Auch für Willcocks handelt es sich im Prinzip um die Wiederherstellung des früheren Zustandes innerhalb des antiken Kulturgebiets. Ursprünglich nahm er sogar ziemlich genau die oben unter Nr. 1-6 aufgezählten alten Kanäle in Aussicht. In dem Vortrag in der Geographischen Gesellschaft in London, den wir oben erwähnten, und der anscheinend seine jetzigen Ansichten wiedergibt, findet sich allerdings ein bemerkenswerter Wechsel vollzogen, und auch die Karte, die dem Januarheft des Geographical Journal 1910 beigegeben ist, zeigt, daß Willcocks die Wiederherstellung gerade des berühmten Nihrawânkanals, der vom Unterlauf der Dijala abzweigte und einen großen Teil des Landes zwischen dem Gebirge und dem linken Tigrisufer bewässerte, aufgegeben hat. Auch sonst fällt an dieser Karte auf, daß sie in verschiedenen Stücken nicht mit der offiziellen Denkschrift stimmt, die Willcocks der türkischen Regierung überreicht hat. Nach dieser sollen z. B. 2000 Quadratkilometer durch Entwässerung des Sumpfgebiets von Kurna gewonnen werden, wo ein Teil des Euphratwassers sich mit dem Tigris vereinigt. Die zum Londoner Vortrag gehörige Karte zeigt hier nichts von Bewässerungsplänen.

Die noch ausstehende genauere Durchforschung der alten Ruinengebiete namentlich östlich vom Tigris und südlich vom Euphratunterlauf wird uns möglicherweise noch wichtige Erkenntnisse über die dort einstmals vorhandene Ausdehnung des Kulturgebiets bringen. Von viel größerer Bedeutung, als die Frage nach dem räumlichen Umfang des alluvialen auf Bewässerung angewiesenen Kulturlandes im Altertum und dementsprechend nach der Größe der jetzt wiederzugewinnenden Flächen ist aber die andere: welches die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Babyloniens und des späteren Irak während der verschiedenen kulturellen Blüteperioden des Landes gewesen ist? Nach dieser Richtung hin unterliegt es gar keinem Zweifel, daß die Gebiete am Unterlauf des Euphrat und Tigris in bezug auf Volkszahl, Wohlhabenheit und Steuerkraft immer den Schwerpunkt Vorderasiens gebildet haben, solange und so oft hier Großstaaten existiert haben, d. h. von der babylonisch-assyrischen Zeit bis zum Niedergang des arabischen Kalifats um die Wende des ersten zum zweiten Jahrtausend. Quellenmäßig und zahlenmäßig beweisen kann man diesen Satz für die Zeit des alten persischen, des sassanidischen und des arabischen Reiches; indirekt erschließen läßt er sich auch für die davor- und dazwischenliegenden Epochen. Es scheint, daß der Sawâd, d. h. das ganze Alluvium außerhalb und innerhalb der vom Unterlauf der beiden Ströme eingeschlossenen Region, den höchsten Stand der Kultur in der zweiten Hälfte der Sassanidenherrschaft, im sechsten Jahrhundert n. Chr., erreicht hat. Schon aus viel früherer Zeit ist aber bekannt, daß im alten persischen Reich, unter Darius I., das Euphrat- und Tigrisland eine höhere Steuerfähigkeit besaß, als Ägypten. Von dieser Tatsache muß stets ausgegangen werden, wenn wir uns ein Bild davon machen wollen, bis zu welcher Höhe der Entwicklung das Irak durch Wiederherstellung des Bewässerungssystems gebracht werden kann, und ihr Gewicht wird dadurch noch bestimmter und zuverlässiger, daß sich fast eineinhalb Jahrtausende später unter den Kalifen, die zum ersten Male seit den alten persischen Königen wiederum Babylonien und Ägypten gleichzeitig beherrschten, ein ähnliches Verhältnis in der Steuerkraft der beiden Länder wiederholt. Babylonien und Assyrien, die im alten Perserreiche zusammen eine Provinz bildeten, zahlten 1000 Talente in den Königsschatz und unterhielten den Hof während eines Drittels des Jahres. Wie das Verhältnis zwischen den Leistungen Babyloniens, d. h. des alluvialen Bewässerungsgebiets, und Assyriens, d. h. der vom Regen getränkten Landschaft im Norden gewesen ist, wird sich nicht mehr ermitteln lassen, aber jedenfalls ist bei weitem der größere Teil auf Babylonien entfallen. Die Leistung Ägyptens unter Darius I. betrug 700 Talente an Steuern für den König und außerdem den Unterhalt