In einigen Tagen, Herr Professor, wird ein Bekannter von mir, ein Kommerzienrat, hier eintreffen. Er hat sich soeben angemeldet. – Ja, ein äußerst intelligenter Mensch, ein fortschrittlicher Großindustrieller. Es wird mir ein Vergnügen sein, Sie mit dem Herrn bekannt zu machen. – Wie, Sie gedenken so früh schon abzureisen? Das kommt ja wirklich ganz unerwartet.
Ich fürchte doch nicht, daß etwas Schlimmes vorgefallen ist. – So, Sie haben nur Ihren Plan geändert. Nun, jedenfalls bedauere ich unendlich, Ihre werte Tischgesellschaft verlieren zu müssen. Unsere unterhaltenden Gespräche – hm – – – – – – – – – – – – – – – – Ja, nicht wahr, gnädige Frau, Sie hätten gar nicht geglaubt, daß man so viel von den Kellnern erzählen kann. Und wie interessant das alles ist! – So erwerben sich diese Menschen im Laufe der Jahre einen ungeheuren Scharfblick, eine unheimliche, geradezu gefährliche Menschenkenntnis – von unserem Standpunkt aus gesprochen. Denn es kann uns doch nicht ganz einerlei sein, was ein anderer über uns denkt, selbst wenn er ein Kellner ist. Können Sie sich aber in die Gedankenwelt unseres jungen Mannes wirklich hineinleben? – Oh, es ist sehr leicht, ihn zu schmähen, wenn wir mit seinen Diensten wirklich einmal unzufrieden sein dürfen. Der beständige Anblick des Reichtums und der Verschwendung muß ganz notwendigerweise einen gerechten Haß und Zorn in dem Herzen des Armen gegen sein Schicksal aufwühlen und hat einen entschiedenen Einfluß auf seine Denkungsart. Er, der Proletarier im Frack, hat immerwährend das qualvolle Bild in Wirklichkeit vor seinen Augen, das den schreierischen, struppigen Feinden des Reichtums nur als eine Utopie vorschwebt, da ihnen die parfümgeschwängerte Atmosphäre eines luxuriösen Hauses vollständig fern liegt und sie dieselbe nicht beurteilen können. Weil sie dieselben nicht kennen, schreien sie. Anders aber der Kellner. Denn das Leben ist gerechter gegen ihn. Die unbarmherzigen, grausamen Kontraste seines Daseins mögen wohl manchmal die Flammen des Neides und des Hasses wecken und schüren, aber gerade in solchen bösen Augenblicken kommt ihm das Leben zu Hilfe. Herrliche, mannigfaltige Erfahrungen lassen ihn dann tiefe Blicke hinter die Szenerie des Glanzes und des Reichtums tun und bringen eine wunderbare Reaktion in seinem Herzen hervor. Er sieht alsdann, daß Glanz und Reichtum nicht das Glück der Menschen bedingen, und daß die, die sie nicht besitzen, ihren Neid daran verschwenden. So wird er ruhig und schreit nicht. – Er muß durch diese Kämpfe gehen, um ruhig zu werden. Und die beständige Wiederholung der Dinge, die unaufhörliche Prozession dieser scheinbar kleinen Ereignisse festigt seine Lebensanschauung, übt seinen Blick. Ein Mensch, der sich Mühe gibt, seine Mitmenschen zu beobachten und zu studieren, wird darüber sehr bald sein eigenes Leid vergessen. Er wird sein Unglück als ein vermeintliches erkennen, er wird über die Irrtümer seiner Jugend hinauskommen. Zwar nicht jeder Mensch ist mit der ganzen wunderbaren Kraft zur Auferstehung erfüllt, aber ein Teil davon schlummert in jedem menschlichen Herzen, ein großer Wille ist erforderlich, um den göttlichen Funken zu wecken.
Leider kann ich nicht behaupten, daß die Kellner alle den tieferen Sinn der Menschenbeobachtung erfassen und Nutzen für ihr geistiges Leben daraus ziehen. Dieser unschätzbare, wunderbare Wert geht nicht nur den Kellnern, sondern fast allen Menschen auf ewig verloren. Das Menschenstudium des Kellners hat daher vorwiegend einen irdischen, praktischen Zweck. Es wird vor allem sein Gedächtnis üben, dessen er so dringend in seiner Tätigkeit bedarf. Ein Kellner, der ein Menschenkenner ist, wird es leicht finden, sich in die kleinen, stupiden Eigenheiten seiner Gäste hineinzufinden, er wird sie freundlich berücksichtigen, seine Gäste entzücken und sich selber manches Ungemach ersparen. Für das Haus ist ein solcher Mensch selbstverständlich geradezu unbezahlbar. Mit der wachsenden Menschenkenntnis wird er sich die Gesichter und die Namen seiner Gäste einprägen können, so daß er sie noch nach Jahren auf den ersten Blick wiedererkennt. In dieser einfachen, praktischen Tatsache liegt das ganze Geheimnis des großen Erfolges von so unendlich vielen, tüchtigen Hotelmännern, die vom armen Pikkolo an emporgewachsen sind. Durch seine Menschenkenntnis zieht der Hotelmann unwiderstehlich alle guten Elemente unter seinen Gästen an sich und schreckt das lichtscheue Gesindel gleichzeitig ab. Denn wenn zum Beispiel ein Gast nach Monaten oder Jahren sich gleich wiedererkannt sieht und freundlich aufgenommen wird, so kann er sich zum allerwenigsten sehr geschmeichelt fühlen, wenn er nicht gar eine Art von Glücksgefühl empfindet, Menschen um sich zu haben, die sich in so großem Maße für seine Person interessieren und dieselbe nicht vergessen, nachdem sie für ihr Interesse bezahlt wurden. Er wird darin ein Zeichen aufrichtiger Dankbarkeit erblicken, das seine eigene Dankbarkeit herausfordert. Sind jedoch die Motive seines Kommens unlautere, so wird der Gast vor dem ihn erkennenden und durchschauenden scharfen Auge Grauen empfinden und sich andere Gefilde für sein fragwürdiges Leben und Treiben suchen.
