Jetzt brannte seines Lebens Saft und schuf ihm die Gewißheit, es müsse etwas in ihm zerreißen, wenn er das fremde Mädchen nicht gewänne, das in seinem Vaterhaus Zuflucht gesunden. Mit Wort und Blick umwarb er sie, und die ihm selbst fremde Zärtlichkeit, die anfangs schonend auf die hilflose Lage der Armen sah, wurde bald ein stürmischer Wettkampf. Arbeit, Zeit und Raum waren für ihn keine Hemmungen: fast an jedem Sonntag erschien er im Treßhof.
Und Marfa? Das Glück, aus der Hölle der russischen Gefängnisse erlöst zu sein, nicht mehr stündlich die Hefe der Lebensbedrohung trinken zu müssen, hatte nichts Beseligendes für sie. Sie war wie eine, die aus der Flucht finsterer Schächte in das überströmende Licht des Mittags tritt und die von der Blendung so überwältigt wird, daß sie für alle Reize unempfänglich bleibt. Die bis in ihre Tiefen erschöpfte Seele fand weder Wort noch Lächeln.
»Fräulein Fink, wie lieb Sie sind! Ach, so gut tun Sie mir, liebe Güldenfey!« Aber das kam bewußtlos von den Lippen einer, die noch abwesend war.
»Die Augen sehen noch rückwärts,« sagte Güldenfey, »wir müssen sie ins Leben locken, Ose.«
»Ja, Kind, das kannst nur du. Ich saß gestern bei ihr und ließ sie ganz in der Stille von guten Gedanken streicheln. Fragt sie plötzlich: ›Gibt es Brunnen in dieser Stadt?‹ Sah ich sie an und wußte nicht, was sie meinte. ›Hat nicht jede deutsche Stadt fließende Brunnen?‹ Da erzählte ich ihr, daß wir einmal auch quellende Brunnen hatten. Bei der Apollonienkapelle, die als Sühne für den Pfaffenbrand gebaut war, hat einer sich aufgetan, zu dem sie wallfahrteten. Aber das ist jetzt vorbei. Fragt sie nach einer Weile: ›Ob versiegte Brunnen wohl wieder aufwachen, Fräulein Fink? Ich meine hier drinnen?‹ Und zeigt auf ihre Brust. Nun, da hab' ich sie trösten können. Aber was der alte Mensch dem jungen sagt, das geht spät auf. Helfen magst du allein.«
Am Palmsonntag brach der Brunnen in Marfa Honterus auf. Sie hatte neben Güldenfey im goldenen Präsentierteller gesessen. Pastor Thomasius hatte machtvoll gesprochen, vom bitteren Leidensweg, auf dem sich stets einer einstelle, der dem Gequälten das Kreuz eine Strecke weit abnehme.
Als sie die Kirche verlasen hatten, griff Marfa ihrer Gefährtin Hand. »Ich wollte sie küssen, diese Hand, die mein Leid abnahm, doch es wäre wohl nicht schicklich gewesen.«
»Ich?« fragte Güldenfey. »Ich?«
Da stand Harro vor ihnen. Er war früher gekommen, als er sich angesagt hatte, und in seinem Gesicht glänzte die Freude, als er die Überraschung der Mädchen sah. Während er mit Güldenfey sprach, blickte er Marfa an. Eine Blutwelle färbte ihre blasse Stirn, und sie wandte sich ab.
Was half es, daß sie sich ihm entzog und ihre Seele vor ihm floh! Was bedeuteten alle Einwände der Vernunft: Sollte ich Mittellose mich in das begüterte Haus drängen und Bedenken erregen? Das Schicksal hatte längst seinen Spruch gefällt, und sie mußte gehorsamen. Harro nahm sie, und der Frühling war sein Helfer. Noch am Abend dieses Tages sprach er mit ihr, und zitternd, willenlos ergab sie sich. Eine Stunde später weinte sie in Güldenfeys Schoß ihre Bangnis aus.