Es ist eine schwierige Aufgabe für den Kellner, als eleganter Mensch aufzutreten, ohne jedoch den Gästen ähnlich zu sehen, zumal er auch noch aus gewissen anderen praktischen Gründen Juwelen, Uhrketten, Ringe, die auf allzu deftigen Wohlstand des Eigentümers schließen lassen könnten, sowie andere Distinktionen des Gentlemans unsichtbar tragen muß. Man soll die Menschen nicht unnötigerweise aufreizen. – Gerade aber, weil die Kellner genötigt sind, in einfacher Eleganz aufzutreten, hat man sie immer und immer wieder mit Kavalieren verwechselt. Viele praktische Wirte ziehen sich nun aus dem Dilemma, indem sie ihren Leuten ein paar goldene Knöpfe an den Frack annähen. Aber glauben Sie nicht, daß dies das Aussehen des Kellners zu sehr beeinträchtigt? Es erinnert doch zu sehr an die Uniform. Ja, sehen Sie! Uniform ohne Schnurrbart und Waffen! Was ist das für eine Kombination! – Warum man den jungen Leuten nicht gestattet, Schnurrbärte zu tragen? Ja, das ist auch noch ein Rätsel von den vielen im Leben des Kellners. Gehört das glatte Gesicht zur Uniform? – Soll der Mann jünger erscheinen? Will man durch Verbannung des Zeichens männlicher Würde das Selbstbewußtsein demütigen oder heben? – Ich weiß es nicht. Der Kellner soll keine wohlriechenden Parfüms gebrauchen, noch soll er sein Haupthaar salben, und wie er dennoch als zivilisierter Mensch erscheinen kann, ist mir gleichfalls rätselhaft. Sein Frack – mit oder ohne Goldknöpfe – ist das interessanteste Kleidungsstück, das ich kenne. Nur halte ich es etwas zu malerisch und daher zu unpraktisch, um darin täglich Fußreisen von dreißig bis vierzig Kilometern zu machen. – Wieso? – Nun, wenn wir bei einem anständigen Diner mit dem Horsd'œuvre anfangen und mit dem Nachtisch aufhören, so wird unser Mann inzwischen so oft hin und her, treppauf und treppab in die Küche, Keller und überall hin Laufschritt gemacht haben, daß sich daraus eine gute Strecke zusammensetzt. Hat er mehrere Partien zu befriedigen, die sich alle zahlreichen verschiedenen Genüssen hingeben, so zieht sich sein Weg ziemlich in die Länge. Bei einem starken Verkehr und zu allen Mahlzeiten des Tages wächst es ins Unglaubliche. – Nein, daran läßt sich nichts verbessern. Er wird immer seine Stiegen und Strecken zu laufen haben, er wird seine Kilometer zu Fuß machen müssen, denn es ist für ihn notwendig, sich mit dem Koch persönlich in Verbindung zu setzen, die fertigen Sachen eigenhändig in Empfang zu nehmen. Wenn seine Küche nun noch etwas weit vom Speisesaal entfernt liegt, was aus vielen Gründen gewöhnlich der Fall ist, und wenn sein Gedächtnis etwas unzuverlässig ist, so entwickelt sich aus dem Kellner ein Dauerläufer, der manchen Marathonrenner beschämen könnte. Denken Sie sich, Mr. Wootslebury, diese Entweihung des Frackes! Der Frack, der Inbegriff aller Eleganz, der einfache, schöne, geschmeidige Rock des Gentleman! Das Symbol der lässigen Ruhe! Was wird aus ihm, wenn der Sturm des Lebens hindurchsaust, wenn die Schöße ratlos und verzweifelt im Winde flattern! – Der Kellnerfrack, nein, das ist nichts! – Das Malerische, Derbe, Urkräftige, Trotzige, das dem blauen Kittel des rußigen Arbeiters anhaftet, fehlt der Kleidung des Kellners – eines modernen Arbeiters – leider gänzlich. Hat der Kellner nicht die Berechtigung, auch zu denjenigen Menschen gezählt zu werden, die in schwerer Arbeit des Körpers und zugleich mit großer geistiger Anstrengung das tägliche Brot erkämpfen müssen und dabei die elende Hülle ihres Körpers mit sauerm Schweiße durchtränken!? Der Frack! – Was wird er auf dem Rücken des arbeitenden, schweißtriefenden Kellners? – Können Sie mir das nicht sagen, Mr. Wootslebury? – Ja, ja, ich versichere Ihnen! – Eine der vielen Tragikomödien unseres heutigen Lebens! ...
