Ein wahrhaft heroischer Versuch! Ein herkulisches Unternehmen für einen Geschäftsmann! Aber was ist das Ende? – So wird der Hotelier durch seine Sisyphusarbeit geschäftlich schwach statt stark. Er wird ängstlich, enttäuscht, entmutigt, er kann seiner Kundschaft nicht als Kaufmann entgegentreten. – Er wird stets einem unverschämten Gaste, einem chronischen Nörgler, der – weil er die Hoteliers und ihre Schwächen kennt – prinzipiell überall wegen hoher Preise, schlechten Essens, miserabler Bedienung usw. aufmuckt, sofort weitgehende Privilegien einräumen und einen Rabatt gewähren. Zum Protest gegen derartige, sehr häufig vorkommende Unverschämtheit erkühnt sich der Wirt höchstens zur Zeit der Hochsaison, wo drei oder vier andere, weniger unverfrorene Wanderer mit Bergen von Gepäck der Unterkunft harren und die fraglichen Preise gerne zahlen wollen, da sie schon an verschiedenen anderen gastlichen Portalen bedauernd zurückgewiesen wurden. Die übertriebene Hochachtung und Devotion vor seiner Kundschaft blendet den Durchschnittshotelier in dem Maße, daß er die größten Grobheiten übersieht oder schweigend einsteckt, ja daß er sich von einem internationalen Hochstapler, der nur halbwegs geschickt auftritt, oft ins Bockshorn jagen und betrügen läßt.

Mich dünkt, es hat sich der muffige Geruch des Interieurs wackeliger Karossen und Kaleschen selbst bis in die modernsten Hotels verschleppt. Den Geist, der die Hotelindustrie als Geschäft bedrückt, könnte ich nur – um ihn ganz genau zu definieren – »Postkutschengeist« nennen. Und wie eine vererbte Krankheit oder Angewohnheit schleicht er sich durch die ganze große Familie des mildtätigen Bonifaz hindurch. So angemessen, gemütlich und zutraulich dieser liebe alte Postkutschengeist vor fünfzig oder hundert Jahren noch gewesen sein mag, die heutige Zeit hat keinen Gebrauch mehr für ihn. Das Dröhnen der stählernen Räder und Schienen, das gewaltige Fauchen der Lokomotiven, das dumpfe Stampfen der Schiffsmaschinen haben ihn, den Alten, vertrieben. – Wir bedauern dies unendlich. Wir betrauern ihn, wie wir uns über das Ableben eines alten Urgroßvaters oder Großonkels grämen, dessen Erbe wir, die Jungen, die Lebenden, antreten. – Aber dann schnell in die Erde mit ihm! Gott hab' ihn selig! Und zurück ins Leben! – Zeit ist Geld! – Und in unserer Zeit lautet der Kriegsruf: »Business is Business!«

Der moderne Hotelier wird alles, alles aufbieten, seinen reisenden Gästen Schutz, Obdach, Sicherheit, gutes Essen, gutes Trinken, freundliche Bedienung zu geben. Er wird sein Haus so bequem, so luxuriös, so behaglich und vollkommen ausstatten, wie es in seiner Macht steht. – Ja, wie gesagt – er wird das Menschenunmögliche versuchen: er wird den müden Reisenden so aufnehmen, daß dieser unter dem Dache des Hotels sein eigenes zurückgelassenes Heim vergißt. Gelingt dies jemals einem Hotelier, so ist er ein Künstler, ein großer Wohltäter der Menschheit, der stolz auf sein Lebenswerk sein kann.

Es ist jedoch eine Tatsache, daß das moderne Hotel das Heim der Menschen langsam verdrängt. – Beachten Sie nur, wie die Hoteliers dies unbewußt ahnen. Oder sollten die bösen Menschen es wirklich schon wissen!? – Jedenfalls aber, um den Übergang möglichst sanft zu gestalten, um die bittere Pille, die die Menschheit schlucken werden muß, süß zu machen, preisen sie ihre Häuser instinktiv – oder mit teuflisch schlauer Berechnung – als »Heime« an. Sie machen die verzweifeltsten Anstrengungen, sie sparen keine Mittel, ihre Lokale einem Heime ähnlich zu machen.

Aber ich bezweifle, ob es jemals einem Hotelier bisher gelungen ist, dem Reisenden das ferne Heim zu ersetzen. – Denn das Hotel ist und bleibt doch immer ein Geschäftshaus, und es kann doch auch nur als solches betrachtet und betrieben werden. Nach unseren bisherigen Begriffen war das Heim aber kein Geschäftshaus, sondern eine Art Heiligtum, eine geweihte Stätte. Der moderne Hotelier sollte dies bedenken, und wenn er rechnen kann, wird er es bedenken. Er würde sich dann auch nicht aufreiben auf der Suche nach etwas Unerreichbarem, nach dem Ersatz des Heims, sondern er würde dann nur danach trachten, sein Haus zu einem wirklichen Geschäftshaus zu gestalten.

