»Ich habe etwas Seltsames erlebt«, rief sie. »Kommt, ihr sollt teilnehmen; es ist so traurig.«

Und sie begann zu erzählen. Ein Schiff, aus den Ostseeprovinzen kommend, war heute eingelaufen und hatte Deutschbalten mitgebracht. Männer und Frauen, von allem Notwendigen entblößt, Kinder nur notdürftig bekleidet.

»Denkt euch, die Seefahrt im Märzwind!« Güldenfeys Stimme zitterte. »O, wie glücklich sind sie, daß sie deutschen Boden erreichten!«

Da waren zwei Frauen, mit denen hatte sie gesprochen. Sie waren den Schrecken der Kerker entflohen. An der Grenze waren sie zurückgewiesen aus kleinlichen Bedenken eines Formelkrämers. Wer trägt den Geburtschein bei sich, wenn er der Gefangenschaft entweicht! Sie hatten bei zwölf Grad Kälte die Nacht auf freiem Bahnsteig zugebracht, bis sich ein Beamter ihrer erbarmte und sie an den nächsten Hafen brachte.

»Ich möchte ihnen gern helfen«, sagte Harro gutmütig. »Ich fürchte nur ...« Er griff dahin, wo seine Brieftasche steckte.

»Aber Harro!« sagte Güldenfey. »Es sind Damen. Die Junge ist die Tochter des Professors Honterus; die Ältere ist ihre Tante. Sie wissen nicht, wohin sie sollen. Jörg, hilf mir doch! Wir müssen sie aufnehmen.« Sie hob bittend beide Hände. »Wir haben doch im Treßhof Raum. Neben Oses Stube. Oder ...«

»Sei ruhig, Güldenfey«, sagte Jörg. »Geht es dort nicht, so bleibt noch mein Zimmer. Wir nehmen sie sicher bei uns auf.«

Die meisten der Angekommenen, die ein kleiner Dampfer von der großen Insel hergeführt hatte, zogen schon Quartieren zu, einige hockten noch auf schmalen Kisten, in denen sie dürftige Reste des schnell Zusammengerafften mit sich führten. Die beiden Frauen standen ein wenig abseits; die ältere lehnte müde gegen den Haltstein, um den das Schiffsseil geschlungen war. Die königliche Haltung der andern verriet nichts von den Leiden, die sie belastet hatten. Sie hielt ein winziges Päckchen, das man den Habelosen zugesteckt hatte.

»Ariadne!« sagte Harro.

Güldenfey eilte auf sie zu. »Meine Brüder!« erklärte sie.