»Geh voran, Harro!« bat Jörg. »Wir treffen uns am Tor wieder.«
»Was hast du vor?«
»Entschuldige, ich muß einige Minuten allein sein.« Und er trat in die Pforte, die zum Kreuzgang führte. Mochte Harro den Kopf schütteln, er bedurfte der Sammlung. Das Spiel, in das er sich ganz verströmte, die Auseinandersetzung, während der ihn die Kluft der Gegensätze nicht minder als Malte erschüttert hatte, und jetzt ein fades Geschwätz! Unmöglich.
Er ging unter den Arkaden des Kreuzganges auf und nieder. Der rankende Efeu hatte das Dunkel der langen Winternächte angenommen, aber schon reckten sich die jungen Triebe lebensdurstig auf die sonnenwarmen Dachpfannen, und in den vier kahlen Lindenstämmen, die ihre Wurzeln durch die Gräber namenloser Franziskanerbrüder trieben, pochte der junge Saft des wachsenden Jahres. Nach wenigen Minuten der Stille fühlte Jörg sich gesammelt und ging, den Bruder zu treffen.
Der stand am Tor im Gespräch mit Hans Olrogge. Er reckte seine breite Hauptmannsgestalt, das Eiserne Kreuz am Gürtelstrich funkelte, sein unbekümmertes Lachen scholl durch die Gasse. Die Werkleute, die zum Mittagsmahl gingen und sich auf dem schmalen Steig an der Gruppe vorüberzwängten, sahen mißtrauisch auf den Lauten, in dem sie den einstigen Offizier witterten.
»Nun, Jörg, hast du dein stilles Gebet beendet?« fragte Harro, als sie dem Hafen zuschritten.
Ob wohl in das Leben dieses Rauhen jemals etwas treten wird, was sänftigend auf ihn wirkt? fragte sich Jörg. Vier Jahre Landsknechtdienste in Blut und Rauch verhärteten den Besten, und nun brauste das schartig machende Treiben der Partei auf ihn ein. Es war schade um Harro.
Die kleinen Wellen liefen spielend gegen die Bohlenverkleidung des Hafendammes, die Sonnenblänke lag glitzernd auf dem leise bewegten Wasser. In der Ferne zog die Rauchfahne eines Dampfers, und einige Fischerboote mit braunen Segeln strebten halb wider Wind auf die Stadt zu. Eine Möwe stieß in den glänzenden Spiegel der See.
»Da kommt Güldenfey«, sagte Harro.
Sie hatte die Brüder bemerkt, und es schien, als winke sie ihnen, zu eilen. Das Kopfsteinpflaster erschwerte das Gehen, aber Güldenfey ließ sich davon nicht hemmen. Ihr frisches Gesicht glühte im Eifer.