Eine sehr traurige, trostlose Botschaft für das liebe Publikum! Der eine Hotelier, um sie ihm offen zu verkünden, müßte ein viel größerer Heros sein als alle seine heimebauenden Kollegen zusammengenommen. Aber da das liebe Publikum nur immer seine eigenen Interessen im Auge hat, und da die Hotels zur Selbsterhaltung auch bald anfangen müssen, das gleiche zu tun, so wird wohl jemand unter ihnen die Botschaft in nächster Zeit öffentlich verkünden müssen. Aber es braucht keine Kriegserklärung zu sein. Man kann es zum sanften Appell an die Vernunft des lieben Publikums machen.

Der Hotelier wird heute noch eingestehen müssen, daß er seinen Gästen kein wirkliches Heim bieten kann, sondern nur ein vorübergehendes Obdach – gegen Bezahlung. Was man Geschäft nennt ... Darum soll das Publikum auch eigentlich nicht mit Millionen unsinniger Forderungen und Erwartungen kommen und aus dem Ärmsten einen Neurastheniker machen. Wenn dies geschieht, so ist es nichts als die gerechte Strafe für die eigentlich geradezu unglaubliche Gemütsroheit, ein Geschäftslokal als heimähnlich oder heimersetzend anzupreisen. Mögen die Hoteliers durch Konkurrenz zu solch waghalsigem Tun angetrieben werden, es ist unverzeihlich, roh, – noch verfrüht. Das moderne Hotel kann in sich selbst eine kleine Stadt sein, es kann ein Kunst-, Musik-, Theaterpalast sein – ein Heim nach unseren Begriffen ist es noch nicht. Für unsere Enkel vielleicht, – wer weiß? – Freilich, freilich, es gibt heute schon genügend Menschen, welche große Hotels zu ihrem beständigen Aufenthaltsort machen und jahraus und jahrein darinnen vegetieren. Aber es gibt auch Menschen, denen der Begriff »Heim« fremd ist. Es gibt Menschen, deren Leben so entsetzlich öde, inhaltslos und leer ist, deren Inneres so verwüstet ist, daß sie allerhand künstlicher und mechanischer Mittel bedürfen, um sich über ihre Herzensöde hinwegzutrösten. Doch diese Menschen kommen für uns nicht in Betracht. – Frauen allerdings, Herr Kommerzienrat, ach, die Frauen, sage ich Ihnen, so weit sie angefangen haben, die Krise der Umwandlung, die Metamorphose des Heims zu erkennen, sie begrüßen die neue Ära mit einer frenetischen Begeisterung ... pst! – huh! da kommen unsere Damen gerade aus dem Garten – – sollten wir nicht lieber ein anderes Thema ...? Nicht? – Nun, ich werde versuchen, sie bald wieder fortzubringen. –

– – – – – Häh, ich schaue so glücklich drein, gnädige Frau? – Ja, ich fühle ein großes Dichtwerk in mir reifen. – Interessant, nicht wahr? – Wie meinen Sie ...? Ein titanisches Drama? – Ah, Sie halten viel zu wenig von mir! – Nein, nein! Ich fühle mich berufen, bald einen Nekrolog auf die Hausfrau zu singen. Vielleicht noch etwas verfrüht, aber immerhin ... – Selbstverständlich, gnädige Frau! Die Männer sind daran schuld. – Sonst niemand! Bevor ich aber in die Saiten greife und mein Lamento anstimme, will ich dem schlimmsten Feinde der Hausfrau, dem siegreich vordringenden Kochkünstler männlichen Geschlechts noch einen kräftigen Hieb versetzen, ja, ihn gar zurückzuschlagen versuchen, obgleich ich als Mann – persönlich – gegen den liebenswürdigen Menschen nichts einzuwenden habe. – Dieser herrliche Achilleus des Herdes hat nämlich eine sehr verwundbare Ferse: seine souveräne Verachtung für Hausmannskost. Wenn er nicht weise genug ist, noch einiges von der Hausfrau zu lernen, bevor er ihr ganz das Handwerk legt, so ist es um ihn geschehen. – Der Kochkünstler mag ein Philosoph, ein Träumer sein, was er hervorbringt und ersinnt, kann hohe Vollendung, Kunst oder Maschinenarbeit sein, die mit Präzision und Verve der Berufsmäßigkeit entsteht oder aus dem wunderbaren Reichtum und dem Fleiße eines erfinderischen Genies geboren wird. Seine Leistungen weisen aber nicht die Spuren jener liebevollen Hand auf, die den Gerichten einer guten Hausfrau anhaften. Warum ist diese häusliche Handarbeit mit allen ihren Mängeln und Ungeschliffenheiten in ihrer Einfachheit und Anspruchslosigkeit uns Menschen so wertvoll, so teuer? Vollkommenes ist uns noch fremd, denn wir selber sind noch nicht vollkommen. Die vollendete Arbeit mag unsere Bewunderung hervorrufen, sie hat aber einen befremdenden Eindruck auf uns: wir können sie eben nicht von Herzen lieben.

