Stefenson nickte ihm lächelnd zu. Da wurde es lebhaft auf der Treppe, Männer und Frauen aller Gesellschaftsschichten füllten den Saal. Eine halbe Stunde lang stand Stefenson steif und still, und als alle da waren, auch der Bürgermeister, sagte er:
„Ich habe dem, was ich vor Ihnen, sehr geehrte Herrschaften, über meine Neugründung heute ausgeführt habe, nun nichts mehr hinzuzufügen.“
Worauf sich der Leiter der Versammlung, Lehrer Herder, erhob und in einer glänzenden Erfassung der Situation sagte:
„Ich schließe die Sitzung!“
Die „Neustädter Umschau“
In Neustadt erscheint ein Blättchen, die „Neustädter Umschau“. Es kommt wöchentlich zweimal heraus in einem Umfang, daß eine einzige Nummer genügt, ein Butterbrot gut zu verpacken. Als der Verleger einen neuen Redakteur suchte, versprach er einen Monatsgehalt von sechzig Mark. Es meldeten sich drei Doktoren, sechs Referendare, zwanzig Studenten, sieben ehemalige Lehrer, ein „sehr gebildeter“ Schlossermeister, davongejagte Seminaristen, freie Schriftsteller und ein paar schwankende Gestalten. Der Verleger wählte von der ganzen Rotte den Unfähigsten, einen herabgekommenen, versoffenen Kerl, der aber Doctor juris war, was in der „Umschau“ mit Fettdruck angezeigt wurde. Dieser Mensch macht die „Umschau“ in der Art, daß er in seiner nüchternen Tagesstunde, die vormittags nach seinem jeweiligen Aufstehen liegt, im Lesesaal des Neustädter Kurhauses den Stoff für die nächste Nummer aus großstädtischen Zeitungen abschreibt. Einen lokalen Teil hat die „Umschau“ kaum; jedenfalls war er stets äußerst jämmerlich. Desto mehr fiel es auf, als das Blatt auf einmal recht flotte, wenn auch dreist geschriebene Artikel gegen unser Waltersburger Ferienheim brachte.
Der erste Artikel beschäftigte sich mit mir. Es wurde darin ausgeführt, daß ich nach meiner Promovierung (die, wie man erfahre, nicht ohne gewisse Schwierigkeiten vor sich gegangen sei) eiligst das Vaterland verlassen habe, um auf allen Meeren und unter allen Breitengraden der leidenden Menschheit meine ärztliche Kunst angedeihen zu lassen. Das einzige Leiden, mit dem ich zu tun gehabt hätte, wäre die Seekrankheit gewesen, und da sich gegen diese bekanntlich überhaupt nichts tun lasse, so sei ich ja sicher ganz am Platze gewesen. Mein Geist habe so ungeheuer viel Zeit zum Ausruhen gehabt, daß ich (wahrscheinlich unter dem verheerenden Einfluß der Tropensonne) auf die Idee meiner Anstalt „Ferien vom Ich“ gekommen sei. Neustadt solle jubeln und mir eine Dankadresse schicken, mir auch sonst alle mögliche Förderung angedeihen lassen; denn das moderne Weltbad spare sich durch meine Anstalt ein Hanswursttheater, und es wäre nur zu bedauern, wenn sich die Neugründung nicht bis zum nächsten Fasching hielte. In dem jederzeit reichhaltigen Vergnügungsprogramm von Neustadt würde es sich jedenfalls ganz gut ausnehmen, wenn es um die Faschingszeit hieße: Morgen Besichtigung der Waltersburger Kuranstalt „Ferien vom Ich“. Ängstliche seien versichert, daß ein Ausbruch von Irrsinn nicht zu befürchten ist, da sich dieser in der Waltersburger Anstalt nur ganz harmlos und kindlich äußere.
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