Unter den wirtschaftlichen Zukunftsaussichten im Gebiet der Bagdadbahn muß auch die Bedeutung der Petroleumlager jenseits des Tigris erwähnt werden. Von ihnen ist aber schon im zweiten Kapitel die Rede gewesen. Genauer auf sie einzugehen und weiterblickende Erwägungen anzustellen, ist solange nicht möglich, wie keine Bohrungen und sonstige systematische Untersuchungen angestellt sind. Wir bemerkten bereits, daß es leider den Anschein hat, als ob auch hier wieder fremder Unternehmungsgeist und fremdes Kapital mutiger und mehr vorausblickend sind, als die deutschen »führenden« Kreise.

Bei weitem am wichtigsten für die Abschätzung der kommenden Entwicklung im Gefolge der Bagdadbahn sind natürlich diejenigen Gebiete, auf deren Reichtum und Volkszahl im Altertum die materielle Kultur Vorderasiens am meisten beruht hat. Dazu gehörten Kleinasien und Cilicien, ungeachtet ihrer früheren Blüte, nicht; auch Syrien kann nur bedingt dorthin gerechnet werden, denn seine Bedeutung war mehr die eines wichtigen Durchgangslandes für Handel und Verkehr, als die eines Gebietes wirtschaftlicher Urproduktion im großen Stil. Diese Rolle spielten vielmehr die Euphrat- und Tigrisländer, Mesopotamien und vor allen Dingen Babylonien. Hierbei muß betont werden, daß ihre alte Kultur im wesentlichen durchaus auf dem Ackerbau, auf dem Getreidereichtum und der hierdurch bedingten Volksdichte beruhte. Die Untersuchung darüber, welchen Stand materieller Kulturentwicklung das heutige Bagdadbahngebiet im Altertum besessen hat, ist daher eine der wichtigsten, die überhaupt angestellt werden können, wenn wir die Frage nach der Wiedererweckung dessen, was dort einst war, beantworten wollen. Dabei haben wir leider mit der bereits mehrfach berührten Schwierigkeit zu kämpfen, daß bei uns in Deutschland so überaus unklare Vorstellungen von den vorderasiatischen Dingen herrschen, während z. B. in England entschieden mehr Sachverständnis weiterer Kreise gerade für dieses Gebiet vorhanden ist. Vor etwa einem Jahrzehnt, als wegen des Abschlusses der Baukonzession das Thema von der Bagdadbahn zeitweilig sehr im Vordergrund der Erörterung stand, schrieb eine große und sehr angesehene Zeitung in einem Artikel: »Die wirtschaftliche Bedeutung der Bagdadbahn« wörtlich folgendes:

»Etwas genauere Beachtung beansprucht Kleinasien als der einstige Produzent, besonders von Getreide, um so mehr, als von beteiligter Seite bereits das Land als ein sehr gefährlicher Konkurrent unserer heimischen Landwirtschaft bezeichnet worden ist. Es soll hier gleich an erster Stelle betont werden, daß die dort zu erwartende Produktion allerdings eine sehr bedeutende sein wird, sobald das Land erst in einen Kulturzustand versetzt wird, den es vor ca. 3000 Jahren bereits einmal eingenommen hat, als der schwarze Alluvialboden, dort Sawâd genannt, durch ein Netz von beiläufig 120 000 Kanälen bewässert wurde. Noch unter persischer Herrschaft war das Land die höchst besteuerte Satrapie und selbst in der früheren Kalifenzeit vor ca. 1200 Jahren, deren Steuerfolianten uns erhalten geblieben sind, bezifferten sich die Steuererträgnisse auf ca. 235 Millionen Mark, volle zwei Dritteile der gesamten Staatseinnahmen der heutigen Türkei. Und dabei hatte damals der Verfall schon jahrhundertelang bestanden. Das Resultat, das heute durch bloße Wiederherstellung der alten Kanalisationswerke zu erzielen ist, beziffert Aloys Sprenger, ein genauer Kenner der einschlägigen Verhältnisse, in seinem Buche ›Babylonien, das reichste Land der Vorzeit‹, auf rund zwei Milliarden Mark. Berücksichtigt man dabei, daß der schwarze Sawâd eine Ausdehnung von über 24 Millionen Hektar besitzt – also etwa ein Gebiet so groß wie Italien – und daß das Land hinsichtlich der Betriebskosten die gepriesensten Vorzüge Indiens und Amerikas in sich vereinigt, so ist allerdings nicht ausgeschlossen, daß mit der Zeit ein bedeutender Rückgang der Getreidepreise zu verzeichnen sein wird und daß in diesem alten Kulturlande ein reiches und kaufkräftiges Volk emporblühen wird.«

