Unter das Stichwort »Bagdadbahn« gehört ein für Deutschland sehr weittragender, umfassender und nicht einfacher Zusammenhang von Tatsachen und Erwägungen der großen Politik. Als zuerst der Gedanke im Ernst auftauchte, unter Führung deutschen Kapitals und mit maßgebender Beteiligung der deutschen Industrie einen Schienenweg zu erbauen, der am Bosporus beginnen und am persischen Golfe endigen sollte, da dachte man in weiteren Kreisen zunächst nur an die sogenannten rein wirtschaftlichen Vorteile, die sich hieraus für das deutsche Wirtschaftsleben ergeben würden. Wer seine Gedanken weiter schweifen ließ, der stellte sich vor, daß in Zukunft auch die Versorgung des europäischen, zum Teil also auch des deutschen Marktes mit Getreide, Baumwolle und anderen Produkten aus dem zukünftigen Gebiet der Bagdadbahn würde stattfinden können, sobald dort infolge des Bahnbaues Bodenertrag und Bevölkerung wieder auf einen ähnlichen Stand gelangt sein würden, wie einst im Altertum. Man braucht diese Erwägungen keineswegs auszuschließen, ja man kann und muß sie sogar stark unterstreichen, aber der eigentliche Ausschlag in der Gesamtheit der Fragen, um die es sich hier handelt, liegt nicht bei ihnen, sondern auf anderem Gebiet. Um ihn seiner Natur nach zu verstehen, ist es notwendig, von ziemlicher Ferne her auszuholen, und zwar von dem Wechsel in den Prinzipien der deutschen auswärtigen Politik, der bald nach 1890 durch das veränderte Verhältnis zu England offenbar wurde.

Von 1870 an ist unsere Politik etwa ein Vierteljahrhundert lang ganz überwiegend durch das Verhältnis zu Frankreich bestimmt worden. Als der Frankfurter Friede geschlossen war, sagte Moltke, die Festhaltung des Errungenen würde dem neuen deutschen Reich fünfzig Jahre Waffenbereitschaft kosten. Bismarck führte in seinen »Gedanken und Erinnerungen« mehrfach aus, wie das Prinzip der Gefahr für Deutschland hierbei in der Möglichkeit der »Konstellation des Siebenjährigen Krieges« läge, d. h. in einem Bündnis Frankreichs, Österreichs und Rußlands gegen uns. Aus diesem Grunde, sagt er, müsse die deutsche Politik so geführt werden, daß Deutschland zwischen Österreich und Rußland sich mindestens mit einem dieser beiden Staaten, womöglich aber mit beiden, in einer dauerhaften Verständigung befinde. Sehr häufig findet sich bei Bismarck, angedeutet oder ausgesprochen, der Gedanke, daß – vom Standpunkt Deutschlands aus betrachtet – der politische Zusammenschluß der drei Kaiserreiche im Grunde das ideale europäische System sei, immer mit Rücksicht auf das Revanchebedürfnis Frankreichs und auf die von dort ausgehende, den alten Monarchien unbequeme Agitationskraft der demokratisch-republikanischen Idee.

Eine verhältnismäßig sehr geringe Rolle spielt dagegen in dem politischen Gedankensystem Bismarcks das Verhältnis zu England. Persönlich empfand er England gegenüber eher Abneigung als Zuneigung, aber die Möglichkeit eines akuten Zusammenstoßes der deutschen und der englischen Interessen sah er nirgends, und tatsächlich bestand sie auch zu seiner Zeit noch nicht. Die englische Politik in Europa zur Zeit Bismarcks war in erster Linie Orientpolitik, und der Orient war damals, wie Bismarck selbst gesagt hat, für Deutschland »nicht die Knochen eines pommerschen Grenadiers wert«. Abgesehen hiervon trieb England eine Politik der großen überseeischen Interessen, und solche kamen für Deutschland noch wenig in Frage. Bismarcks praktischer politischer Standpunkt gegenüber England war bestimmt durch die Erwägung, daß Deutschland bei England eine Versicherung seiner Errungenschaften von 1870/71 nicht suchen könne: erstens deshalb nicht, weil die Interessenkreise beider Staaten auseinanderfielen, und zweitens, weil die englische Verfassung Bündnisse von gesicherter Dauer nicht zulasse. Dem entsprachen auch auf der englischen Seite die Vorstellungen über das Verhältnis zu Deutschland. Man glaubte so wenig an die Möglichkeit eines ernsthaften Interessenkonflikts mit diesem Staate, daß man ohne Bedenken gegen gewisse territoriale Zugeständnisse in Afrika die wichtige seestrategische Position von Helgoland an das Deutsche Reich überließ: 1890. Unter den heutigen Verhältnissen würde der bloße Gedanke, Helgoland an die Deutschen abtreten zu sollen, jedem Engländer als eine Absurdität erscheinen. So sehr hat sich die Lage in den letzten 20 Jahren verändert.