für die persische Garnison in der Festung von Memphis. Auf jeden Fall war sie also die erheblich geringere. Unter Harun al Raschid zahlte Ägypten ca. 65 Millionen Dirhem, Babylonien dagegen 135 Millionen. Das Verhältnis ist also wieder ein ganz ähnliches. Unmöglich kann das Zufall sein, sondern es muß sich darin die tatsächliche, im Laufe der Jahrhunderte im Verhältnis annähernd gleichbleibende Verschiedenheit in der Steuerkraft der beiden Provinzen ausdrücken. Von dieser aber dürfen wir wiederum auf die Bevölkerung und auf den Umfang der Anbaufläche zurückschließen. Die äußeren Verhältnisse der Kultur waren und sind am Tigris und Euphrat wie am Nil nahe miteinander verwandt, und die Grundsteuer muß früher wie heute den Hauptbestandteil der von der Regierung erhobenen Abgaben gebildet haben. Man wird es daher nach den ausführlichen Untersuchungen Wagners[3] zwar ohne weiteres zugeben müssen, daß die Zahlen, die aus der sassanidischen Zeit für die Anbaufläche und den Grundsteueretat überliefert sind, teils falsch, teils nicht verwertbar sind, aber das Verhältnis zu Ägypten bleibt bestehen und ist historisch einwandfrei bezeugt. Wenn also Wagner meint, daß 2-2½ Millionen Hektar das Maximum der Fläche darstellten, die in ganz Babylonien je gleichzeitig bebaut gewesen sei, so kann das schon aus dem Grunde nicht gut angenommen werden, weil der in Ägypten unter Kultur befindliche Boden noch ein etwas größeres Areal repräsentiert. Wir haben überdies aus früherer Zeit eine Angabe, mit der auch vom kritischen Standpunkt aus etwas anzufangen ist und die außerdem gut mit den modernen von Willcocks herrührenden Berechnungen stimmt. Es heißt nämlich in den arabischen Quellen, daß zur Zeit des Kalifen Omar (634-644), der das sassanidische Reich eroberte, die Ländereien des Sawâd vermessen worden seien, und das Ergebnis habe für das kultivierte Land 36 Millionen Djarîb betragen. In heutiges Flächenmaß umgerechnet bedeutet das soviel wie etwa 5 Millionen Hektar. Willcocks gibt in dem bereits mehrfach erwähnten Bericht an die türkische Regierung, wie wir sahen, drei verschiedene Zahlen: 1,3 Millionen Hektar für die unmittelbar in Angriff zu nehmenden Arbeiten, 2,6 Millionen für die mit etwas längerer Frist zu beginnende, und 5,6 Millionen Hektar für ganz Babylonien, worunter er aber immer nur die Gebiete unmittelbar zwischen und neben den Strömen versteht, das, was er das »Delta« des Euphrat und Tigris nennt; nicht den ganzen von den Arabern sogenannten Sawâd zwischen der Wüste im Westen und dem iranischen Randgebirge im Osten. Dieses ganze Gebiet berechnet Wagner auf ca. 10 Millionen Hektar. In seinem Vortrag sagt Willcocks (Geogr. Journ., Seite 9-11), das »Delta« der beiden Flüsse sei 12 Millionen acres groß, wovon ca. 9 Millionen Wüste, d. h. zurzeit unbewässerte Steppe und 2,5 Millionen Süßwassersümpfe. Der Rest entfiele demnach auf das gegenwärtig kultivierte Land. Ohne Zuhilfenahme von Reservoiren, d. h. Vorratsbecken, in denen der Überfluß der Hochwasserzeit aufbewahrt werden kann, sagt Willcocks weiter, könne man von diesem sogenannten Delta 6 Millionen acres auf Wintersaaten und 3 Millionen auf Sommersaaten rechnen. 9 Millionen acres sind ca. 3,6 Millionen Hektar. Etwas weiter heißt es, daß mit Hilfe des projektierten Hauptkanals, der zwischen Tigris und Euphrat laufen soll, 3 Millionen acres (1,2 Millionen Hektar) besten Landes bewässert werden sollen. In Zukunft, jetzt allerdings noch nicht, werde dieser eine Kanal, der am See von Akkar Kuf nordwestlich von Bagdad beginnen und in den Schatt el Hai kurz vor dessen Vereinigung mit dem Euphrat münden soll, 6 Millionen acres (2,4 Millionen Hektar) bewässern. Diese Ziffer fällt natürlich in die oben genannten 9 Millionen acres hinein. Nimmt man zu diesen Angaben von Willcocks diejenigen Teile des Sawâds hinzu, die er nicht berücksichtigt, und außerdem das jetzt noch kultivierte Land, so kommt man reichlich auf die 5 Millionen Hektar Kulturland, die es unter Omar im Sawâd gegeben haben soll.

