Und dann der Garten hinter der Mauer! Er trug nichts, es war in ihm nur ein kurzes sommerliches Blühen. Hans Olrogge hatte jüngst anfragen lassen, ob er feil sei.
»O meine Armen!« sagte Güldenfey und hob beide Arme, als müsse sie diesen lieben Fleck Erde verteidigen. Wieviel Freude wuchs in ihm! Wenn Güldenfey mit ihrer Gartenschere durch seine Beete und Büsche ging, um aus seinem Blütenreichtum Sträuße für die alten Frauen des »Räucherbodens« zu binden, war ihre Seele ganz sommerlich hell. Ihr Taschengeld reichte nie für die Bedürfnisse der Darbenden aus, und in ihren Sträußen trug sie stets einen feinen Duft in die engen Gelasse.
»Wir wollen es erwägen, Güldenfey«, sagte Malte und nickte ihr beruhigend zu.
»Aber Engelke bekommt doch ihren Stiftsplatz im Heiligen Geist!« rief sie. »O, sie kann nicht mehr. Vierzig Jahre hat sie auf dem kalten Estrich unsrer Küche gestanden und für uns alle gekocht. Der Vater hatte es ihr versprochen. Ist Engelke im Testament nicht genannt?«
Harro sprach ein paar Worte leise zu Malte. Dieser nickte. »Sei unbesorgt, Güldenfey. Wenn auch wir uns manches versagen müssen, für unsre treuen Dienerinnen wird gesorgt. Engelke soll ihre wohlverdiente Ruhe haben und später auch unsre alte Ose.«
Güldenfeys Augen glänzten. Nun ging sie alles andre nichts mehr an. Sie hörte kaum noch auf das, was Malte sagte, sie war gewiß, daß sie auch ihren Garten behalten dürfe. Auch bei dem gemeinsamen Essen, das man nach der langweiligen geschäftlichen Aussprache oben einnahm, merkte sie nichts von der gehaltenen Art, in der die Geschwister untereinander redeten. Ein Stuhl stand leer am Tisch; aber es war nicht die Rücksicht auf den, der auf ihm gesessen, die alle veranlaßte, die Worte vorsichtig zu wählen. Einmal fiel ihr ein: Jörg! Doch als sie zu ihm hinübersah, fand sie ihn, wie er unbekümmert mit Frauke sprach. Was war nur mit ihm? Ob er wirklich etwas Besonderes leistete? Ob Malte nachgeben würde?
Nach dem Essen verabschiedeten sich, die nicht im Treßhof wohnten. Malte und Frauke gingen in ihr Haus am Markt, Onkel Rolf hatte noch in seiner Schreibstube zu tun; Harro wollte ihn begleiten.
Güldenfey lief, noch früher, als die Tür sich hinter den Fortgehenden geschlossen hatte, zu der alten Köchin, die in ihrer Bibel las. Sie setzte sich neben sie und faßte die beiden arbeitrauhen Hände, ehe diese die Hornbrille von den Augen heben konnten.
»Engelke, es ist ganz gewiß, die Stelle im Heiligen Geist ist frei, und du kannst hinein, wann du willst.«
Engelke nahm die Brille ab, legte das Lesezeichen in das Bibelbuch und klappte dieses zu. Sie sah Güldenfey an, schüttelte langsam den grauen Kopf und fing an zu weinen.