Durch diese Ausführung zieht sich als leitendes Mißverständnis die Verwechslung von »Kleinasien« und »Sawâd«. Der Sawâd, der dunkle Alluvialboden, ist die frühere arabische Bezeichnung für das babylonische Tiefland am Unterlauf des Tigris und des Euphrat, das Kernstück des Irak oder des heutigen türkischen Vilajets von Bagdad. Kleinasien dagegen, d. h. die Halbinsel Anatolien, ist erstens kein Land mit schwarzem Alluvialboden, zweitens ist es nicht von Tausenden von Kanälen bewässert worden, und drittens war es vor 1200 Jahren nicht ein Bestandteil des arabischen, sondern des byzantinischen Reichs und zahlte seine Steuern nicht nach Bagdad, sondern nach Konstantinopel. Auch ist es nie »eine Satrapie« des persischen Reichs gewesen, und vollends nicht die höchstbesteuerte. In demselben Zeitungsartikel wird dann weiter von den »gewaltigen Petroleumquellen Babyloniens« geredet, die das russische Erdölgebiet am Kaspischen Meer an Ergiebigkeit um das Zehnfache übertreffen sollen. Petroleumquellen sind in Babylonien nicht bekannt, und daß die weiter nördlich liegende mesopotamische Naphtha- und Asphaltzone zehnmal reicher sein soll, als die Lager von Baku, wäre interessant, wenn es bewiesen wäre. Vorläufig aber ist es reine Phantasie.

Wir müssen im Gebiet der Bagdadbahn und ganz besonders in dem mesopotamisch-babylonischen Stromlande beachten, daß es dort zwei grundverschiedene Arten von Kulturland gibt. Die eine Art ist vom Regen bewässertes Land; die andere bedarf zur Hervorbringung irgendwelcher Früchte in jedem Falle künstlicher Bewässerung vermittels fließenden Wassers. Ich habe auf vielerlei Kreuz- und Querzügen im Winter 1900/1901 mein Augenmerk hauptsächlich darauf gerichtet gehabt, festzustellen, wieweit sich im Altertum die Zone der auf Regenfall gegründeten Ackerbaukultur in Mesopotamien erstreckt hat. Ich kann für die Einzelheiten auf die Beschreibung meiner Reise in den »Preuß. Jahrb.« verweisen und gebe an dieser Stelle nur ein kurzes Resümee meiner persönlichen Studien, indem ich dabei das wesentliche von anderen neuerdings bekannt gewordenen Forschungsreisen in jenen Gebieten, die sich mit demselben Thema beschäftigen, namentlich die Veröffentlichungen des Freiherrn Max v. Oppenheim, mit meinen eigenen Erfahrungen verbinde. Unzweifelhaft ist ein viel größerer Teil Mesopotamiens, als man gewöhnlich bisher anzunehmen geneigt war, im Altertum und während des früheren Mittelalters, d. h. bis ins achte und zehnte Jahrhundert, bebaut und besiedelt gewesen, und ich habe als Resultat aller darauf verwandten Studien gefunden, daß in der äußeren Natur seit jener Zeit keinerlei Umstände eingetreten sind, aus denen man genötigt wäre zu folgern, jene blühenden Zustände ließen sich heute nicht mehr durch geeignete Maßnahmen herstellen. Daß diese Tatsache, die Nichtänderung des Klimas in historischer Zeit, von entscheidender Wichtigkeit für die Besiedelungs- und Kultivierungsfrage ist, braucht wohl nicht erst besonders hervorgehoben zu werden.

