»Ihr Gepäck?« fragte Harro.
Marfa hob ein wenig das Bündelchen: »Dies und die Handtasche meiner Tante ist alles, was wir retteten.«
»Und das Leben!« scherzte er.
»Ja, dies Leben!« entgegnete sie bitter.
Sie schritten voran. Jörg und Güldenfey, die Frau Honterus führten, folgten ihnen. Harro machte seine Begleiterin auf die Schönheiten der Stadt aufmerksam. Sie sah auf das, was er ihr wies, aber sie antwortete selten mit einem Wort. Ihre Blicke gingen immer nach innen. Er verspürte plötzlich ein starkes Verlangen, diese Seele, die sich furchtsam in einem Winkel des herrlichen Körpers verborgen hatte, hervorzulocken und sie in das Leben zurückzuführen.
Als Marfa in das Zimmer trat, das Güldenfey ihr bestimmt hatte, blieb sie mitten im Raum stehen und blickte sich nicht um. Erst als das Mädchen von außen die Tür einklinkte, fuhr sie auf, wie eine, die ein Ton aus dem Schlaf schreckt. Da war ein Bett, da lag Wäsche ausgebreitet, da war ein Ofen, der wärmte. Sie fiel in die Knie und schluchzte hemmungslos. —
»Und nicht wahr, Ose,« sagte Güldenfey, »du hilfst mir für sie sorgen? Denke nur, alles verloren. Du hättest sie sehen müssen, wie sie da so verlassen standen! Alles vom Besten für sie.«
Die alte Schaffnerin nickte. Sie wollte dem Kind alles zuliebe tun, und auch den armen Vertriebenen. Dieser Blick der Jungen hatte so etwas Rührsames. Und wie gütig sie gesagt hatte: »Ich danke für Ihre Mühe, liebes Fräulein Fink!« Was bedeutete nur dies, daß die eine Diele auf dem oberen Flur seit heute wieder knarrte, wenn man auf sie trat? Damals, als Güldenfey geboren wurde, war es so gewesen, und jetzt, kurz vor der Krankheit des Herrn; sonst gab sie keinen Laut. Und nun heute wieder. Klopfte der dunkle Bote schon wieder an? —
Als Jörg am nächsten Morgen sich anschickte, zum Bahnhof zu gehen, erbot sich Harro, ihn zu begleiten. »Ich sollte wohl mit dir fahren,« sagte er, »die Geschäfte der Partei werden dringlich, und sie rufen schon nach mir. Aber ich kann nicht, weiß Gott, ich kann nicht!«
Jörg schwieg. Wenn Harro, der gewissenhaft seine Pflicht tat, sagte: Ich kann nicht! so würde er Grund haben, zu zögern. Er spürte aber auf dem Weg etwas Andrängendes, als wolle ihm Harro etwas sagen, für das er nicht das treffende Wort fand.