Die Änderung im politischen Verhältnis zwischen England und Deutschland war bedingt durch die Änderung der wirtschaftlichen Gesamtstruktur Deutschlands. Das deutsche Wirtschaftsleben entwickelt sich mit der Notwendigkeit und Unaufhaltsamkeit eines Naturprozesses in derselben Richtung, die das Wirtschaftsleben Englands schon seit einem Jahrhundert eingeschlagen hat. Unser Boden vermag schon seit einem Vierteljahrhundert das Volk, das auf ihm lebt, nicht mehr zu ernähren, und es gibt keine andere Möglichkeit, unsere Volkswirtschaft zu erhalten, als Beteiligung im großen Stil an der Weltwirtschaft und am Welthandel. Deutschland muß nicht nur die Nahrungsmittel, die es importiert, sondern auch den größten Teil der industriellen Rohstoffe, die es gleichfalls aus fremden Ländern einzuführen genötigt ist, mit dem Gewinn aus seiner Beteiligung an Welthandel und Weltwirtschaft bezahlen, und mit jedem Jahre beruht ein größerer Teil unserer Existenz auf unseren Beziehungen zu überseeischen Ländern und fernen Erdteilen.

Dasselbe in noch höherem Grade ist in England der Fall, und England hat daher schon seit langem in politisch-militärischer Beziehung die einzig mögliche Folgerung aus seiner Lage gezogen. Es hat eine Flotte gebaut, die imstande ist, ihm die Sicherheit seiner überseeischen Beziehungen zu garantieren, und es hat hintereinander die Flotten derjenigen Mächte, die allein oder in Verbindung ihm hätten gefährlich werden können, vernichtet oder bedeutungslos gemacht. Wenn aber England aus der Tatsache, daß es auf die Sicherheit seiner Seeverbindungen schlechthin angewiesen war, die Folgerung zog, daß es eine starke Seemacht haben müsse – welches Schicksal droht dann Deutschland, wenn eines Tages eine zur See stärkere fremde Macht es in ihrem Interesse für ratsam finden sollte, die überseeische Betätigung Deutschlands einzuschränken? Welch ein ungeheures und gefährliches Pressionsmittel würden diejenigen Staaten und Völker, denen ein zur See ohnmächtiges Deutschland gegenübersteht, in der Hand halten, wenn sie die Möglichkeit besäßen, durch die bloße Drohung mit einem Seekriege auf die Entschlüsse der deutschen Politik mit Zwangsgewalt einzuwirken! Auch für Deutschland ist also die Notwendigkeit gegeben, eine Flotte zu bauen, die stark genug ist, um den Platz, den die Nation innerhalb der Weltwirtschaft errungen hat, wirksam zu verteidigen. Von dem Augenblick an, wo wir danach zu handeln anfingen, war aber eine tiefgreifende Änderung des Verhältnisses zu England unvermeidlich, und damit entstand auch die Notwendigkeit einer Änderung in den Grundprinzipien der deutschen Politik. An und für sich wäre es für Deutschland am vorteilhaftesten gewesen, wenn die politischen Verhältnisse dauernd so hätten bleiben können, wie sie zur Zeit Bismarcks waren. Damals war Deutschland nach Bismarcks Ausdruck »saturiert«; es besaß was es brauchte, und war mehr als irgendeine andere Großmacht an der Erhaltung gerade der bestehenden Zustände und Machtverhältnisse interessiert. Seitdem eine beachtliche deutsche Flotte da ist, bildet ihr bloßes Vorhandensein für die englischen Interessen zweifellos eine Unbequemlichkeit, nach Meinung der Engländer sogar eine Gefahr. Die deutsche Seemacht kann zwar nicht daran denken, für sich allein der englischen entgegenzutreten und sie zu besiegen, aber sie ist doch stark genug, um der englischen Politik gewisse Rücksichten nahe zu legen. Daher begannen seit dem Regierungsantritt Eduards VII. mit besonderem Nachdruck unternommene Bemühungen Englands, uns politisch zu isolieren, »einzukreisen«, wie man in den letzten Jahren meistens gesagt hat.

Was soll Deutschland dagegen tun? Das Wachstum des deutschen Volkes und der deutschen Interessen schreitet unaufhaltsam fort, und mit ihm die Notwendigkeit, der deutschen Industrie einen steigenden Anteil am Weltmarkt zu sichern. Eine Reduktion oder ein Stillstand in der Entwicklung der deutschen Seemacht würde die Lage wahrscheinlich für den Augenblick sehr erleichtern, aber was dann, wenn der Moment eintritt, wo England von seiner Überlegenheit und von Deutschlands Schwäche zur See glaubt Gebrauch machen zu sollen? Eine Lage, wie die Deutschlands in einem solchen Augenblicke wäre, kann kein großer Staat freiwillig für erträglich halten und das Risiko auf sich nehmen, in sie zu geraten.