Während heutzutage sich nur noch eine ganz schmale Kulturzone vom Rande des iranischen Hochlandes östlich Mossul längs des Tigris und des sogenannten Tur Abdin westwärts über den Euphrat hinüber bis nach Nordsyrien hineinzieht, eine Zone, die so schmal ist, daß sie öfters fast vollkommen von der »Wüste« unterbrochen wird, war der ganze nördliche und nordwestliche Teil Mesopotamiens, dazu das ganze im engeren Sinne assyrische Gebiet, d. h. das Dreieck zwischen dem Tigris, dem untern Sab und dem Hochlande, schon um das Jahr 1000 v. Chr. so dicht bevölkert, wie wahrscheinlich nur noch ganz wenige Teile der damals besiedelten Welt. Nur das Alluvialland am Unterlauf der großen Ströme mag schon zu jener Zeit eine noch stärkere Bevölkerung ernährt haben. Die beiden Flüsse Chabur und Belich, die heute fast von ihren Quellen an bis zur Mündung in den Euphrat durch völlig wüstes Land fließen, strömten damals auf dem größten Teil ihres Laufes durch eine breite Kulturzone, wie das zuerst Freiherr Max v. Oppenheim während seiner im Jahre 1899 unternommenen Reise durch den Nordwesten Mesopotamiens in Ergänzung zu meinen mehr nach Norden und Osten gerichteten Studien in dankenswerter Weise festgestellt hat. Ich meinerseits kann aus eigenem Augenschein berichten, daß sich vom Tur Abdin ab nach Süden sowohl in der Gegend von Veranscheher bei Urfa als auch von Nsebin aus, dem alten Nisibis, als auch endlich noch weiter ostwärts, das ganze Land weit und breit von einer solchen Menge alter Tells erfüllt zeigt, deren jeder die Lage einer antiken Stadt oder eines Dorfes bezeichnet, daß allein nach diesem Kennzeichen zu urteilen die Bevölkerung Nordmesopotamiens zur assyrischen, römischen und sassanidischen Zeit mindestens so dicht gewesen sein muß, wie die einer beliebigen Ackerbaulandschaft des damaligen Europa. Es spricht aber nicht nur dieser direkte Augenschein für die Quantität und Qualität der alten Kultur, sondern wir können überhaupt erst dann, wenn wir die Voraussetzung starker Bebauung und Bevölkerung in diesem Gebiete für das Altertum machen, die historischen Nachrichten begreifen, die wir über ihre Schicksale besitzen. Um nur eins zu nennen, so hören wir bei römischen wie bei orientalischen Schriftstellern in gleicher Weise von langen und hartnäckigen Kriegen erzählen, die seit den Zeiten der ausgehenden römischen Republik bis auf die Epoche des aufkommenden Islams hin zwischen dem römischen Reiche und den östlichen Großstaaten, Armenien, Parthien und dem sassanidischen Persien, gerade um dieses Stück von Vorderasien geführt worden sind. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß ein halbes Jahrtausend lang wahre Ströme von Blut um die Landschaften, deren Zentren Urfa (das alte Edessa) und Nisibis sind, vergossen wurden. Vom zweiten bis ins vierte Jahrhundert hinein überwog in diesen Kriegen die Kraft des Abendlandes; danach die des Orients. Trajan eroberte Mesopotamien und der Norden des Stromlandes blieb seitdem beim Reich. Jovian, der Nachfolger des unglücklichen Julianus Apostata, mußte fast alles an die Perser abtreten, um sich von den nachdrängenden Feinden, die ihn auf dem linken Ufer des Tigris in der Gegend von Tekrit eingeschlossen