Willcocks sagt in seinem Vortrag, daß man von den fürs erste zu gewinnenden 1,2 Millionen Hektar auf eine jährliche Produktion von 1 Million Tonnen Weizen und 2 Millionen Zentner (400 000 Ballen) Baumwolle würde rechnen können. Unter Zugrundelegung der für später von Willcocks in Aussicht genommenen Verdreifachung des zu bewässernden Areals, ferner der Ländereien westlich des Tigris und der jetzt bereits kultivierten Flächen, käme man also für die Zukunft auf mehrere Millionen Tonnen Weizen und auf mehr als eine Million Ballen Baumwolle als Gesamtproduktion des Landes. Im Altertum hat Baumwolle, wenn überhaupt eine, so jedenfalls keine bedeutende Rolle in der Kultur Babyloniens gespielt; was nicht von Gärten und Palmpflanzungen eingenommen war, stand unter Weizen und Gerste. Wenn wir auf Grund der Willcocksschen Daten, unter Einsetzung von Getreide statt Baumwolle, 6 Millionen Tonnen Korn als durchschnittliche Jahresrente von ganz Babylonien im Altertum annehmen, so wird diese Rechnung nicht zu hoch sein. Wir wissen, daß unter Chosru I. (531-578 n. Chr.) das Kafiz Mischkorn (halb Weizen, halb Gerste) 3 Mithkal Silber kostete. Mit voller Sicherheit ist das durch ein Kafiz repräsentierte Gewicht nicht mehr zu bestimmen; es können je nach der Grundlage der Berechnung 42 oder 46½ Kilogramm sein. Nehmen wir daraus das Mittel mit rund 44 Kilogramm, und das Gewicht von 3 Mithkal gleich 13,6 Gramm Silber, so kostete der Doppelzentner Getreide 30 Gramm Silber, d. h. bei einem Wertverhältnis von Gold zu Silber wie 15 : 1½ nach heutigem Gelde nominell 5,33 Mark. Nach den uns erhaltenen Nachrichten haben die sassanidischen Könige ein Sechstel bis die Hälfte vom Betrage der Ernte, je nach Qualität des Bodens und der Pflanzungen, als Grundsteuer genommen. Rechnen wir den Gesamtbetrag der Ernte gleich 6 Millionen Tonnen Getreide und den durchschnittlichen Steuerbetrag gleich einem Drittel, so gibt das ca. 2 Millionen Tonnen Getreide; nach altem sassanidischem Gewicht also 45 Millionen Kafiz und zum Preise von 3 Mithkal für das Kafiz 135 Millionen Mithkal. Nun haben wir eine Nachricht, daß unter Chosrus I. Vater, König Kobad[4], die Steuer des Sawâd 150 Millionen Mithkal betragen habe. Ebenso besitzen wir aus den ersten 300 Jahren des Kalifats eine Reihe von Einnahmebudgets sowohl für das ganze Reich als auch speziell für den Sawâd. Die erste dieser Angaben teilt mit, daß der Ertrag des Sawâd unter Omar I. auf 84 Millionen Mithkal oder nach dem neuen arabischen Münzfuß 120 Millionen Dirhem veranschlagt worden ist. Wir wissen, daß in den letzten anderthalb Jahrzehnten der sassanidischen Monarchie unglückliche Kriege mit Byzanz, verheerende innere Kämpfe und eine furchtbare Überschwemmung des Euphrat und Tigris im Jahre 627 nach Christus sehr viel Schaden anrichteten und große Strecken Land außer Kultur brachten. Das Sinken der Einkünfte hat also nichts Wunderbares. Dazu kam weiter, daß die erste Zeit der Kalifenherrschaft für Babylonien zweifellos eine Mißregierung bedeutete. Unter Moawija 661-680, der die Regierung von Medina nach Damaskus