»Wäre das nicht zu loben?« fragte sie.

»Vielleicht nicht, wenn diese Verschwendung dem Nächsten nähme, was seines ist«, sagte er.

Seine Worte waren gut und zärtlich, doch Güldenfeys feines Ohr vernahm den leisen eifersüchtigen Beiklang, der ihnen anhaftete. Hatte sie den nicht schon einmal aus seinem Munde vernommen? »Meinen Sie wirklich, daß einer dadurch entbehren müsse, weil dem andern reichlich gegeben wird?« fragte sie heiter.

Thomasius erkannte nicht, daß Güldenfey stutzte. Er war von denen, die die Stärke einer Liebe darum schätzen, weil sie hoffen, sie ausschließlich, uneingeschränkt besitzen zu können. »Es gibt vieles, was Sie unbedenklich tun können«, sagte er. »Doch da Sie nun einmal das Fräulein Treß sind, ist auch vieles da, von dem Sie sich fernhalten müssen, zum Beispiel dieses Ziehen von Haus zu Haus. Auch unser Name kann uns verpflichten!«

Güldenfey schwieg, denn was er da sagte, verstand sie nicht. Sie würde Malte ohne Scheu bekannt haben, was sie getan, und sich durch seinen Einwurf nicht haben hemmen lassen. Was sollte ihr nun das Wort von Thomasius bedeuten? Wollte er ihr sagen, was er von ihr erwarte? Liebe, wie er sie maß?

Und während sie dem nachdachte, erschien es ihr, als kämen seine Worte aus größerer, immer größerer Ferne. Sie sah ihn vor dem Altar stehen, wie er das Buch gleich einer Waffe hob; sie sah sein freundliches Schaffen, das ihn in die armseligen Stübchen der Armen trieb. Und doch, und doch ...! Rücksicht auf den Namen, Beschränkung auf eine unanstößige Art der Hilfeleistung? Nein, wer das tat, das war keiner von den geistlich Armen, die das Himmelreich ihr nennen!

Der schmale Raum von eines Wortes Breite hatte sich erweitert. Ihre Seelen glitten voneinander, weiter und weiter. Etwas Fremdes hatte sich in diese Stunde einer Gnade gemischt und sie verdorben.

Auch Thomasius spürte es jetzt. Er sprach noch mit Menschen- und Engelzungen und wußte doch, daß er der Liebe nicht mehr mächtig war. Plötzlich verstummte er. Das Schweigen in dem Zimmer, das soeben noch voll von gedämpfter Zärtlichkeit war, wirkte wie der Luftzug, der von einem geöffneten Fenster in die Wärme bläst: erkältend. Eins blickte dahin, wo das andre saß, und erkannte es nicht mehr.

»Wie völlig dunkel es doch geworden ist!« sagte Güldenfey. Sie rührte den Knopf der Lampe an, der elektrische Strom kreiste, und das Zimmer war voll Helle. Sie schauten einander an, geblendet von dem grellen Licht, ein wenig verlegen lächelnd, und wußten, daß die soeben zerronnene Stunde nie wiederkehren würde. Güldenfey trat an das Fenster und zog die Vorhänge zu. Die Glocken, die zur Adventandacht riefen, begannen zu tönen.

Thomasius straffte sich. Das Amt forderte ihn. »Haben Sie herzlichst Dank für die Dämmerstunde, Fräulein Treß«, sagte er und bot ihr die Hand. War er wirklich so bleich, oder erschien er ihr in der Helle so?