V.
»Business is Business«
Es liegt etwas sehr Schönes in dem Gedanken, den Menschen Heime und Unterkunft zu bereiten, ihnen Speise und Trank zu reichen.
Aber dann kommt das Geschäft. Wirklich, ich habe lange auf den Augenblick gewartet, um mit einem hervorragenden Geschäftsmann ein Wörtchen über Geschäft zu sprechen und seine Ansichten zu hören. Darum ist unsere heutige Konversation auch so interessant für mich. – Natürlich, ich verstehe Ihren Standpunkt als Großindustrieller vollkommen. Sie müssen mir aber erlauben, daß ich vom menschlichen Gesichtspunkt aus, auf dem ich stehe, mancherlei gegen moderne Geschäftsmethoden einzuwenden habe. Das sind die Widersprüche, aus denen unser Dasein zusammengesetzt ist. Aber ein Zug tritt schön hervor: wir alle versuchen unser Bestes, und gleich stark in uns allen wühlt der Drang nach Tätigkeit und Arbeit, gleichviel, wie oder ob derselbe zum Ausbruch kommt. Er ist da. – Ob als Künstler, als Gelehrter, als Kaufmann oder Handwerker, jeder tut, was in seinen Kräften steht, jeder ist gleich stolz auf seine Arbeit – von seinem Standpunkt aus. Und mit Recht. – Aber jedes Geschäft – oder Arbeit – oder Kunst – wie man will, ist eine Art Kleinigkeitskrämerei. Ein Geschäftsmann, ein Künstler, ein Staatsmann, ja schließlich jeder Mensch, welcher Kleinigkeiten übersieht oder ignoriert, wird dafür bestraft – in manchen Fällen ruiniert. Kleinigkeiten scheinen die Welt und das große Leben auszumachen, so lächerlich es klingt. – Goethe mußte sich als Staatsminister um lederne Gendarmeriehosen und allerhand sonstigen Kram bekümmern. Und er tat es. Oft sogar mit wirklichem Vergnügen. Er, der Olympier!
Dann ist das Geschäft als solches aber auch etwas mehr, es ist ganz Unerbittlichkeit. So unerbitterlich wie jede fortlaufende Handlung, wie ein Drama, wie das Ticktack der Uhr, das ein Endziel, einen Abschluß hat. Sonst ist es kein Geschäft.
Was sagen Sie aber nun zu einem modernen Riesenhotel, Sie, der Inhaber von großen Industrien, von ausgedehnten Geschäften? Ich meine von Ihrem, vom geschäftlichen Standpunkt aus. – Ist das moderne Riesenhotel nicht eine ganz großartige Industrie? – Und sonderbar! So interessant und weitverzweigt das Hotelwesen als Geschäft ist, so miserabel ist der Wirt als Geschäftsmann. – Wieso? – Ei, seine Tätigkeit, sein Geschäft bringt dies selber mit sich. Und ein schlechter Geschäftsmann ist gewöhnlich auch ein schlechter Prinzipal und Arbeitsgeber. Auch dies bestätigt sich beim Wirt. – Ja, Sie haben sich vielleicht noch nicht genügend für die geschäftliche Seite der Hotelindustrie interessiert, und darum klingt Ihnen meine Behauptung neu und fremd. Aber sie beruht auf Tatsache. – Gewiß, ich weiß, im Sinne des bürgerlichen Gesetzbuches ist der Wirt ein Kaufmann. Aber darauf gebe ich nichts, gar nichts. Ich bekümmere mich nicht um leere Phrasen und Namen. Nun wohl! Ich habe Ihnen gesagt, daß etwas mehr Schönes in dem Gedanken liege, den der Wirt aufgreift und zu seinem Geschäft macht. Nicht jeder Geschäftsmann kann behaupten, daß er durch seinen Beruf den Mitmenschen Wohltaten und Freude bereiten kann. Und gewiß hat kein Geschäft einen mehr idealen Hintergrund, als das des Wirtes.