Es ist nicht schwer einzusehen, daß die Aufgabe der deutschen Politik durch den Hinzutritt der Spannung von der englischen Seite her zu dem französischen Revancheprinzip gegen früher bedeutend erschwert ist. Früher war es Frankreich allein, auf dessen Unterstützung eine dritte Macht im Falle eines Konflikts mit Deutschland rechnen konnte; heute scheint es England fast noch mehr zu sein, als Frankreich. Dabei genießt England den Vorzug, daß die Initiative bei ihm steht, denn es kann sicher sein, daß Deutschland keinen Konflikt beginnen wird, der es auch im günstigsten Falle in die allergrößten Gefahren stürzen muß. Unterliegt Deutschland, so ist sein Seehandel zertrümmert, seine Stellung in der Weltwirtschaft auf lange verloren; siegt es, so fordert es durch seinen Sieg die europäische Koalition gegen sich heraus. England ist also frei, sich zu entscheiden, ob es bei günstiger Gelegenheit den Versuch machen will, Deutschland gewaltsam niederzudrücken, oder ob es weiter den friedlichen Konkurrenzkampf bestehen will. Käme es zu einem Kriege, so würde es sich für Deutschland schlechthin um Sein oder Nichtsein handeln. Die Möglichkeit einer günstigen Wendung hängt einzig und allein davon ab, ob es uns gelingt, England selbst in eine gefährliche Lage zu bringen. Das kann keinesfalls durch einen direkten Angriff über die Nordsee hin geschehen; alle Ideen über die Möglichkeit einer deutschen Invasion nach England sind Phantasien. Man muß also eine andere Kombination suchen, um England an einer verwundbaren Stelle angreifen zu können – und hier sind wir an dem Punkte, wo der deutschen Politik das Verhältnis zur Türkei und die Zustände in der Türkei für ihr neues Grundprinzip, die Rücksicht auf England, entscheidend werden.

Es gibt für Deutschland im Grunde nur eine einzige Möglichkeit, einem englischen Angriffskriege zu begegnen, und das ist die Stärkung der Türkei. England kann von Europa aus nur an einer Stelle zu Lande angegriffen und schwer verwundet werden: in Ägypten. Mit Ägypten würde England nicht nur die Herrschaft über den Suezkanal und die Verbindung mit Indien und Ostasien, sondern wahrscheinlich auch seine Besitzungen in Zentral- und Ostafrika verlieren. Die Eroberung Ägyptens durch eine mohammedanische Macht wie die Türkei könnte außerdem gefährliche Rückwirkungen auf die 60 Millionen mohammedanischer Untertanen Englands in Indien, dazu auf Afghanistan und Persien haben. Die Türkei aber kann nur unter der Voraussetzung an Ägypten denken, daß sie über ein ausgebautes Eisenbahnsystem in Kleinasien und Syrien verfügt, daß sie durch die Fortführung der anatolischen Bahn nach Bagdad einen Angriff Englands auf Mesopotamien abwehren kann, daß sie ihre Armee vermehrt und verbessert und daß ihre allgemeine Wirtschaftslage und ihre Finanzen Fortschritte machen. Man braucht sich diese Tatsache nur vor Augen zu halten, um zu begreifen, daß es allein dem zwingenden Gebot der Selbsterhaltung entspricht, wenn Deutschland sich bemüht, zur Stärkung der Türkei beizutragen. Je stärker die Türkei ist, desto gefährlicher ist es für England, uns auf die Gefahr hin anzugreifen, daß die Türken sich an dem deutsch-englischen Konflikt auf seiten Deutschlands beteiligen. Ägypten als Preis ist zweifellos das Risiko eines Krieges für die Türken, wenn sie an der Seite Deutschlands gegen England fechten, wert. Auf der anderen Seite aber würde die bloße Erkenntnis, daß die Türkei militärisch stark, ökonomisch gefestigt und im Besitz genügender Eisenbahnverbindungen ist, für England möglicherweise schon genügen, um auf den Gedanken des Angriffs auf Deutschland zu verzichten, und das ist es, worauf die deutsche Politik abzielen muß. Die Politik der Unterstützung, die Deutschland der Türkei gegenüber verfolgt, bezweckt nichts anderes als den Versuch, eine starke Versicherung gegen die von England her drohende Kriegsgefahr zu schaffen.