppte sich als ein hervorragender Jurist, als eiskalter Verstandesmensch, als einer, der nicht nur über den Hanswurst, den jetzigen Justizminister, spottete, der mit seinem geistigen Zwergenmaß die Riesenschleppe des Ministertalars gar zu possierlich schleifte, sondern der auch an die Dogmen der anerkanntesten juristischen Größen mit geradezu souveräner Überlegenheit die Sonde legte. Wie er allein über Liszt urteilte. Dem Amtsgerichtsrat war klar, daß der Mann, der sich unter dem Namen Emanuel Geibel versteckte, eine eminente Größe der Rechtswissenschaft war, hoffentlich der künftige Minister. Dann würde vieles an den unhaltbaren verrotteten Zuständen der heutigen Rechtspflege gebessert werden. So beschloß der Amtsrichter dreierlei: erstens lieber gar keine, als eine dumme Bemerkung zu machen, sondern zumeist den andern reden zu lassen und ihm zuzustimmen; zweitens ganz leise [pg 266]durchschimmern zu lassen, daß er durch ein ungerechtes Schicksal, vielmehr durch widrige Gegenströmungen ins Dunkle gestellt worden sei und gewissermaßen auch etwas mit der Jurisprudenz zu tun habe; drittens privatim sich als Gottfried Stumpe treuherzig die Sympathie Emanuel Geibels zu erwerben. Das alles ist gelungen. Eines Tages hat Geibel sogar mit ihm Brüderschaft gemacht. Denn Emanuel hatte bei allem messerscharfen Verstand ein poetisches Gemüt, und der Mann, der eben noch Worte gesprochen hatte, von denen jedes mit Schwefelsäure getränkt war, konnte plötzlich traumversunken stehenbleiben und seufzen:

„Oh, darum ist der Lenz so schön

Mit Duft und Strahl und Lied,

Weil singend über Tal und Höh’n