Ein Wirt, der nichts mehr wäre als ein strikter Geschäftsmann, müßte eine abschreckende Gestalt für seine Kundschaft sein. Wenigstens für seine moderne, so anspruchsvolle Kundschaft. Daher ist der Wirt mehr Mensch als Geschäftsmann. Schlechte Kaufleute sind oft sehr gute Menschen. – Bitte, ich weiß, was Sie sagen wollen! Ich will gewiß nicht behaupten, daß alle gewiegten Geschäftsmänner schlechte Menschen und alle geschäftlichen Stümper gute menschliche Exemplare seien. Es gibt Mittelwege. Aber trotzdem! Ich glaube nicht an Gefühl, an Edelmut, an Freigiebigkeit bei einem geschäftlichen Vorgang. Das menschliche Herz hat keine Stimme in der Geschäftswelt. Edelmut läßt sich mit unserem kommerziellen Leben noch nicht vereinbaren. Es ist das Privilegium des Schönen, lächerlich zu werden, wenn der Alltag spricht.
Der Wirt ist sich seiner zwiefachen Stellung sehr wohl und schmerzlich bewußt. Sagen Sie ihm, daß sein Geschäft genau das gleiche sei, was jedes andere Geschäft ist, so wird er freudig zustimmen. Wenn man ihm aber sagt, daß er und seine Angestellten deshalb genau so auftreten sollten, wie es andere Geschäftsleute tun, so wird die freudige Miene verschwinden und eine besorgte an ihre Stelle treten. Er wird sagen, daß dies unmöglich sei. Er wird Ihnen eine ganze Reihe von Gründen hierfür angeben, und doch keinen einzigen, der stichhaltig und greifbar wäre. – Nein, nein, er kann den Gästen gegenüber nicht so auftreten, wie es andere Geschäftsleute ihren Kunden gegenüber tun. – Das ist nun einmal so und nicht anders. Der Wirt wird Ihnen sagen, daß er höflicher, zuvorkommender, nachsichtiger, freigiebiger, williger, fügsamer sein muß als irgendein anderer Geschäftsmann, daß er sogar nötigenfalls sich bücken und Kratzfüße machen muß. Die Gäste verlangen dies nun einmal so, die Konkurrenz ist nun einmal so groß usw. Der arme Mensch wird sich vor Qualen winden und drehen, aber keine richtige Lösung seiner eigenartigen Situation finden können.
Ich kenne kaum einen Betrieb, dem mehr Gefahren von innen und von außen drohen, wie der Hotelindustrie. Ungünstiges Wetter und Verkehrsstörungen können großen Schaden anrichten. Eine Epidemie, ja ein einziger Todesfall oder eine ansteckende Krankheit können den Betrieb vollständig lähmen. Selbstmorde, Skandale gehören nicht zu Annehmlichkeiten. Dem Hause kann jederzeit durch verleumderische Untergrabung des guten Rufes und des Renommees unermeßlichen Schaden beigefügt werden. Schwindler, Hochstapler, Gauner, Diebe treiben hier unausgesetzt ihr Unwesen. Infolge der großen Haftpflicht der Wirte droht eine beständige Gefahr in Prozessen aller Art. Die Sorge um das Eigentum und die Sicherheit der Gäste ist beileibe keine geringe. Vor allem aber ist die Ungnade hochgestellter, einflußreicher Leute am meisten zu fürchten. Einflußreiche Damen der hohen Gesellschaft namentlich sind große Faktoren in der Prosperität oder dem Ruin eines Hauses. Die verheerende oder wohltätige Wirkung, welche ein einzelnes weibliches Wesen durch ihre Zungenfertigkeit im Klub, in der Gesellschaft, bei ihren Freundinnen und selbst bei den Männern in einem Hotel hervorrufen kann, ist oft ganz unglaublich groß. – Von den eigentlichen Betriebsgefahren, den inneren, wie die Verderblichkeit der Waren, Gewissenlosigkeit und Unredlichkeit der Angestellten, Feuersgefahr usw. will ich gar nicht reden. Es sind nur einige von den vielen Sorgen, die das Gemüt des modernen Hoteliers als Geschäftsmann belasten. Seine Hauptsorge aber ist: er will seinen Gästen ein Heim bereiten.