verlegte, sank die Summe auf 100 Millionen, dann stieg sie wieder auf 135 Millionen und fiel unter den letzten Omaijaden auf 60-70 Millionen Dirhem jährlich. Unter den Abbasiden drückt sich in dem Wiederansteigen der Erträge des Sawâd zunächst die Folge der Verlegung des Regierungssitzes von Damaskus nach Bagdad aus. Harun al Raschid konnte Steuern im Betrage von 135 Millionen Dirhem erheben, ziemlich genau ein Viertel der Steuern des gesamten Kalifenreichs, das sich von Nordafrika bis gegen das innere Hochasien hin erstreckte! Wiederum wie in der altpersischen Zeit haben wir also das Bild, daß die Steuern Babyloniens unter dem Gesamtbetrag der Staatseinkünfte eine schlechthin überragende Stelle einnehmen. Nach Harun al Raschid geht es mit dem Sawâd reißend abwärts. Um die Mitte des neunten Jahrhunderts, mit dem Beginn des Sinkens der Kalifenmacht und dem Aufkommen der türkischen Prätorianer, fallen die Steuern des Sawâds auf weniger als 80 Millionen. Unter den bujidischen Emiren, die seit der Mitte des zehnten Jahrhunderts unter dem Kalifat herrschten, trieb man durch Steuerverpachtung und Konfiskationen die Einkünfte noch einmal bis auf beinahe 100 Millionen in die Höhe, aber ums Jahr 985 hören wir bereits, daß durch den Steuerdruck und die Soldateska das Land zu veröden begann und die Städte ein herabgekommenes ärmliches Aussehen annahmen. Allmählich sank die Macht der Regierung so tief, daß es nicht mehr gelang, das noch bebaute Land vor den Plünderungen der von Norden und Osten herandrängenden Nomaden zu schützen. Im dreizehnten Jahrhundert räumten dann die Mongolen vollends auf. Von da ungefähr datiert der heutige Zustand des Irak, daß die Bewässerungsanlagen, die Dämme, Kanäle und Schleusen, zum allergrößten Teil zerstört sind und nur noch Reste der früheren Volkszahl existieren.

Interessant ist es schließlich noch, aus den Steuerlisten für die ersten Jahrhunderte der arabischen Herrschaft das Ertragsverhältnis zwischen Babylonien und den nördlicheren Ländern, dem eigentlichen Mesopotamien, festzustellen. Unter Harun al Raschid zahlten: der Distrikt von Mossul 24 Millionen Dirhem; Nisibis, Sindschar, Harran und das obere Euphrattal 34 Millionen Dirhem; die Bergdistrikte am Oberlauf des Adhem und der Dijala 5 Millionen Dirhem. Das sind zusammen 63 Millionen Dirhem, also beinahe genau soviel, wie zur selben Zeit ganz Ägypten bezahlte! Der allergrößte Teil der drei vorhin genannten Steuerbezirke ist aber heute sogenannte Steppe und in dieser wird nichts produziert, als etwas Schafwolle. Im Altertum und zur Kalifenzeit muß eine Bevölkerung von Millionen von Ackerbauern dort gesessen haben. Als Omar den Sawâd eroberte, ergab die Zählung der zur Kopfsteuer verpflichteten Männer 550 000, d. h. Haushaltungen und Selbständige. Daraus ist eine Gesamtbevölkerung von mehreren Millionen, einschließlich der großen Städte, zu schließen. Babylonien und Mesopotamien zusammengenommen werden zur Zeit der arabischen Eroberung 5-6 Millionen Einwohner gehabt haben, gegen knapp anderthalb Millionen heute, wobei die Nomaden sogar mitgezählt sind.