hielten, um diesen Preis den Übergang zurück über den Strom und die Heimkehr mit dem Heere zu erkaufen. Von diesem für Rom so verhängnisvollen Jahre 363 an haben die Kriege zwischen den Imperatoren und den Sassaniden um Mesopotamien auch nicht während eines einzigen Menschenalters aufgehört, bis der hereinbrechende Arabersturm das persische Reich vom Erdboden hinwegfegte und die Byzantiner über den Taurus hinüber in die Defensive zurückwarf. Einen solchen Verlauf der Geschichte des Landes kann man nur verstehen, wenn man weiß oder annimmt, daß es reich und bevölkert gewesen ist. Bei dem Zustande, in dem sich Mesopotamien nach Menschenzahl, Reichtum und Anbau heutigestags befindet, wäre es sowohl für den Besitzer, der es verteidigt, als auch für den Prätendenten, der es erstrebt, eine Torheit, soviel Blut um das Land zu vergießen, denn es ist zu mehr als neun Zehnteln eine Wüste, in der nichts wächst außer dürrem Steppenkraut, und wo noch keine Viertelmillion seßhafter Einwohner und einige Zehntausende armseliger Beduinen leben. Und dennoch bedürfte es auch heute keiner weiteren Veränderung, als der politischen Sicherheit für den Ackerbauer, damit der Pflug wiederum wie vor 1000 und 2000 und wohl auch 3000 und 4000 Jahren über die tiefgründige braune Ackererde geht und Weizensaat, Gerste und Baumwolle abermals der Ernte entgegenreifen. Ich habe Tagereisen weit in der sogenannten Wüste fern von jeder dauernden Ansiedelung kleine Stückchen Gerstensaat gefunden, die von den arabischen Nomaden angelegt werden, um etwas Kraftfutter für ihre Pferde zu bekommen. Die Leute kratzen den Boden in der primitivsten Weise auf, streuen die Gerste hinein und kommen wieder, wenn es Zeit zur Ernte ist. Das ist ein Beweis dafür, daß die Menge des jährlich fallenden Regens heute noch wie damals hinreichend ist, um Ackerbau zu ermöglichen. Aber auch wenn dieses Zeugnis nicht existierte, so müßte man es doch den Leuten im Lande glauben, die nach ihrer Erkenntnis und Erfahrung versichern, daß man Weizen und was man sonst wolle drinnen in der Wüste ganz ebensogut bauen könne, wie weiter nach Norden und Nordosten am Rande des Berglandes auch noch unter dem freilich sehr ungenügenden Schutz der schwachen türkischen Regierungs- und Militärgewalt längs der großen Verkehrsstraße von Konstantinopel nach Bagdad. Die klimatischen wie die Bodenverhältnisse sind hier wie dort dieselben. Wollte aber ein Bauer den praktischen Versuch wagen, sich beispielsweise auch nur eine halbe Stunde südwärts von dem jetzigen mit einer kleinen Garnison belegten Städtchen Nsebin in der »Wüste« anzusiedeln oder ein Stück Feld dort zu bestellen, so würden bei der ersten besten Gelegenheit die Beduinen ihn aufgreifen und zur Erpressung eines Lösegeldes gefangen mit sich fortschleppen, oder wenn nicht das, so würden sie seine Saat, bevor er sie geerntet hat, ohne Umstände für sich nehmen. Mehr aber als der Beseitigung dieser politischen Unsicherheit bedarf es nicht, um das alte Leben und den alten Segen des Landes wieder erstehen zu lassen. Die Bevölkerung, d. h. die Bauernschaft, würde mit Freuden, sobald sie nur ihres Lebens und ihres Eigentums sicher wäre, sich ausdehnen, in die Wüste hinein sich