Sie fragen nun, warum diese unbarmherzigen Menschen fast alle »Dienerseelen« seien oder Ignoranz und Unterwürfigkeit heuchelten? – Wenn das der Fall wäre, so müßte der mildtätige Bonifaz und seine freundliche Familie das verächtlichste Geschlecht auf Erden sein. Aber dem ist nicht so. Sie sind auch nur Menschen wie wir. Die außerordentlichen Schwierigkeiten des Services, die Ansprüche, die wir stellen, die Geräuschlosigkeit, mit der alles hergehen soll, die Vorsicht, mit der man zu Werke gehen muß, das alles wirkt sehr auf das Wesen ein, das alles macht ihn schüchtern, zurückhaltend, das alles gibt seiner Person den Anschein eines Zauderers, verwandelt ihn in den Mann der Unentschlossenheit, ein Bild, das jeder verachten muß, der es nicht kennt. Alle diese vielen kleinen äußeren Umstände machen den Menschen zu einem feinfühligen Wesen. Nicht nur als solches fürchtet der Kellner einen Fauxpas oder eine Blamage über alles, sondern ein kleines Unglück kann ihm auch oft seine Stelle kosten. Es ist wunderbar, zu beobachten, wie die Wirte oft die Existenz eines Angestellten opfern, um eine kleine, gemeine Laune eines Gastes zu befriedigen. Sollten Sie nicht ängstlich werden, wenn Ihr Dasein durch jede kleine Kleinigkeit gefährdet ist? Wer wird wohl den kürzeren ziehen bei einem jämmerlichen, lächerlichen Disput zwischen Gast und Kellner? Die meisten Kellner und Wirte haben noch nicht gelernt, den Forderungen ihrer Kundschaft entgegenzukommen und entgegenzutreten. Daher ist es Tatsache, daß eine Dienerseele als Kellner ziemlich erfolgreich sein kann, während ein halbwegs selbstbewußter junger Mann die größten Qualen auszustehen hat. Eine Dienerseele schnüffelt sich auf ganz bewundernswerte Weise instinktiv seine verwandten Kreaturen aus der großen Menge heraus. Sie wittern ein schleimiges Verhältnis und sind zu haben. Sie sagen mit Freuden ja. Wir sollen von unserem Kellner keine Dienerei verlangen. Wir erniedrigen uns dadurch selber. Ein wirklicher Mensch duldet keine Herrschaft, keine Autorität über sich und keine Dienerei unter sich. – Hier wird die Lebenskunst unseres jungen Mannes besonders erprobt. Und wenn der selbstbewußte Kellner – wie es sich für jeden Menschen schickt – sein Rößlein ein wenig im Zaum hält und den Stolz nicht mit der Vernunft durchgehen läßt, so übertrifft er an geschäftlichen Leistungen, an Tüchtigkeit und Erfolg jede Dienerseele bei weitem.
Das meiste Unglück auf der Welt wird bekanntlich durch die Tatsache angerichtet, daß jeder Mensch seiner eigenen Person viel zu viel Wichtigkeit zuschreibt, wie bescheiden er selbst sein mag. Bescheidenheit ist nichts als eine vornehme Art von Wichtigtuerei. Mit etwas Selbstverachtung aber und Hochachtung vor anderen kommt man erstaunlich weit. – Das weiß der gute Kellner besser wie wir alle.
Ja, meine Freunde, Sie glauben nicht, wie mitleidig und feinfühlig ein guter Kellner ist. Auf den ersten Bück merkt er, wie Sie aufgelegt sind, und empfiehlt Ihnen je nach Ihrer Gemütserregung die nötigen Speisen, den erforderlichen Trost in Form eines Getränkes. Er besitzt das Auge eines Arztes. Ja, noch mehr tut er. Er nimmt Anteil an Ihrem Leide, an Ihrer Freude, ohne daß dieses Mitgefühl direkt auf seine Trinkgeldabsichten zurückzuführen ist. Es ist der gute Geist der alten Gastfreundschaft, der in den Leuten weiterlebt. Es ist des Kellners Natur, sich dem Gaste anzupassen, wie sich der Dichter dem Volke anpassen muß, wenn er zu ihm sprechen will. – Einem Börsenmakler sieht der freundliche, lächelnde Ganymed die Haussen und Baissen an der Nase ab. Nach einigem Zögern versucht er dann vorsichtig darauf anzuspielen und nötigenfalls zu gratulieren oder seinen Schmerz auszudrücken. Ein Kellner vermag den größten Mutzkopf und Brummbär zu trösten, wenn dieser nicht gerade ein unheilbarer Hypochonder ist, in dem das letzte Fünkchen Liebe für die schöne Erde und für Humor erloschen ist. Als Belohnung für eine solche Wohltat gibt der Börsianer häufig seinem liebenswürdigen Ganymed einen »Tip«, einen guten Rat in bezug auf die Börsengeheimnisse, woraufhin der Kellner nicht selten mit einer kleinen Einlage gut abschneidet.