Hausmannskost, so nahrhaft, so einfach sie ist, in diesem Hotel ist sie noch nicht zu finden! Was die liebe, einfache Hausfrau, die biedere, ungebildete Köchin oft zu leisten vermag, den berühmtesten kulinarischen Größen ist's ein Rätsel. – Ich würde mit einer einzigen Bestellung auf einen kräftigen, deftigen Pfannekuchen mit Speck oder einen wunderlieblichen »Armen Ritter« unten das ganze Regiment von Kochkünstlern in Aufregung und Verzweiflung versetzen können. Vor einem Heringssalat aus Pellkartoffeln stehen die weisen Schüler des Lukullus und Brillat-Savarins, die schöpferischen Genies einer klassischen Küche, die Chemie, Physik und Anatomie studiert haben, genau so verblüfft da, wie ein Kollegium von Professoren der Psychologie, die vielleicht die verzwickten Liebesgefühle der Prinzessin Salome und des Propheten Jokanaan haarscharf erklären können, aber einen Fall von unglücklicher Liebe zwischen einem Hausknecht und einem Kammerkätzchen staunend angaffen und ratlos – aber ganz absolut hilf-, wort-, rat-, taten- und hoffnungslos davorstehen. Höchstens lächeln können sie und die Achseln zucken. Die Kochkünstler sowohl wie die Professoren. Das ist aber auch alles. Jedoch lächeln und achselzucken kann jedermann und besonders, wenn er sich sonst nicht zu helfen weiß.

Sind es wohl besondere Geheimnisse, Zaubersprüche und Beschwörungsformeln, die die Hausfrau bei der Zubereitung ihrer Gerichte anwendet, deren magische Gewalt dem Sohne in der Fremde grausames Heimweh bereitet, deren Duft allein schon den flatterhaften Ehemann mit unsichtbaren Fäden ans Haus fesselt? – Nein, gnädige Frau, so viel Wunderglauben besitze ich leider nicht. – Ich kann mir nicht einreden, daß die traute Liebe der Gattin und Mutter genug physische Kraft besitzt, um fürsorglich und beeinflussend über den dampfenden Kochtöpfen zu schweben und das Gedeihen des Inhalts zum Heile der Familienverdauungsorgane zu beschützen und zu segnen. – Wie so vieles Transzendentale von ruchlosen atheistischen Menschen wissenschaftlich ausgelegt werden kann, und da ich zur Beseitigung jedes Wunderglaubens nach Kräften beitragen will, so bin ich daher roh genug, die Wunder der häuslichen Küche physiologisch zu erklären. – Die Hausfrau bereitet vor allem die Speisen nicht zu lange vor. Sie kommen direkt vom Feuer auf den Tisch. Sie sind daher frei von dem metallischen Geschmack vieler Hotelspeisen, die stundenlang zubereitet warten müssen, bis sie serviert werden können. Während dieser Wartezeit zersetzen sich auf chemischem Wege kleine Metallteilchen, die, ohne schädlich zu sein, gewissen Speisen einen unangenehmen Geschmack mitteilen. – Nichtsdestoweniger gibt es Sachen, die aufgewärmt geradezu gottvoll sind. Durch den wiederholten Prozeß des Kochens wird oft ein gewisser, erster, halbroher Zustand beseitigt, die Speisen werden garer, zuträglicher und verdaulicher, wenn ihre ursprüngliche Kraft sorgfältigerweise erspart wird. Die Hausfrau, die oft aus Sparsamkeitsrücksichten gezwungen ist, Reste aufzuwärmen, hat dies entdeckt und weiß es wohl zu benutzen. Der Kochkünstler dagegen schaudert meistens vor aufgewärmten Speisen zurück. Durch weise Haushaltung an Sparsamkeit gewöhnt, verwendet die Hausfrau allerhand Reste und Überbleibsel von Suppen, Saucen, Knochen und dergleichen, kocht alles wieder auf und erzielt dadurch in ihren Gerichten jenen unbestimmbaren Grad von Kraft und Nahrhaftigkeit, welche jede sparsame, haushälterische Wirtschaft in allen Lebenslagen erreicht – das große, dem Verschwender ewig verborgen bleibende Geheimnis des Wohlstandes und der Gesittung. – Der Kochkünstler ist gewöhnlich ein Verschwender, wie alle Genies Verschwender sind. In der Enge muß das Genie zugrunde gehen. Aber die ganze Ausbeutung seiner Kräfte und Mittel kennzeichnet den weisen Künstler, den tüchtigen Handwerker. So viel kann der Koch von der Hausfrau lernen. – – Ja, meine Damen, ich schaudere bei dem Gedanken, daß das Heim der Menschen auf dem Aussterbeetat stehen soll! – Das moderne Heim ist nur noch ein Schatten von dem früheren. Und was wird die Zukunft uns als Ersatz bieten? – Nun, etwas Ähnliches wie ein Hotel muß es doch wohl werden, wenn die Frauen keinen anderen Rat wissen. – Wie meinen Sie, ich sei ein Weiberfeind? – Oh, welche ungerechte Anschuldigung! Welche Verleumdung! – – – – –