»Du, du!« Güldenfey strich an ihr auf und nieder. »Ich freue mich so darauf, es dir zu sagen, und du weinst.«

Nun, da das ersehnte Ziel erreicht war, ängstete die Alte der Abschied. Was sollte im Treßhof ohne sie werden? Man wußte ja, wie die Mädchen der neuen Zeit waren: frech und üppig traten sie einher, von Treue wußten sie wenig.

»Laß nur, Engelke, wir werden schon fertig werden, und geht es nicht, so kommst du und siehst ein. Denk' jetzt an die niedlichen warmen Stübchen, deren Fenster auf den Säulenhof sehen. Wenn ich dich dort besuche und wir Kaffee trinken, während der Regen fällt! Und der Weg zu deinen Gemeinschaftabenden ist von dort so kurz!«

Ja, das war ein Trost. Die Stunden in der Winkelgemeinschaft waren Engelkes heimliche Freude, sie glaubte an die nahe Wiederkehr des Herrn: alle Zeichen dieser bösen Zeit deuteten darauf hin. Aber daneben war doch der Gedanke an Güldenfey und Jörg. Wenn der in die Ferien kam, wer würde ihm die Kartoffelkuchen recht backen!

Jörg! Güldenfey fiel es plötzlich schwer auf das Herz. Sie wollte doch noch mit ihm reden. Über ihrer Freude hatte sie ihn vergessen. Sie drückte der Alten die Hand und lief durch die Zimmer.

Aber Jörg war nicht mehr da. Er hatte hinterlassen, er gehe zum Kirchenvogt, um mit ihm alles wegen morgen zu besprechen. Nun, da kam er bald wieder, und Güldenfey konnte schnell noch einmal zu Mellins hinuntersteigen.

Der alte Packmeister des Treßhofes — er erschien Güldenfey alt, weil er einen langen Bart hatte, der ihm über die Brust bis zum zweiten Rockknopf herabhing — gehörte zum Hof wie Ose zur Familie. Es wird erzählt, daß er dem Freier der einzigen Tochter, einem übrigens erwünschten Beamten in ansehnlicher Stellung, in fast einstündiger Sitzung erklärt habe, welche Ehre ihm widerfahre, daß er gewissermaßen in das Haus Treß einheirate.

Es war da unten so viel Geheimnisvolles zu sehen: ein Glasschrank mit gläsernen Hirschen und Schweizerhäuschen, Klingelschnüre aus silbernen Perlen, Tassen mit verblichenem Goldrand und gefühlvollen Widmungen und uralte Ostereier voll wunderlicher Schnörkel. Und über allem ein leiser Duft nach Holländer Knaster und Anis.

Mellins hatten einen Brief von Marie bekommen und besprachen umständlich die Vorgänge im Tageslauf der Tochter, als Güldenfey eintrat. Sie mußte ihren Ehrenplatz einnehmen im geblümten Lehnstuhl mit den vielen Kissen, vor dem der silbergraue Kater Murr schlief; sie mußte die Nachrichten von Mariechen und ihren Kindern hören. Mellin wollte seine Pfeife ausgehen lassen, wie er immer tat, wenn Güldenfey auf Besuch kam, aber sie duldete es nicht. Nein, sie mußte nach oben und Jörg erwarten. Der Gedanke an ihn ließ sie heute nirgendwo seßhaft werden. Sie sagte, sie sei müde, und wünschte gute Nacht. —

Ose war im Eßzimmer und zählte das Silber ab. Güldenfey stellte sich an das Fenster und sah in den Hof, wo in den Lichtschein des Mondes die gezackten Schatten der Speicher glitten. Der Kastanienbaum füllte sich mit jungem Saft, leise trat hinter die Nächte, denen der Reif noch das glitzernde Kleid schenkte, der fröhliche Lenz.