Aber auf längeres Zureden gestand sie, wie leid es ihr sei, daß die dumme Krankheit sie verhindert habe, in den herbstlichen Wald zu kommen. Ein Ausgang in den mailichen Wald, einer, wenn die Blätter fielen, das waren seit ihrer Jugend die freien Tage des Jahres, die die alte Magd für sich begehrt hatte.
»Es ist aber nicht zu spät«, sagte Güldenfey. »Das Laub färbt sich erst. Ich hole dich im Wagen ab. Sage nur, wann.«
Wie fein war der Tag, da die beiden ausfuhren! Sämtliche Bewohnerinnen des Heiligen Geist bildeten Spalier, als Engelke von Güldenfey zum Wagen geführt wurde, der vor dem Portal wartete. Güldenfey nickte strahlend nach rechts und links, und die welken, zahnlosen Mäulchen dankten ein wenig säuerlich. Engelke war verschämt.
Allerseelen war vorüber. Wo der Schatten den Weg deckte, knisterte um den Mittag noch die silberne Reifspur der Nacht, aber die Sonnengarbe stand leuchtend über leeren Feldern und smaragdgrüner Wintersaat.
»Sieh, Engelke, wie braun noch das Laub ist!«
Die Alte nickte stumm über gefalteten Händen. Ach Gott, daß ihr das noch wurde! Im Wagen durch diese Pracht. Sie hätte immerfort danke, danke sagen mögen, aber das litt Güldenfey nicht. Dann ein Kaffeestündchen in der Waldschenke, ein kurzer Spaziergang unter dunklen Tannen, und schon verschwelte die Sonnenglut des kurzen Tages.
»Ist es schon zu Ende?« fragte Engelke.
»Denk' an dein Rheuma.«
»Ach, nun kann ich wieder viel ertragen«, seufzte die Alte.
Güldenfey ließ den Wagen einen Weg einschlagen, den sie liebte und der durch jungen Wuchs führte. Der westliche Himmel war gänzlich mit Purpurflöckchen bestreut, der östliche aber, an dem die nahezu volle, grünlich-blasse Mondscheibe hing, war glatt und funkelnd wie polierter Stahl. In dieser kurzen Frist, da Tag und Nacht zu seltsamem Zwielicht ineinanderflossen, erschien der junge Trieb wie ein Märchen. Die wenigen starken Eichen trugen ihr rostiges, gekräuseltes Laub wie eine dunkle Wolke. Das Braun der Buchenheister hob sich fein von dem ernsten Grün der Jungtannen und Wacholder ab, und die Lärchen streuten ihre gelblichen Nadeln über bemooste Baumstümpfe am Wegrand.