ausbreiten und Land unter den Pflug nehmen; die Dörfer würden nicht zu Dutzenden, sondern zu Hunderten in wenigen Jahren entstehen. Nur am Nordfuße der das obere Mesopotamien in westöstlicher Richtung durchziehenden Sindschargebirgskette habe ich eine mehrere Stunden breite Zone sterilen salzigen Bodens gefunden. In diesem Landstrich fehlen aber auch die bis dahin den von Norden her kommenden zu beiden Seiten bis an die Grenze des Gesichtskreises in massenhafter Menge begleitenden Tells vollständig – ein Beweis dafür, daß die Gebiete wirklicher physischer Unfruchtbarkeit heute wie im Altertum dieselben sind. Aber nicht nur im Norden und Nordwesten des Landes, im Gebiet der vom Tur Abdin herabströmenden wasserreichen Flüsse und Bäche, deren Reichtum heute unbenutzt verbraust, hat im Altertum eine starke Kultur existiert, sondern selbst noch auf der Südseite des Sindschargebirges, wo es keine das ganze Jahr über fließenden Wasseradern oder doch nur eine einzige größere dieser Art gibt, den Fluß Tharthar, reicht der Regen noch eine Strecke weit nach Süden in die Steppe hinein aus, um dauernde menschliche Ansiedelungen zu ermöglichen. Die Menge der Tells, die man von den südlichen Vorhöhen des Sindschar aus nach Süden in der Ebene erblickt, beweist es deutlich, daß mindestens noch eine und an manchen Punkten auch zwei Tagereisen weit der Anbau in früherer Zeit dorthinein vorgedrungen war. Auch die Lage der großen und reichen Stadt Hatrae, deren Ruinen am Unterlauf des Tharthar das Staunen der Reisenden erregen, die in dieses von Europäern nur sehr selten besuchte Gebiet gelangen, beweist dasselbe. Und was soll man vollends dazu sagen, daß die Ursprungsgegend der assyrischen Kultur, das Stammgebiet des späteren Großreichs von Ninive, nicht etwa auf dem linken Tigrisufer in der wohlbewässerten und regenreichen Hügellandschaft zwischen Tigris und Sab liegt, sondern auf dem rechten. Es war Assur, heute Ruinen bei Kalat-Schergat. Man sieht daraus deutlich, daß am Ende des zweiten und zu Beginn des ersten Jahrtausends v. Chr. Geburt, wo wir zuerst von der Existenz der Stadt und des Reiches von Assur etwas hören, diese heutzutage fast vollkommen wüsten, unbevölkerten und unbebauten Bezirke eine so große Ackerbau treibende Bevölkerung ernährt haben, daß der Umfang ihrer Hauptstadt, wie die heutigen Überreste beweisen, nur um ein weniges kleiner war, als der Raum, den die Wälle der großen Weltstadt Ninive umschließen.

Alles vom Regen bewässerte Land in Mesopotamien harrt also, wie gesagt, nur des Pfluges, der es wieder unter Kultur nimmt. Anders, auf der einen Seite schwieriger, auf der andern Seite weit mehr versprechend, liegen die Dinge im Süden des Stromlandes, im alten Babylonien. Die Araber nennen das ganze Alluvialgebiet, so weit es von den Ablagerungen der Ströme und ihrer Tributäre bedeckt ist, den Sawâd, d. h. den dunklen, den schwarzen Boden. Etwa von der Breite der Naphthastadt Kerkuk an hört die Menge des Regenfalles auf, für den Anbau des Landes zu genügen, und die künstliche Bewässerung tritt, erst ergänzend, danach als Alleinherrscherin, an die Stelle. Vollends im eigentlichen Babylonien kann nur durch ihre Hilfe von Kultur die Rede sein.