Dem Kellner ist es ein wahres Vergnügen, einem freundlichen, wohlgesinnten Gaste aufzuwarten, und wer als solcher eine Unterhaltung wünscht oder sucht, wird im Kellner einen interessanten Causeur finden, wenn es die Zeit gestattet. Ein guter Kellner wird nie die Unterhaltung aus eigener Initiative suchen. Sein Taktgefühl und die einfachsten Regeln der Höflichkeit sagen ihm auch genau, wie weit eine Konversation gehen kann. Höflichkeit ist gerade das Gegenteil von Dienerei. Wer einem unbekannten Menschen höflich begegnet, hat demselben gegenüber immer etwas voraus. Schmierige Vertraulichkeit mit unbekannten oder wenig bekannten Menschen ist ungefähr das Widerlichste, was sich ein feinfühliger Mensch denken kann, und sie entstammt nur einer tierischen Borniertheit. Wer solchen Passionen nachhängt, muß oft sehr erniedrigende Erfahrungen machen. – Das alles sieht und weiß der Kellner besser wie wir alle, denn er lernt es unter dem großen Gewühl der Menschen.
In einzelnen Fällen wächst das Verhältnis zwischen Gast und Kellner auch zu einer schönen Familiarität und Freundschaft heran. Reiche, vornehme Leute, vielleicht alt und kinderlos, gewinnen oft ein wirkliches Vertrauen zu einem jungen, frischen Menschen, besonders wenn sich dieser in freier, schöner Weise ihrer annimmt und im Interesse des Hauses und seinem eigenen den Aufenthalt der Gäste genußreich zu gestalten versucht. Mag das Leben und die Lage der Gäste noch so beneidenswert aussehen, es hat immer seine großen und kleinen Häkchen, die das Dasein versauern. Und gerade solche Leute empfinden etwas ihnen Zugefügtes, das sie, streng genommen, nicht fordern können und worauf sie keinen Anspruch haben, als eine angenehme Überraschung und wissen es zu würdigen. Warum sollte unter solchen Umständen nicht ein wirklich kordiales Verhältnis zwischen Hoch und Gering aufkeimen können?
Aber unser modernes Leben, unsere geschäftlichen Ansichten ersticken doch in den meisten Fällen jede schönere Regung in den Herzen der Menschen. Und das größte Merkmal im Verkehr der Menschen untereinander ist nicht das Wohlwollen, die Güte und die Liebe, es ist auch nicht die Gemeinheit, die Sklaverei, der Haß oder die Sucht, sich gegenseitig zu schädigen, nein, es ist nur eines: die Gleichgültigkeit, die Indifferenz. Sie ist wirklich aus dem Trubel unseres modernen Erwerbslebens geboren und ist die niederste Stufe aller menschlichen Herzensregungen. Jeder wurschtelt für sich selber und bekümmert sich nicht um den anderen. Einer solch niederen Gesinnungsart sind nicht einmal die wildesten Völker der Erde fähig. Der Fremde, der zu ihnen kommt, wird entweder als Gast in den Hütten aufgenommen, mit allen Mitteln wie ein Heiliger geschützt und gepflegt, oder er wird totgeschlagen und aufgefressen. Beides sind Zeichen der Hochachtung. Ein Barbar wird niemals gleichgültig an einem anderen vorübergehen.
Ein Mann, der so zwischen den Feuern steht wie unser junger Freund, muß eine himmlische Geduld und Nachsicht mit den Schwächen und Fehlern der Menschheit haben. Der Gemeinheit gegenüber verhält er sich am besten ruhig, vornehm, ablehnend und schweigend. In den meisten Fällen wird er damit seinen rüpelhaften Gegner entwaffnen und zu Tode schweigen. Er muß bedenken, daß er Grobheit und Gemeinheit niemals besser als mit unendlicher schweigsamer Verachtung strafen kann. Er schont damit seine wertvolle Gesundheit und steht im Verhältnis zu seinem Angreifer wie der Mond zum Hunde, der ihn anheult. Und da die Gemeinheit der Menschen mit dem Geschäfte des Kellners verbunden ist wie der Geruch mit der Leimsiederei, so können Sie sich, meine Freunde, leicht vorstellen, was für ein vornehmer Mensch unser Kellner ist.
