Die Junge wandte sich und sah mit fragenden Augen auf die Herren. »Ich heiße Marfa Honterus, dies ist meine Tante, Frau Staatsrat Honterus. Wir sind auf der Flucht hierher ...« Sie sprach das wie ein eingelerntes Sprüchlein mit etwas kläglichem Tonfall. Ungezählte Male hatte sie das gleiche an Schaltern, Speisestätten und in Schreibstuben gesagt, immer bittend, immer angstvoll, immer um die Antwort bangend.
»Ich hab' ihnen schon alles erklärt«, sagte Güldenfey und legte ihre Hand mit dem Pelzhandschuh auf Marfas Arm. »O, Sie frieren, Ärmste!« fuhr sie plötzlich fort, als sie die nicht bekleideten Hände ihrer Schutzbefohlenen bemerkte, zog die Handschuhe ab und drängte sie ihr auf.
»Liebes Fräulein!« sagte Marfa. Ein verirrtes Lächeln ging flüchtig um ihren Mund. Es war in der Tat unmöglich, diese Gabe anzunehmen. Die feingliedrige, schlanke Güldenfey und dieses Mädchen, deren Leib die Natur mit den Formen einer Walküre ausgestattet hatte!
»Wickeln Sie sie um Ihre armen Finger«, sagte Güldenfey. »Bitte!« Wer vermochte zu widerstehen, wenn Güldenfey bat!
»Wir haben schon alles besprochen. Sie gehen mit uns und bleiben fürs erste bei uns. Sie müssen warm werden. Unsre alte Ose wird herrlich für Sie sorgen, und ich auch ein wenig.«
»Liebes Fräulein!« sagte Marfa aufs neue. »Dieses Übermaß an Güte ... Wir wissen wirklich nicht ... Sie haben Trauer ...« Ihr kleiner Mund, der zaghaft mit dem harten Wortton der Balten das Deutsch formte, verzog sich wie im Weinen.
Jörg trat vor. »Kommen Sie ohne Bedenken mit uns. Sie wissen nicht, welche Freude Sie meiner Schwester machen. Wir alle freuen uns.«
Er sah sich nach Harro um. Warum schwieg der beharrlich? Harro stand da und blickte das fremde Mädchen an. Seine laute Wortfertigkeit versagte völlig. Der Wind nahm die Enden ihres Schleiertuches und hob sie in die Luft. Sie griff danach und zog sie nieder. Ihm war, als habe er sie schon einmal gesehen. Dieses dunkelbraune Haar mit den bronzehellen Streifen, das ihr in schwerem Knoten gebunden im Nacken lag; diese hohe schöne Stirn, die ein Paar nach innen schauende dunkle Augen verschattete, diesen ragenden Wuchs, der den Frauen unvermischter Geschlechter eignete. Wo lag die Stunde, aus der das Erinnerungbild aufstieg?
Verträumtsein war Harros Sache nicht. Der Blick Jörgs rief ihn zurück. Er besann sich auf die Pflicht als Kavalier, die er schutzlosen Frauen schuldig war, und sagte ein paar verbindliche Worte.
Frau von Honterus war von Güldenfey die Einladung wiederholt worden. In ihren Augen haftete das Entsetzen über das Furchtbare, das sie in den letzten Monaten hatten sehen müssen: die Gewalttaten der zur Bestie gewordenen Masse, die grausame Ermordung ihres Schwagers vor einem Fleischerladen. Abels Blut schrie laut in ihrer Seele. Ihre Lippen zitterten, da sie dankte. Güldenfey strich erbarmend über ihren Arm.