Die Kultur der alten Babylonier beruhte durchweg auf der Kanalisation ihres Landes. Vom Euphrat und vom Tigris sowie von den westlichen, dem Iranischen Hochland entströmenden Nebenflüssen des Tigris zweigte sich eine Anzahl großer Magistralkanäle ab und bildete zunächst ein großmaschiges Netz breiter künstlicher Wasseradern. Die Hauptlinien dieser alten Kanäle erster Ordnung sind heute noch ausnahmslos teils erhalten, teils in ihrem Lauf mit hinreichender Deutlichkeit zu verfolgen; nur an einigen wenigen Stellen sind sie auch noch, wenn auch in sehr bescheidenem Maße, in Funktion. Man könnte auch gegenwärtig nichts Klügeres und Besseres tun, als im wesentlichen das alte Netz wieder herzustellen. Allerdings müßte man dabei mindestens für die erste Zeit der Wiederkultivierung des Landes darauf verzichten, es in seinem ganzen Umfang wieder für den Anbau zu gewinnen. Gut zwei Drittel seines Areals sind durch die über ein Jahrtausend währende Vernachlässigung in einen Zustand versetzt worden, der so kostspielige und weitausgreifende Anlagen zur Beseitigung des herrschenden Übels erfordern würde, daß davon noch auf lange hinaus wird abgesehen werden müssen. Sowohl der Euphrat als auch der Tigris sind so geartet, daß sie im Frühling alljährlich zur Zeit ihres Hochwassers das ganze Land an ihrem Unterlauf weit und breit überschwemmen und dabei eine Menge Sedimente zurücklassen. Diese Schlammablagerungen sind an den Rändern des Strombettes am stärksten, und daher kommt es, daß sich zu beiden Seiten des Wasserlaufes eine Erhöhung der Anschwemmungen, ähnlich einem breiten flachen Damme bildet, so daß das umliegende Land in weiterer Entfernung schließlich selbst tiefer zu liegen kommt, als der Stromspiegel selbst. Bei diesem Sachverhalt kommt alles darauf an, durch ein umsichtig angelegtes und unausgesetzt überwachtes und erhaltenes System von Dämmen, Wasserdurchlässen und Schleusen die namentlich zur Frühjahrszeit rasch und reißend strömenden Wassermassen unter Kontrolle zu behalten. Es müßten jederzeit große Menschenmengen auf einen Wink von leitender Stelle bereit stehen, um an einem gefährdeten Punkt in größtmöglicher Eile die nötigen Arbeiten, sei es öffnender, sei es schließender Natur, vorzunehmen. Zur Zeit Alt-Babylons, wohl auch zur früheren persischen und sicher zur sassanidischen Zeit, funktionierten diese Anlagen gut. Nach der arabischen Eroberung verfielen sie aber und es bildeten sich teils Trockensteppen, teils Sümpfe.

Für die Wiederherstellungsarbeiten wäre an folgende Gegenden zunächst zu denken: 1. Das Zwischenstromland von Feludscha bis zu den Ruinen von Kufa am Euphrat, von Samarra bis Kut el-Amara am Tigris. 2. Das Land auf dem linken Tigrisufer von Tekrit bis Bagdad. 3. Der alte Nihrawanbezirk zwischen dem Nahr Adhem, dem östlichen Gebirge und dem Tigrislauf bis Kut el-Amara, in früherer Zeit hauptsächlich das Bewässerungsgebiet der Dijala. Innerhalb dieser drei Regionen sind selbst heute noch hier und da größere Überreste der einstigen Bodenbebauung vorhanden; hier läßt sich das Kanalnetz, das sich Jahrtausende hindurch bewährt hatte, bevor es in Verfall geriet, überall noch in seinen Spuren verfolgen, ja was an funktionierenden künstlichen Wasserläufen überhaupt noch vorhanden ist (wie klein und dürftig waren aber die wasserführenden Adern, über die ich zwischen Bagdad und Babylon gefahren bin!), das verläuft in den alten Betten; hier endlich spielt die Frage der Uferbefestigung und Laufregulierung bei den Strömen selbst noch nicht entfernt die Rolle, wie weiter unterhalb. Es handelt sich innerhalb des umschriebenen Gebietes um sechs oder sieben große Magistralkanäle, die in ihrer Richtung und Anlage allesamt noch wohl erkennbar, teilweise auch an ihren Ausgangspunkten sogar noch wasserführend sind, nämlich 1. der Isakanal, 2. der Sarsarkanal; diese beginnen beide nicht weit von dem heutigen Örtchen Feludscha am Euphrat und mündeten unterhalb Bagdad nahe beieinander in den Tigris, 3. der mächtige Nahar Malka oder Königskanal, der unterhalb Feludscha sich aus dem Euphrat abzweigt und früher die Hälfte des Euphratwassers in südöstlicher Richtung direkt auf Seleukia-Ktesiphon zu und dort in den Tigris führte, 4. der Nilkanal, der oberhalb Babylons beginnt und in früherer Zeit einen Arm gleichfalls nach Seleukia, einen anderen nach der Gegend von Kut el-Amara entsandte. Diese vier Kanäle mit ihren Verzweigungen bildeten das nordbabylonische Zwischenstromsystem. 5. Das große Nihrawansystem, dessen Hauptadern das Wasser der Dijala über das ganze Gebiet zwischen Bagdad, Kut el-Amara und dem Gebirge verteilten. Ein besonders breiter und schiffbarer Arm mündete gerade gegenüber dem Ausfluß des nördlichen Zweiges des Nilkanals bei Seleukia-Ktesiphon und stellte auf diese Weise eine ununterbrochene direkte Wasserverbindung für den Gütertransport vom Ausgang der medischen Pässe bis nach Babylon und Kufa samt allen Landschaften am unteren Euphrat her; ebenso auch in umgekehrter Richtung. 6. Der Katulkanal – von einem Punkte etwas unterhalb Tekrit am Tigris in südöstlicher Richtung, den Nahr Adhem schneidend, zur Dijala, die östlichen Uferbezirke des Tigris mit Wasser aus dem Strome speisend.

