„Der Mann is ’n Tagedieb und die Frau ’ne Schlampe. Da sehen Sie man, daß Sie det Wurm da abkriejen.“
Ich dankte ihm, und wir trennten uns. Einen Augenblick überlegte ich noch, ob ich zuvor einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen solle, aber dann ging ich direkt nach Luises Wohnung. Ein Hinterhaus von vielen Stockwerken. Auf dem Hofe spielten Kinder im Staub der Stubendecken, die geklopft wurden. Die Treppe war dunkel und schmutzig. Im dritten Stockwerk las ich den Namen von Luises Pflegeeltern. Ich läutete zweimal, dann kam ein zaghafter Kindertritt, die Tür wurde geöffnet, ein entsetzter Schrei, die Tür flog wieder zu. Ich läutete abermals. Ein großer, starker Mann erschien. Er trug einen Christusbart, ziemlich lange Haare und stak in einem schwarzen, wenig sauberen Rock. Später erfuhr ich, daß der Mann „Prediger“ bei irgendeiner neuen Sekte war.
Er wollte mich erst mit einer hochmütigen Miene mustern, aber plötzlich wurde sein Gesicht scheinheilig freundlich, und mit ölglatter Stimme sagte er:
„Ah, Herr Oberkommissar, ich hab schon gehört – weiß schon – der Herr Polizeiinspektor haben meine Pflegetochter beim Handel erwischt – aber ich kann bei meiner Ehre versichern – Herr Inspektor ich bin unschuldig – ich verbiete dem Mädel aufs strengste – haben es ja auch gottlob nicht nötig – aber sehen Sie, [pg 67]Herr Inspektor, so’n hergelaufenes Kind von schlechter Abkunft, das man so aus purem Mitleid (ich bin Oberprediger bei der Gemeinde der Jünger von Kapernaum), das man so aus christlicher Barmherzigkeit aufzieht und das doch nicht gerät, weil der Feind sein Unkraut unter den Weizen sät, das stiehlt sich nun ’n Jroschen, kauft sich Schuhbänder oder Streichhölzer oder was weiß ich und verkauft sie, um zu naschen – natürlich nur, um zu naschen ...“
Das Geschwafele erstarb an meiner wortlosen Ruhe.
„Was wünschen der Herr Inspektor – ich würde den Herrn Inspektor gern in die Wohnung bitten, aber meine Frau ist zufällig heute noch nicht mit dem Aufräumen fertig ...“
Da sprach ich endlich.
„Sie irren – ich bin kein Polizeimann – ich bin der Onkel der kleinen Luise.“
„Sie sind – Sie sind – ach so – ach so – der sind Sie ...“
Er brach in ein meckeriges Lachen aus.