Nach dem Bahnhof! Sie wollte zu Jörg, ihn herbeirufen. In Ungewißheit harren, ober käme, einen Tag allein in dieser gärenden Stadt zubringen, das hätte sie nicht vermocht. Sie mußte handeln.
Wie war der Tag zum Verschmachten heiß, wie unruhig ging das Gespräch der Reisenden! Liefen die Räder nicht schneller? Zuweilen war es, als sogen sie sich an den Schienen fest.
Wälder, in denen Stürme gewütet, Flüsse, auf denen sich müde Deutschlands Schiffahrt wieder regte, Städte von ehrwürdigem Klang. Endlich Jörgs neue Heimat. Es war Abend geworden.
Güldenfey eilte durch die unbekannten Straßen, ging an dem alten Rathause vorüber, vor dem das Standbild des Großen Friedrich stand, den gezückten Degen in der Hand, gebieterisch in das Feld der Tat weisend. Ja, du!! ... Endlich war die Wohnung erreicht.
Jörg war nicht daheim. Eine freundliche Wirtsfrau, die in Güldenfey sofort die Schwester erkannte, tröstete sie: der Herr Treß werde bald kommen, er befinde sich noch in einer Probe. Ob sie etwa Tee ...
Güldenfey dankte. Nein, nur nicht warten! In drei Stunden fuhr ihr Zug. Sie ließ sich das Haus beschreiben, in dem er sein mußte, und ging. Es war bald gefunden, sie vernahm schon von weitem das Spiel eines Klaviers und wußte, das konnte nur er sein.
Sie öffnete leise eine Tür und trat auf die Schwelle eines mittelgroßen Raumes. Im Hintergrund am Flügel saß Jörg, um ihn eine Schar Junger, etwa zehn. Er brach nach einigen Takten das Spiel ab und trat vor seine Schüler. »So etwa also sollte es klingen. Doch ich sage euch: die glänzendste Passage ist nicht halb soviel wert wie der gute Gedanke während des Spiels. Glaubt's oder glaubt's nicht: das Edle wirkt ansteckend wie das Böse. Darum, treibt ihr Kunst um der Menge willen, seid ihr tönendes Erz, und treibt ihr Kunst um der Kunst willen, seid ihr klingende Schelle. Euch selbst muß sie im tiefsten veredelt haben, bevor ihr wagt, vor andre zu treten ...«
Er hielt plötzlich inne und beugte den Kopf vor, seine Blicke bohrten sich in das Halbdunkel, das um die Tür war. Güldenfey trat einen Schritt vor, und jetzt war er bei ihr.
»Jörg,« sagte sie, als er ihre Hände hielt, »kannst du in einigen Stunden mit mir fahren?«
»Gewiß, Güldenfey,« murmelte er zögernd, und dann sicher: »Natürlich, Güldenfey!« Er sprach einige Worte zu seinen Leuten, gab einem Älteren eine Weisung, dann nahm er ihren Arm.