Über den Umfang des babylonischen Kulturlandes im Altertum ist es aus dem Grunde nicht leicht, zahlenmäßige Angaben zu machen, weil noch keine genügenden Untersuchungen darüber angestellt sind, wieweit sich die Überreste der früheren Besiedlung, die sogenannten Tells, namentlich nach Osten und Westen gegen die arabische Wüste und gegen das iranische Hochland zu ausdehnen. Auf jeden Fall viel zu groß ist die arabische, von Sprenger in seinem Buche über Babylonien als das reichste Land der Vorzeit übernommene Angabe, der Sawâd sei, nach modernem Flächenmaß, 24 Millionen Hektar, 240 000 Quadratkilometer, groß gewesen. Die Wiedergabe jener alten Berechnung durch Sprenger ist längere Zeit hindurch, auf Sprengers Autorität hin, ohne Nachprüfung übernommen worden, so anfangs auch von mir, bis Hermann Wagner auf Grund einer genauen Oberflächenberechnung nachwies, daß die Vorstellung von 240 000 Quadratkilometer weit übertrieben war. Wenn man alles Land, das aus dem Euphrat, dem Tigris und dessen Nebenflüssen den Höhenverhältnissen nach Wasser zugeleitet erhalten kann, in Betracht zieht, so muß man die 240 000 Hektar fast auf die Hälfte reduzieren, und wenn man sich auf diejenigen Flächen beschränkt, wo die Bewässerung unter den heutigen Verhältnissen der Strömung praktisch mit Vorteil erfolgen kann, so muß man noch weiter heruntergehen. Willcocks, die erste Autorität auf diesem Gebiet, berechnet Babylonien zwischen und unmittelbar neben den Strömen auf 5,6 Millionen Hektar. Aus dieser Gesamtsumme der Ländereien sondert er aber die Hälfte, 2,8 Millionen Hektar, als vorzugsweise geeignet aus, und für den Augenblick beschränkt er sein Programm sogar auf ein noch kleineres Areal: ca. 1,3 Millionen Hektar. Die türkische Regierung hat ihm noch unter dem alten Regime die Ausarbeitung eines genauen Planes für die Wiederherstellung der alten Bewässerung im Irak aufgetragen und ihm die Leitung der zu Ausführung gelangenden Arbeiten zugesagt. Über seine Pläne hat er einen kurzen aber inhaltreichen Bericht an das Gouvernement in Konstantinopel eingereicht, der in der bereits erwähnten Denkschrift des türkischen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten über Eisenbahnbauten und Kulturarbeiten vom Jahre 1909 publiziert ist (französisch). Etwas später, am 15. November 1909, entwickelte Willcocks seine Ansichten auch in einem Vortrag in der Königlich Geographischen Gesellschaft in London. Er ist gedruckt im Januarheft 1910 des »Geographical Journal« der Gesellschaft. K. Ch. Christiansen hat im Septemberheft der Hettnerschen Geographischen Zeitschrift, 1910, einen Artikel über die künstlichen Bewässerungspläne Babyloniens publiziert, der das Wesentliche der Willcocksschen Pläne wiedergibt.