Gleich darauf wandte er sich an Malte: »Der Politiker Treß ist Ihr Bruder?«
Jetzt kommt es! dachte Malte, als er bejahte.
Aber Usadel nickte und sagte nur: »Sie haben den Artikel gelesen? Er kam just zur Zeit und hat das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte.«
Malte atmete erleichtert auf. Da glitt schon der Wagen in die Torfahrt des Treßhofes und hielt gleich darauf vor der Tür. Mellin stand bereit und öffnete den Schlag.
Was würde Usadel sagen, wenn er den alten Beratungraum betrat, diesen Raum mit den historischen Bildern, der geschnitzten Treppe, dem schönen Gestühl? Es schimmerte alles blank und vornehm. Usadel sagte nichts, er legte den Mantel und den Hut ab, rieb die Handflächen aneinander und sah sich nach einem Sitz um. Was für ein Mensch war das! Seine Gestalt gedrungen und doch nicht feist, seine Farbe von einem eigentümlichen blassen Gelb, seine Gebärden nicht auffallend und doch durchaus bestimmt. Die hohe Stirn, die in den kahlen Schädel hineinwuchs, gab ihm etwas Überragendes, die Augen waren nicht zu bestimmen; sie waren von den Lidern halb verdeckt. Er trug keinen besonderen Zug des Rassefremden. Das war der Mann, der wie ein Schweifstern, von dem keiner wußte, plötzlich aufgetaucht war und in seltsamem Licht über der Menschheit funkelte, von einigen gepriesen, von andern als böses Zeichen gedeutet.
»Die Herren sind erschöpft«, sagte Malte, auf den Tisch deutend, der seitwärts hergerichtet stand. »Darf ich einige Erfrischungen anbieten lassen?«
»Unsre Zeit ist sehr beschränkt, Herr Konsul.«
Es klang drängend. Des Begleiters Augen fuhren begehrlich über die Kristallflaschen, in denen dunkles und goldenes Rebenblut glänzte, aber er setzte sich an Usadels Seite. Malte nahm den beiden gegenüber Platz.
»Sie haben um Anschluß an uns nachgesucht«, begann Usadel. »Es ist nicht unsre Gepflogenheit, kleine Häuser in der Provinz heranzuziehen. Doch in diesem besonderen Fall wäre eine Vereinigung zu erwägen, wenn Sie auf unsre Bedingungen eingehen. Herr Direktor, entwickeln Sie unsern Plan.«
Der Angeredete begann zu sprechen. Jetzt erst betrachtete ihn Malte genau. Sein wulstiges, fahles Gesicht mit den winzigen Bartflecken auf der Oberlippe war das Muster für die Gesichter aller Geldmenschen, die von jagender Arbeit zerrissen sind und deren Unstete den Geist zerpflückt. Malte mußte an die Worte denken, die ihm der blühende Hans Olrogge jüngst über sein Aussehen verwundert zugerufen hatte. War der Mann dort sein Zukunftbild?