»Komm, Güldenfey!« sagte Jörg.
Auf der Straße klammerte sich Güldenfey an seinen Arm. »Jörg, ich habe ihn unausgesetzt betrachtet, er schien mir so bekannt. Sahst du ihn schon einmal? Der Mann deiner Zeichnung, der auf dem Häuserturm sitzt und angebetet wird, das ist er!«
»Du hast ihn erkannt«, sagte Jörg. »Ja, ich habe ihn schon erblickt, damals als ich verwundet im Felde lag. Der mir den furchtbaren Tausch anbot, das war er!«
Der fliegende Holländer
Prasselnd fuhr der Sturm durch die Gassen und Märkte der alten Stadt. Sie hatten manchen Sturmtag erlebt, die alten wehrhaften Türme, die als Wahrzeichen gegen Land und See blickten. Aber wenn er wie an diesem späten Novembertag schneidend kalt aus Nordost blies, die Dohlen von den Schalluken verjagte und die Möwen zu Land trieb, dann fingen sie an zu klagen.
Ssssiii — jüh! Die Sturmflut kommt. In den fünffachen Böden der alten Giebelhäuser polterte, knackte und stöhnte es, als seien die Geister aller derer, die während sechshundert Jahren hier gehaust, erwacht und träten einen Rundgang an. Fenster bogen sich unter dem Anprall des Sturmes; was in morschem Rahmen saß, ward herausgepreßt und klirrend hinabgeschleudert. Die Läden vor!
Ssssiii — jüh! Die Böen schlugen wie Fäuste gegen die Schlote und knickten sie, als sei es dürres Rohr. Dachziegel, Gossen und Rinnen flogen polternd hinter ihnen drein auf die Straße unter schreckhaft flüchtende Menschen, denen das höllische Hohngelächter des wilden Gejaids nachklang.
Wo der Sturmesruf nicht so nachdrücklich vorherrschte, vernahm man das ferne dumpfe Brausen, das grollende Zornesgeschrei der aufgewühlten See, die zwischen Insel und Festland herandonnerte, ihre Pranken gegen die Bollwerke schlug und in die Kaimauern Loch neben Loch brach.
Wie verdunkelt der Himmel herabhing, und war doch Mittagszeit! Das gelblichgraue Gewölk war wie Rauchschwaden eines giftigen Brandes, der irgendwo in der Ferne schwelte. Darunter hasteten Wolkenflocken als eine unheimliche Flucht sich lösender und wieder ballender Schatten. Der Sturm trug Schaumfetzen und den herben Geruch des Meeres über Dächer und Türme.
Malte verließ am frühen Nachmittag das Haus am Markt. Auf der Schwelle der Geschäftsräume blieb er stehen und schaute zurück. Über den Pulten und Tischen flammten die Glühkörper, die heute vom Morgen an Licht gespendet hatten. Die Arbeitenden hoben zuweilen die Köpfe, als lauschten sie dem Brausen, das jeden Raum erfüllte. Hatte sich jetzt schon die straffe Zucht gelockert? Ach, es war ja alles gleichgiltig!