Ich erkläre mich aber wirklich nicht damit einverstanden, daß der Kellner geschäftlich ein vornehmer, schüchterner Märtyrer menschlicher Gemeinheit sei. Er sollte auftreten, wie es unser Inneres verlangt. Er sollte nicht jede Gemeinheit, jede Beleidigung, jede Frechheit dankend einstecken. Nein, bewahre! Er sollte sich wehren, als Mensch, als moderner Mensch wehren. Wir haben kein Verständnis für Heilige. Wir lachen darüber. Demgemäß sollte auch der Kellner auftreten. Das würde seiner Gesundheit sehr förderlich sein, deren er dringend für seine langen Arbeitsstunden bedarf. Bei unvermeidlichen Konflikten sollte sich der Kellner sein Gegenüber ansehen und keine Rücksicht auf gemanikürte Hände oder Monokel nehmen. Er sollte es abschätzen. Hält er es für genügend zurechnungsfähig, daß eine derbe Lektion nicht ganz wirkungs- und spurlos an dem leeren Gehirn vorüberstreift, so soll er die notwendige Lektion gründlich erteilen. Wenige, aber kräftige Worte und nur Wahrheit, das genügt schon. Bei einem derartigen Renkontre sollte jeder Prinzipal, der nur ein klein wenig auf sich, sein Haus und seine Leute hält, den Angestellten unterstützen. Er wird dabei die Meinung eines jeden rechtlich denkenden Mannes auf seiner Seite haben. Wird dem Angestellten Unterstützung verweigert, so ist es Pflicht seiner Kollegen, solidarisch aufzutreten. Universelle Organisation und tatkräftiger Rechtsbeistand kämen dann sehr zur Geltung. Dies bezieht sich natürlich auf Fälle, wo die Person oder die Ehre des Kellners beleidigt wird. Bei gewöhnlichen geschäftlichen Differenzen zwischen Gast und Kellner entledigt sich der letztere der Sache am einfachsten, indem er sie dem Vorgesetzten übergibt und nicht eigenmächtig handelt.
Man sollte daher sagen, meine Freunde, daß, wenn ein Kellner oder irgendein anderer Mensch irgendeines Berufes ein Menschenkenner, ein tüchtiger Fachmann, ein bescheidener, höflicher Mann der Welt, ein angenehmer Gesellschafter ist, und wenn er das Gefühl der Pflicht, der Verantwortlichkeit und Zugehörigkeit zur menschlichen Gesellschaft in seiner Brust trägt, so würde er sich damit selbst die Hochachtung der gemeinsten seiner Mitmenschen erzwingen. Aber unserm Kellner wird dies schwer, sehr, sehr schwer gemacht. – Und so sehen Sie ein, daß ein Mann in einer derartigen Stellung einer wirklich großen Philosophie bedarf, um stark zu bleiben, sich aufrecht zu erhalten und nicht unterzugehen. Wem aber ist die Philosophie gegeben? – In jedem neuen Menschen, der uns entgegentritt, begegnen wir einer neuen kleinen Welt, auf welche unsere vorherigen Erfahrungen nur wenig, oft gar keine Anwendung findet. Zur Erkenntnis solcher Wahrheiten, die uns über alles Unheil der Erde hinwegzutragen vermögen, gehört ein gutes, geübtes Auge, das frei von den Kleinlichkeiten der Umgebung weit hinausschaut. Dieses Auge besitzen nur wenige. Indessen die meisten werden von der Notwendigkeit hinweggeschwemmt und lassen sich tragen. Doch das Leben versagt ihnen nie seine Hilfe ganz. So werden sie vorsichtig, feinfühlig, gewitzigt, forschen, strecken die Fühler aus ins Dunkle und sind auf der Hut. Die Verirrungen und Verwirrungen unserer Zivilisation verlangen dies. Sie bilden uns zu Diplomaten und Politikern heran. Diplomaten sind Leute, die in den schwierigsten Stellungen des Geistes und des Körpers Dinge verrichten können, die jeder aufrecht stehende Mensch in natürlicher Lage ebensogut und noch besser ausführen kann. Das Menschengeschlecht hat wirklich noch nicht die Kunststückchen seiner Vorfahren in den Lianen des Urwaldes verlernt. Ja, es scheint, daß, je mehr die Zivilisation fortschreitet, um so mehr wir deren wieder bedürfen, d. h. daß wir zurückschreiten. Der beste Beweis dafür ist die Entwicklung des modernen Kellners. Ist es nicht geradezu bewundernswürdig, wie er sich durch die Schlinggewächse unserer Zivilisation hindurchschlängelt? Als pure Naturerscheinung genommen, für den Forscher freilich hat es wenig Reiz, weil verständlich. Wie alles andere, wenn man mit den Gesetzen der Entwicklung vertraut ist.
Es ist bemerkenswert, daß der Kellner – ein sehr moderner Arbeiter – trotz seiner Stellung zum Kapitalismus eher zum ganz achtbaren Philosophen und sozialen Trapezkünstler als zum Sozialdemokraten heranwächst. Bedenkt er, daß die glücklichen, fremden Menschen, denen er so nahe tritt, an seinem Unglück nicht direkt schuld sind? Läßt er es ihnen aus diesem Grunde nicht fühlen? Nimmt er darum keine drohende Haltung an? Welch formidablen Feind hätte die Gesellschaft nicht in ihm?! – Doch sein Wesen ist stets – ohne gefährliche Hintergedanken – gleich freundlich. Seine Züge versteinern sich so allmählich zu einem stereotypen Lächeln, einem traurigen Gemisch von Entsagung, geschickter Verstellungskunst, verhohlenem Leid und obligatorischer Heuchelei – ein Ausdruck, von der Zeit ins Antlitz des Großstadtmenschen gegraben, der ihm mit in den Tod folgt. –