Stuttgart 1926

Druck von Greiner & Pfeiffer in Stuttgart

Das neue Geschlecht

Vom St.-Niklas-Turm fielen drei helle Glockenschläge. Gleich darauf antworteten aus der Ferne Maria zum Rosenhag und der Heilige Geist. Dann war es wieder still. Das Abendgeläut, das um diese Zeit über Märkte und krumme Gassen wogte, setzte nicht mehr ein. Der Lobgesang, in den St. Jakob, St. Jürgen am Strande, die Katharin und der Evangelist Johannes einzustimmen pflegten, schwieg, seit der Krieg den Türmen die erzenen Zungen ausgerissen hatte.

Jörg stieß den Fensterflügel weit auf und lehnte sich hinaus. Der Abendhimmel war von hellstem Grün und wie von Silber durchflossen; hinter den Giebeln im Osten stand wohl schon der wachsende Mond. Vom Meer herüber drang ein Geruch, wie er dem März eigentümlich ist, wenn das angeschwemmte Seegras zu sprießen beginnt. Der ganze Treßhof, den fast zu einem Viertel die alte Kastanie mit dunklem kahlem Geäst überbreitete, war von diesem herben Ruch erfüllt.

Der alte Treßhof! Ein zärtlicher Blick des jungen Mannes umfing dies alte backsteinerne Vätererbe. Von den abgewetzten Prellsteinen war die kleine Güldenfey in seine geöffneten Arme gesprungen. Rechts der Kellervorbau, der zu Mellins Wohnung führte und der einer kleinen Kapelle glich; links die überdachte Treppe. In der Tiefe aber, aus der er ausschaute, das alte Wohnhaus, das die stolze Inschrift trug: Treßhof. 1525. Balzer Treß hatte es zwar erst etwa hundert Jahre später gebaut, aber der Handelshof selbst war damals gegründet, als die Hanse schon von ihrem guten Ruf und nicht mehr von Taten zehrte. Was tat das! Er hatte vier Jahrhunderte und eine Wallensteinsche Belagerung überdauert und würde auch durch diese Elendszeit kommen.

Die Sperlinge lärmten noch in dem dürren Rankelgewächs, das bis in die vermoosten Dachpfannen hinaufwuchs. Aus dem verblassenden Grün der Himmelswiese wuchsen die ersten Sterne. Jörg schloß das Fenster.

Gleichzeitig wurde die Tür geöffnet, und die alte Schaffnerin trat mit Harro ein. Der Raum war plötzlich in grelles Licht getaucht, der lange Beratungtisch, die tiefen braunen Stühle an seinen Seiten, der Schreibtisch, auf dem seit des Vaters Tod nichts verändert war, alles schimmerte blank und gepflegt.

»Sieh, du bist hier, Jörg!« Und Harro begann in seiner etwas lauten Art sofort auf ihn einzureden. Ob Malte und Frauke noch nicht hier seien. Und Onkel Rolf. Es sei gleich sechs Uhr. Onkel Rolf lasse sich immer Zeit, wenn er gerade einen Klienten bei sich habe.