»Wer sollte mir etwas tun!« sagte sie strahlend.

Nein, nach den bunten Dingen der Läden sah sie nicht, nur nach den Menschen, die an ihr vorüberfluteten. Ihr Blick suchte auf den Angesichtern nach den Wunden, die unter ihnen bluteten, nach der tiefen Wunde der Heimatlosigkeit, die alle trugen, deren Wurzeln aus dem Mutterboden gerissen waren, und die wie verschleppte Blumen in dem Zierglas Großstadt siechten.

Der Abend brach herein, die Fenster wurden erhellt. Funkelnde Mädchen, deren Schritten ein aufdringlicher Duft folgte, strichen an ihr vorüber; ergraute Männer, die wie zerwetzte Steine rastlos sich drehender Mühlen erschienen; Gebückte mit erloschenen Augen, von Not und Mühsal völlig ausgehöhlt. Hier im künstlichen Licht dieser unbegreiflichen Stadt stieg das Leprosentum der Zeit schamlos und unverhüllt empor.

Was waren diese Straßen und Höfe und Häuserflure? Nichts als ein großes Nachtasyl, das ausströmte und aufnahm, das verbrauchte und zerbrach, in dem man großsprecherisch von Fortschritt redete und die Kultur pries, die Kultur des kalten Metalls und des durchsichtigen Glases. Der gewaltige Sturm, der durch die Zeit fuhr, fegte durch diese Gassen nicht, und keiner verstand ihn.

Das Tier, dachte Güldenfey. Die Starre, die Lebensleere! Sie empfand plötzlich Furcht. Nicht vor den Menschen, deren Blicke sie musterten oder übersahen, nein, vor dem unaussprechlichen Ahnungsschweren, das sich wie ein Wüstenbrand durch die Welt wälzte, vor dessen Flammen die Menschen flüchteten, und denen sie doch nicht entrannen. War Malte, waren sie alle diesem fressenden Feuer auch verfallen?

Für den Morgen des nächsten Tages war eine Ratssitzung angesetzt, an der Malte teilnehmen mußte. Güldenfey blieb ungern allein, aber seinem Vorschlag, in dem nahen Tiergarten frische Luft zu genießen, konnte sie nicht folgen. Um Mittag wollte Malte zurück sein. Sie beschloß, ihn auf ihrem Gastzimmer zu erwarten.

Ihr Fenster ließ sie auf den weiten Platz blicken, über den vom Morgen bis in den Abend der hastige Fluß der Fußgänger und Wagen rann. Der gegenüberliegende Bahnhof, auf dem die Vorortzüge mündeten, füllte zu gewissen Zeiten den Platz für Minuten mit zuströmenden Menschen, die außerhalb der engen Mauern ihren Wohnsitz hatten.

Hastig und erregt kamen sie an, aufgepeitscht von der Hetze, den nächsten Wagen, ihre Wirkungstätte zu erreichen. Der Ruch frischer Luft, den sie noch in ihren Kleidern mit sich trugen, verrann schnell im Dunst lärmender Straßen, und die Unruhe ihrer Fahrten verdrängte die Stille, die eine Nacht in ihnen aufgespeichert hatte.

Ach, wie schwer und schlecht lebten sie alle in dieser versteinten Welt! Diese Betten in den dunklen Zimmern! Diese Tische voll Hast ohne festliches Genüge, von denen man aß, um nur satt zu werden.

Und draußen ging der Frühling, und seine Winde spielten im Gezweig der weißen Birken und trugen den Weihrauch der Föhren und die Würze junger Beete jedem, der kam, entgegen.