Mit schmerzendem Kopfe sitzt er im Zuge und schließt die Augen. O dieses langsame Kreisen der Räder! O diese sich endlos hinzögernden Aufenthalte! Er muß sie noch lebend treffen, er muß! Wenn es wahr ist, daß es eine Fernwirkung der Gedanken gibt, so wird sein Wille das entrinnende Leben aufhalten können. Oder ist es vielleicht so, daß jene in übertriebener Ängstlichkeit ihre Nachrichten sandten? Eine Ahnung sagt ihm, daß er Grund habe, sich zu eilen.

Hätte er doch Marfa erhört und sie mit sich genommen, als sie ihn darum bat! Dann wäre ihr dies nicht widerfahren. O über diese kleinliche Art, die wägt, mißt und zählt und dabei das Eigentliche übersieht!

Leise fällt der Schnee. Zu beiden Seiten des Bahndamms wachsen die Schanzen. Und die Nacht dunkelt. Um alles in der Welt, man wird doch nicht einschneien! Auf der nächsten Haltestelle ruft Harro den Zugleiter an. »Werden wir wohl durchkommen?«

Der Mann gibt eine verheißende Zusicherung. Wieder weiter, wieder die Kreuz-und-Quer-Hetze der Gedanken. Wie sich die Stunden dehnen! Harro blickt unaufhörlich nach der Uhr. Jetzt ist der trennende Zwischenraum nur noch zwanzig Kilometer weit, jetzt fünfzehn, jetzt zwölf. Er erhebt sich und holt den Koffer aus dem Netz. Da steht der Zug mitten auf freiem Felde, nein, rechts und links wachsen die Wände eines Hohlweges auf. Die Zugbeamten rennen hin und her, kostbare Zeit verstreicht. Endlich der Bescheid, daß man unrettbar festgefahren und ein Aufenthalt von mehreren Stunden unvermeidlich sei.

Äfft ihn das Schicksal auf diese Art? Was nun beginnen? Harro kennt sich in der Gegend aus. Drüben flimmern Lichter. Ein Gutshof. Er schultert sein Gepäck und geht querfeldein, versinkt in schneegefüllte Gräben, wird von Gebüsch zerfegt, gleitet, erhebt sich wieder und kommt schweißgebadet an sein Ziel.

Als er, das aufwartende Mädchen überholend, in den Familienkreis tritt, der um die Lampe sitzt, starren ihn alle wie einen Unterweltlichen an. Sein Aussehen muß erschreckend wirken.

Er erklärt stammelnd dem Hausherrn seine Umstände und bittet um einen Schlitten.

Aber natürlich. Er ist ja bekannt, Bruder des Kornkaufherrn Treß und nennenswerter Politiker. Es wird sogleich angespannt. Harro beantwortet die teilnehmenden Fragen der Hausfrau wie im Traum, schüttet etwas Heißes herab wie im Traum, läßt sich in Pelze und Decken hüllen, hört gutmeinende Wünsche hinter sich dreinrufen.

Die Schellen läuten durch die Winternacht, und der Schnee fällt. Die Pferde haben schwere Arbeit, sie dampfen bald, und der Dunst zieht wie eine Wolke vor den knirschenden Kufen her. Neben dem Kutschersitz flackert das Licht einer Laterne. Wie seltsam rot das leuchtet!

Schwebt dort nicht ein Seelchen vor ihm hin? Er müht sich ihm nach und kann es nicht erreichen, er streckt stöhnend die Hand aus, und immer wieder entgleitet es ihm. Er bittet: Warte noch ein Weilchen! Doch es läuft unfaßbar vor ihm her, weiter, immer weiter.