Es war in meiner Wohnung am Johannisplatz, wo diese Unterredung stattfand. Das Lärmen auf der Straße wurde indes lauter, die demonstrierende Schar wurde größer. Da verließ mich Stefenson. Den Kopf mit seinem grauen Zylinderhut bedeckt, schritt er seelenruhig durch die Menge. Diese schwieg betroffen und gab eine Gasse frei, dann lärmten die Leute hinter Stefenson her. Ich war so verbittert, daß ich wohl eine Stunde lang planlos vor der Stadt am Bache hin und her ging, ehe ich Stefensons Büro aufsuchte.
„Wissen Sie, was unser erster Architekt gemacht hat?“ fragte er gleich bei meinem Eintritt. „Seinen Kontrakt mit mir hat er gelöst. Der Esel! Mir hat er einen großen Gefallen getan; denn ich weiß einen tüchtigeren und billigeren Mann, als er ist, und bin froh, daß ich ihn loswurde. Glück muß man haben!“ Er rieb sich die Hände.
„Mister Stefenson“, sagte ich ernst; „wir werden wohl unsere Kontrakte alle lösen müssen. Denn obwohl ich natürlich von dem Schundartikel eines verkommenen Subjekts nicht ein Wort glaube, so sehe ich doch ganz klar, daß unsere Situation hier unhaltbar wird, wenn Sie sich nicht von dem Schmutz, der auf Sie geworfen wurde, reinigen. Wir vermögen nicht ohne die Achtung unserer Mitbürger zu bestehen. Wir werden unmöglich!“
Stefenson ging mit großen Schritten auf und ab. Er kaute an seiner pechschwarzen Zigarre. Ganz milde sagte er dann:
„Ja, sehen Sie, lieber Freund, Ihr Volk in Ehren – meine Mutter war ja auch ’ne Deutsche ...“
„Und Ihr Großvater väterlicherseits war Georg Stefan aus Hamburg“, wollte ich dazwischenwerfen, verschluckte es aber.
„Ja, also die Deutschen“, fuhr Stefenson fort, „bilden sich was ein auf den Humor, den sie haben, und den andere, z. B. die romanischen Völker, gar nicht haben. Schön – ich gebe zu, Sie haben Dichter, die ausgezeichneten Humor haben, und auch deutsche Geisteszivilisten sind vielfach mit einer beträchtlichen Dosis von Humor begabt. Aber das ist alles so – entschuldigen Sie – so sparsam, so auf Kleinbetrieb, auf Hausbedarf berechnet. Der Humor, der ins Große geht, der fehlt Ihren Leuten. Himmel, ist das nicht grandioser Humor, wenn ein anständiger Mann sein Geld und seine Zeit auf eine große, aber sehr wackelige Sache setzt, und es kommt so ’n Preßäffchen und kläfft was von Pferdedieb und Petroleumstänker? Das nenne ich Humor. Das liest sich doch nett. Da hat doch der Abonnent was von seinem Blatt. An die Geschichte glauben? Wenn der Leser nur ein bißchen Hirnschmalz hat, fällt’s ihm nicht ein, ein Wort zu glauben. Aber er tut so, als ob er’s glaubte, er mimt mit in der Maskerade und amüsiert sich dabei königlich. Und der, dem der Feldzug gilt, wird ein bekannter, ein berühmter, ein reicher Mann. So sind alle zufrieden: die Zeitung, die den Schwindel aufgebracht hat, die Leser, die eine amüsante Frühstückslektüre gehabt haben, und der Mann, der angegriffen worden ist und seinen Profit [pg 112]hat. Ich sage Ihnen, in Amerika ist es leichter, zehn Verbrechen wirklich zu begehen als eines zu erfinden, das originell genug ist, einem Manne der Öffentlichkeit angehangen zu werden. Und auch in Amerika lebt trotzdem jeder nur auf dem Grunde des Vertrauens seiner Mitbürger. Aber der Humor, Mensch, der Humor darf nicht fehlen!“
„Wir in Deutschland haben einen anderen Humor“, sagte ich und war froh, daß es so ist.
Da kam einer unserer Bauführer und meldete kleinlaut, daß wahrscheinlich fast alle unsere Arbeiter kündigen würden. Als er gegangen war, saß Stefenson gesenkten Hauptes am Tisch.
„Werden Sie nun begreifen“, fragte ich, „daß Sie die gerichtliche Klage anstrengen müssen, daß es absolut Zwang für uns ist?“