Es würde uns an dieser Stelle zu weit führen, in noch genauere Untersuchungen über die früheren Verhältnisse des Landes einzutreten. Zur Verdeutlichung der Hoffnungen, die Willcocks und mit ihm noch viele andere Kenner der dortigen und ähnlicher Verhältnisse aussprechen, wird das Gesagte genügen. Vor allen Dingen aber wird der Leser einen Eindruck davon gewonnen haben, was im Laufe der Jahre die Türkei aus der Wiederherstellung des Irak erwarten darf. Allerdings nicht auf einmal und auch nicht allzu schnell. Auch die Kosten werden keine geringen sein. Die andere Frage ist die, woher die Menschen kommen sollen, um die gewonnenen Flächen zu besiedeln und zu bebauen. Als Willcocks vor zehn Jahren in Kairo dieses Problem berührte, antwortete er kurzweg: sie sollten aus Indien und aus Ägypten kommen. Die Denkschrift des türkischen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten bemerkt an ihrem Schlusse, unmittelbar nach Wiedergabe des Willcocksschen Projektes, daß dessen vorläufiger Umfang sich ja »nur« auf ca. 13 000 Quadratkilometer belaufe. Das Programm umfasse nicht alles, was in Mesopotamien geschehen könne, sondern nur diejenigen Arbeiten, »die im Laufe von sieben bis acht Jahren in dem Gebiet zwischen Bagdad und dem Persischen Golf zu vollenden und ohne Sorge um die Besiedelungsfrage in direkte Verwertung zu nehmen seien.« Zu gelegener Zeit müsse ein Gesamtprojekt für ganz Mesopotamien verwirklicht werden, aber abgesehen von der Kostenfrage sei es klar, »daß die betreffenden Arbeiten solange keine Berechtigung hätten, wie die Türkei diese großen Gebiete nicht kolonisieren könne, und an diese Frage könne man nicht eher denken, als bis es gelungen sein würde, die Kapitulationen abzuschaffen.« Das heißt also, daß nach der Meinung der Denkschrift Arbeiten im großen Stil erst unternommen werden können, wenn die von auswärts heranzuziehenden Kolonisten ohne weiteres türkische Untertanen und damit der türkischen Rechtsprechung unterworfen sein würden. Diese Ausführungen klingen vom türkischen Standpunkte aus nur plausibel, aber dann ist es seltsam, daß die Denkschrift sich so gibt, als ob ca. 15 000 Quadratkilometer zwischen Bagdad und dem Persischen Golf in Kultur genommen werden könnten, ohne daß man Ansiedler von außerhalb heranzieht. Schon bei dem gegenwärtig in der Ausführung begriffenen Projekt in der Koniaebene, das nur 400 bis höchstens 500 Quadratkilometer umfaßt, bildet die Frage, woher die Ansiedler kommen sollen, um dieses neue Land ohne zu große Verzögerung in Bearbeitung zu nehmen, einen Gegenstand der Sorge für die beteiligten Stellen, und dasselbe ist bei dem großen cilicischen Projekt der Fall. Wie soll es da bei einem Areal, das dreißigmal größer ist, als die Irrigationsfläche bei Tschumra, ohne Heranziehung auswärtiger Elemente für die Besiedelung abgehen? Wenn also die amtliche türkische Denkschrift so tut, als ob für bloße 13 000 Quadratkilometer die Besiedelungsfrage noch keine Rolle spiele, so befindet sie sich entweder in einer schwer begreiflichen Unklarheit über die Sachlage, oder sie erkennt die Situation zwar, wünscht sie aber zu verschleiern. Sollte das letztere der Fall sein, so könnte man es schwer anders verstehen, als daß den englischen Interessen Vorschub geleistet werden soll. Willcocks ist Engländer und das türkische Ministerium der öffentlichen