Jörg kam noch immer nicht.

»Kind, du bist blaß vor Müdigkeit«, sagte Ose. »Komm, ich helfe dir beim Auskleiden.«

»Ach, Ose, wenn ich ihn heute nicht mehr sehe! Und ich sollt' ihm doch helfen und weiß nicht wie!« Ihre Stimme lallte schwer wie die eines schlaftrunkenen Kindes.

Ose faßte mütterlich ihre Hand. »Siehst ihn ja morgen, ich sag's ihm, wenn er heimkommt.«

Aber als Güldenfey die Decke ihres Lagers über sich zog, war alle Müdigkeit verflogen. »Ose, ich muß es dir sagen von Jörg, ich habe sonst keine Ruhe. Er will Künstler werden. Morgen in der Kirche spielt er. Malte ist dagegen.«

Die Alte saß auf dem Stuhl am Bett und faltete die Hände. »Wird Malte nichts nützen. Wenn Jörg sagt: Ich will!, so wird es. Er hat es von deiner Mutter, Kind. In ihr war lauter Klingen. Es ist seltsam um die Erbschaft des Blutes. Wem sie zufällt, muß sie antreten.«

»Wie wenig fiel mir von ihr zu!« Güldenfey seufzte und fühlte den Stein, den sie am Halse trug.

»Dir? Kind, du hast doch ihre Art geerbt: wie sie mußt auch du jedermann Liebes tun. Als sie dir den Namen gab ...«

»Ose, bitte, erzähl' es mir.«

Und die Alte erzählte aufs neue, was sie wohl tausendmal schon berichtet hatte. »Als du geboren warst, sah ich, daß ihre Kraft zerging, und sie wußte es auch und war ganz still und gefaßt. Dein Vater lag an ihrem Bett auf den Knien, und ihre Hand strich über sein Haar. Dann wandte sie plötzlich den Kopf: ›Bringt mir das Kind!‹ Da nahm ich dich, weiß gebündelt wie du warst, legte dich in ihren Arm, und sie sah dich lange an. Dann sagte sie mit ganz hoher Stimme, so wie du immer sprichst: ›Güldenfey, liebe, kleine Güldenfey, lebe!‹ Ich wußte nicht, was sie meinte, und sah sie verwundert an. ›Ist sie nicht wie eine kleine goldene Fee?‹ Und sie sagte zu deinem Vater: ›Otto, ich weiß, daß die erste Tochter in jeder Generation der Treß Myrrha genannt wird, und wenn du willst, mögt ihr sie mit dem Namen ins Kirchenbuch eintragen lassen, aber ihr Name ist Güldenfey, und so soll sie genannt werden!‹ — Siehst du, Kind, und dann hing sie dir das Kettlein mit dem Stein um, etwas mühsam, denn Gottes Engel winkten schon, aber ich half ihr. Und als ich dich in die Wiege gelegt hatte und mich wieder umwandte, da winkten sie wieder, und sie ging mit ihnen.«