Ist es nicht unheimlich, so durchschaut zu werden? – Doch wir, wir guten Menschen haben nichts zu fürchten. Immerhin aber ist es ein erhebendes Gefühl, zu wissen, daß unsere Zeitgenossen eine förmliche Jagd auf uns machen. Daß unsere friedlichen, ahnungslosen Gemüter immerwährend belauert sind. – Sie können nicht verstehen, wie und warum die Leute eine solche infame Wissenschaft betreiben, wer sie dazu nötigt? – Ei, wir selber, wir, die Gäste. – In keinem Geschäfte, an keinem Orte, zu keiner Gelegenheit lassen die Menschen ihre Charaktere, ihre Gutmütigkeit, ihre Verhältnisse, ihre Laster, ihren Hochmut, ihre Dummheit, ihre Stupidität, ihre niederste Gemeinheit, ja alle ihre geheimsten Gedanken, ihr tiefstes Innere so zutage treten, wie an der Tafel – wie beim Wein. Die Alten hingen nicht umsonst bei einem Gastmahl die Rosen über ihre Häupter. – Ich sagte Ihnen bereits, daß der Genießende im Akte des Genusses eine Art von selbstsüchtiger Bestie ist, für die keine Umgebung mehr existiert. Er vergißt alles rings um sich her, sieht, fühlt und genießt nur sich allein. – Wenn die Menschen noch den Mut besäßen, sich ihre Schwächen aus freien Stücken gegenseitig anzuvertrauen. Dann wäre das Verhältnis zueinander noch ein relativ würdiges und zu entschuldigendes. – Aber sie sind nicht vertrauend! Im Gegenteil! – Und wenn sie sich preisgeben, wenn sie sich bloßlegen, so ist das eine unverantwortliche, tierische, erniedrigende Faulheit der Seele. Das ist alles. Es ist eine beleidigende, unverzeihliche Voraussetzung ihrerseits, gleichartige Wesen vor sich zu haben, eine unbewußte Nivellierung anderer Gemüter herab zur eigenen Niedrigkeit. Der Ausbund aller brutalen Roheit ist natürlich dasjenige Individuum, welches die sklavenhafte Stellung anderer wissentlich benutzt, um absolute Unterwerfung unter seine eigenen Gewohnheiten zu fordern. Von diesen Minotauren will ich gar nicht reden.
Jawohl, gnädige Frau! Mit einer rührenden Unvorsichtigkeit – nein, ekelhaften Selbstverständlichkeit geben sich die Menschen preis. Mit einer rücksichtslosen Frechheit erwarten wir von einem wildfremden Menschen, daß er uns bedient, daß er unsere Eigenheiten kennt, daß er sich unseren Fehlern und Bequemlichkeiten anschließen, ihnen schmeicheln und sich damit zufrieden geben soll. Wir sehen in ihm nicht den durch Reibung mit allerhand Menschen geschliffenen Weltmann, den feinfühlenden Lebenskünstler; wir erwarten nur gute Bedienung von ihm. Nichts mehr und nichts weniger. Vollkommen gerecht! – Nach juristischen Begriffen, wohlverstanden. Indessen, wir werden – wie gesagt – bestraft. Wir können nicht verhindern, daß der kluge, ruhige Mensch unsere Ahnungslosigkeit durchschaut, und wir fallen dadurch, daß wir uns ihm so rücksichtslos preisgeben, ganz unter seine Gewalt. Er ist zwar unser Kellner, wir aber sind seine Unterworfenen.