Arbeiten ist seit dem Beginn der neuen Ära in der Türkei von zwei anglophilen Armeniern verwaltet worden. Man braucht natürlich nicht zu glauben, daß diese Kreise tatsächlich eine indisch-ägyptische Einwanderung nach dem Irak ins Werk setzen wollen, aber man wünscht Willcocks und mit ihm ganz allgemein die Betätigung englischer Persönlichkeiten und englischen Kapitals. Weiter reicht die Überlegung im Augenblick wahrscheinlich nicht. Es ist aber klar, daß es nutzlos sein wird, 150 oder 600 Millionen Mark in die Wiederherstellung des Kanalsystems zu stecken, und das Land samt den neuen Kanälen und Dämmen dann ohne Bebauer liegen zu lassen. Durch innere Kolonisation kann die Türkei nicht genügend Ansiedler für das Irak bekommen, und die Heranziehung der mohammedanischen Auswanderer aus Bosnien, Bulgarien, Kreta, dem Kaukasus usw. kann auch nicht in solchem Maße geschehen, daß damit geholfen wäre. Außerdem würden es die Leute von dort im Irak klimatisch gar nicht aushalten. Es bleibt also wirklich nichts anderes übrig, als Einwanderung von Mohammedanern aus anderen ähnlich gearteten Ländern. Diese müssen dann aber türkische Untertanen werden, und solange die gegenwärtigen Kapitulationen zwischen den europäischen Mächten und der Türkei gelten, könnte das gerade für indische Mohammedaner nicht geschehen. Die Ägypter sind formell ja türkische Staatsangehörige; in Wirklichkeit würden Einwanderer von dort gleichfalls der englischen Politik als Instrumente zur Ausbreitung des englischen Interessengebiets dienen müssen. Wie die Dinge in der Türkei heute liegen, wird es aber schwerlich lange dauern, bis die jungtürkische Regierung die Abschaffung der Kapitulationen energischer aufs Tapet bringt. Da von unserer Seite, wie eingangs ausgeführt, an keinerlei Kolonisation in Kleinasien, Mesopotamien, Babylonien oder sonst irgendwo innerhalb des türkischen Reichs gedacht wird, so brauchten wir in dieser Beziehung einer Neuordnung der Kapitulationsfrage keinen Widerstand entgegenzusetzen. Wir werden auf keinen Fall in die Lage kommen, Kolonisten in die Türkei ziehen zu lassen, denen es auf die Staatsangehörigkeit ankommt. Andererseits kann die türkische Regierung die Abschaffung der Kapitulationen auch nicht eher beantragen, als bis sie imstande ist, genügende Garantien für die Unparteilichkeit ihrer Verwaltungs- und Gerichtsbehörden gegenüber Ausländern, zumal Nichtmohammedanern, zu geben.

Diese Erörterungen haben uns aber schon etwas über unser eigentliches Thema hinausgeführt. Vielleicht sind sie trotzdem nicht ganz überflüssig gewesen, denn sie zeigen, wie umfassend der Kreis der Probleme ist, die mit dem Thema von der Bagdadbahn zusammenhängen. Auf der anderen Seite mußten natürlich im einzelnen viele an sich interessante und wichtige Details unberücksichtigt bleiben oder konnten nur flüchtig gestreift werden. Namentlich aber habe ich es bedauert, so wenig von meinen persönlichen Eindrücken, Beobachtungen und Erlebnissen in jenen alten Ländern zwischen dem hohen Iran und dem Mittelmeer hier mit hineinnehmen zu können. Sind sie es doch gewesen, die überhaupt in mir das Bedürfnis nach einer besonderen Darstellung der Bagdadbahnfrage hervorgerufen haben!


Druck von Ramm & Seemann in Leipzig.

Fußnoten

[1] »Deutschland unter den Weltvölkern«. 3. Auflage, 1911. Verlag der Hilfe, Berlin-Schöneberg.