Die wirkliche Gefahr lauert immer da am ersten, wo wir sie am wenigsten vermuten. Denn sonst wäre sie eine schlechte Gefahr. Nur in ganz lichten Momenten warnt uns ein von Widerspruch gedämpfter Aufschrei aus der untersten Tiefe der Seele, treibt beschämend das Blut in die Wangen, und wir ahnen dumpf, daß etwas nicht ganz richtig ist. Gewöhnlich aber schwimmen wir sorglos, fröhlich und munter im dunklen Meer unseres Unbewußtseins umher. Es ist doch eigentlich geradezu jämmerlich, von einem wildfremden Menschen, hinter dem wir gar nichts vermuten, schmählich durchschaut zu werden. Wenn wir wüßten, was die Leute, die uns bedienen, unwillkürlich von uns denken – und mit Recht von uns denken – so würde jeder Appetit vergehen, so hätten wir keine freudige Stunde mehr. Lakaien und Diener sind gewöhnlich verkappte, harmlose Anarchisten, wenn sie nicht gerade ihren Beruf verfehlt haben, d. h. wenn sie nicht wissen, daß sie solche sind. Jeder »treue Diener« hat als Mensch seinen Beruf gänzlich verfehlt. Er kann nichts als ein Idiot sein. Es gibt daher keine »treuen« Diener. Das Gebiet ist unerforschlich tief. Wir müssen unser Bestes daraus machen. – Unsere Ahnungslosigkeit ist einesteils unser Glück. Wie könnten wir noch fröhlich unser gutes Diner genießen, wenn wir wüßten, was hinter unserm Rücken vorgeht! –
Wenn zwei astronomische Welten zusammenkommen, so gibt es ein Unglück. Wenn zwei wirkliche Menschen zusammenkommen, gleichfalls. Wir sind als Geschöpfe so entsetzlich isoliert, daß eigentlich jeder Versuch zur innerlichen Annäherung an einen anderen Menschen aus einer grenzenlosen, weichtierartigen Naivität zu stammen scheint. Nur hie und da – in den gottvollen lichten Momentchen – vernehmen wir etwas von uns selber und somit zugleich das herzzerreißende Schluchzen einer anderen, fremden, ebenso einsamen Welt, und beide stehen wir da, sehnsüchtig, hilflos, ohnmächtig, uns selber überlassen. Doch – wie gesagt – das sind Gott sei Dank nur Momente. Und sehr seltene obendrein. Aber aus diesem und keinem anderen Grunde müssen wir unsere Mitmenschen achten und ihre Existenz anerkennen.
Guglielmo Ferrero sagt an einer Stelle ganz großartig:
»Es ist kein Zufall oder die unerklärliche Kaprice einiger alter Schriftsteller, daß wir so viele kleine Angaben über die Entwicklung des Luxus und die Veränderung der Lebensweise im alten Rom besitzen, daß zum Beispiel zwischen den Beschreibungen der großen Kriege, der diplomatischen Errungenschaften, der politischen und ökonomischen Katastrophen uns das Datum angegeben wird, wann die Kunst des Geflügelmästens in Italien eingeführt wurde. Diese kleinen Tatsachen sind der Majestät der römischen Geschichte nicht so unwürdig, wie man anfangs annehmen möchte. Alles ist in dem großen Dasein einer Nation vereinigt, nichts ist ohne Wichtigkeit. Die kleinste, persönlichste Handlung tief verborgen in der Abgeschlossenheit des Heims, die niemand sieht, niemand kennt, hat einen unmittelbaren oder fernliegenden Einfluß auf das alltägliche Leben der Nation. Diese kleinen, bedeutungslosen Geschehnisse sind mit den Kriegen, den Revolutionen, den gewaltigen politischen und sozialen Ereignissen, über die die Menschen erstaunen, durch ein Band verbunden, welches zwar den meisten Leuten unsichtbar, aber nichtsdestoweniger unzerreißbar ist. – – Wie klarer und tiefer würden die Ursachen so vieler anscheinend mysteriöser Ereignisse in der Geschichte erkannt werden, von wie vielen Perioden würde man den Geist der Zeit besser verstehen, wenn wir nur Aufzeichnungen über die Privatverhältnisse der Familien besäßen, welche die regierenden Klassen bilden! Jede Tat, die wir in der Stille unseres Heims begehen, hat eine Rückwirkung auf unsere Umgebung. Mit jeder unserer Handlungen nehmen wir eine Verantwortlichkeit gegen die Nation und Nachkommenschaft auf, welche sich früher oder später in Ereignissen bestätigt.«
Demnach sollten die Wirte sich ein unsterbliches Verdienst um die Geschichte erwerben, indem sie akurate, gewissenhafte und schonungslose Tagebücher von all dem führen, was sie sehen. Aber das ist nicht nötig. Wenn sie nur beherzigen, was sie sehen, so haben sie ihre Pflicht der Menschheit gegenüber vollauf getan. Denn sie und vor allem ihre Gehilfen, die Kellner, haben die großartigsten Gelegenheiten, die Menschen und ihre intimsten Handlungen aus nächster Nähe zu betrachten. Kein Geschäft, kein Beruf, kein Gewerbe ist so vorzüglich zu solchen Studien geeignet, als wie die Gastwirtsindustrie. Und daß die Menschen selber gegen derartige Studien nichts einzuwenden haben, erwähnte ich bereits. Die große Verachtung, die sie vor dem Wirt im allgemeinen und dem Kellner im besonderen haben, wird ihnen – wie ich bewies – selber zum Verderben. Man soll daher keinen Menschen für zu gering und zu dumm halten, als daß man sich ihm rückhaltslos preisgeben könnte.