Da fließen sie hin, die Holden! – Zornig, entrüstet, schmollend, weil ich ihnen schmeichelte! – Wer kennt das Gemüt der Frauen!? – Wäre ich grob gegen sie gewesen, so lägen sie mir jetzt am Halse. Doch dem Himmel Dank! Nun können wir vom Geschäft weiter sprechen.
Vernünftige Männer wie wir, Herr Kommerzienrat, welche so hohe Preise zahlen, daß ein patriarchalisches Verhältnis zwischen ihnen und dem Hotelier schwerlich aufkeimen kann, werden daher vorläufig noch nicht die Torheit begehen und ein Hotel mit einem Heim vergleichen oder erwarten, daß es ihnen ein solches biete. Aber ein Geschäftshaus sehen wir im Hotel, ah, und was für ein Geschäftshaus! Welch ein Leben und Treiben! Interessant, nutzbringend sowohl für den Besucher wie auch für den Unternehmer und den Angestellten. Vielseitig, anregend wie kaum ein anderes. Und aus diesem Grunde verlangen wir vom Hotelier und seinen Angestellten nur striktes geschäftliches Auftreten und nichts mehr. – Würden Sie als Kaufmann bei einem Auftrage etwas mehr leisten, als Ihr Kontrakt Sie verpflichtet!? – Nein, sehen Sie. Jede überflüssige Leistung ist verdächtig. Nicht nur im geschäftlichen, sondern auch im privaten Leben. Als kleiner Junge besorgte ich oft gerne Einkäufe für meine Mutter. Ich tat's viel lieber als zur Schule gehen, denn ich vibrierte damals schon vor Verlangen, mich ins große Leben stürzen zu können. Aber ich habe niemals unserm Metzger getraut, wenn er zu gut gewogen hatte und mir gar noch ein Stück Wurst obendrein gab. Es schien mir nie ganz geheuer. Und unser Metzgermeister war doch so ein ehrenwerter Geschäftsmann! – Zu viel geben ist meiner Ansicht nach nicht gut. Ein Mann, der von sich selber und der Güte seiner Ware überzeugt ist, wird dies nie tun. Er wird nie zu wenig, aber auch nie zu viel geben. Freilich, zur Zeit der Postkutsche pflegten unsere Großväter einer Ruhe, die leider gänzlich aus unserem heutigen Geschäftsleben verschwunden ist. Sie hatten geschäftliche Ansichten, Prinzipien, Methoden, die heute nicht mehr gelten. Die Angestellten sind nicht mehr die aus der »guten, alten Zeit«. Ich kann daher auch nicht einsehen, warum sich im Hotel – ein ganz modernes Geschäft – der Geist der Postkutschenära erhalten sollte. Ich kann nicht einsehen, warum der moderne Hotelier von seinem Kellner verlangt, daß er sich total für das Wohl seiner Gäste aufreiben soll. Ein Gast, der im Hotel einen Kellner vielleicht von der Höhe eines Grandseigneurs herab als seinen Leibeigenen ansieht, wird es nicht wagen, in einem Laden den geringsten Verkäufer durch die aristokratische Brille zu betrachten. Nein, er wird geduldig warten, bis die Reihe an ihn kommt. – Anders hier! – Wehe, wenn hier jemand auf die geringste Kleinigkeit warten muß! – Sie dürfen sich in solchem Falle den Generaldirektor des Hotels kommen lassen. Sie können das ganze Haus in Aufregung versetzen. Unter einer Flut von devotesten Entschuldigungen werden Sie getröstet und besänftigt werden. Es gibt menschliche Wesen, die nichts zu tun haben, vornehme Tagediebe und Müßiggänger, die derartigen Unfug als eine Spezialität betreiben. Solche Leute machen es sich zum Prinzip, möglichst viel Aufsehen mit ihrer Person zu erregen und die armen Angestellten durch ihren Anblick allein schon in allertiefste Ehrfurcht zu versetzen. Dies hat einen doppelten Wert. Es ist ein wunderbarer Nervenkitzel, und zugleich ist der finanzielle Vorteil unverkennbar. Durch ihre Frechheit glauben sie den Kellner dermaßen einschüchtern zu können, daß dieser schon pränumerando auf das Trinkgeld verzichtet und sich mit der hohen Ehre begnügt, einem feinen Gaste aufwarten zu dürfen. Solche Spezimina des Homo sapien sind nicht glücklich, wenn bei ihrem Erscheinen auf dem Plane nicht zwei oder drei Assistenzdirektoren, sechs Oberkellner und eine Schar von niedereren Kreaturen sie umtänzeln. – Oh, ich sage Ihnen, Herr Kommerzienrat, die Damen! – Damen gibt es, die oft ganz Hervorragendes, wahrhaft Großes in solchen Theaterszenen leisten. Besonders wenn sie Gesellschaft haben und wenn sich unter den Eingeladenen ihre Feindinnen und Rivalinnen befinden. – Hierin sind Damen unerreichbar. Leutnants, Dichter, Korpsstudenten, Sänger, Musiker männlichen Geschlechts, die sich auch zuweilen auf diesem Gebiete versuchen, fallen neben den Damen kläglich ab. Nichtsdestoweniger kann durch ein arrogantes Monokel, eine pompöse Uniform, Säbelgerassel, Sporengeklirr und sonstiger Maskerade und Requisiten für Komische Oper und Possen, durch klingende Titel und fliegende Mähnen eine gelinde künstliche Panik zwischen den Angestellten heraufbeschworen werden.
Leute gibt es, Hypochonder, chronische Nörgler, halbe und ganze Idioten, denen der Hotelier und seine Angestellten nichts recht machen kann, denen nichts zu gut und nichts gut genug ist, denen entweder alles zu teuer oder alles zu billig ist. Der arme Kellner hat seine Last mit solchen Menschen. Er darf nichts auf ihre Exzentrizität erwidern, er darf nicht einmal darüber lächeln, er darf sie nicht einmal sich selber bedienen lassen. – Feine Leute, die eigenen Willen, Gewohnheiten und Eigenheiten besitzen, haben auch ihre Butlers und Kammerdiener, die auf die Kinkerlitzchen trainiert sind. Für den Durchschnittshotelgast – und schließlich auch für jeden Sterblichen – gibt es keine größeren Kontagien als hochnoble, exotische Passionen, deren Bazillen sich beim ersten Anblick in das Nervensystem des empfänglichen Opfers einarbeiten und dort verheerend wirken. Die Krankheiten sind natürlich harmlos, wenn genügend Mittel vorhanden sind, um das beständige Jucken, welches sie verursachen, zu befriedigen und zu stillen. Gewöhnlich werden aber nur verhältnismäßig Mittellose oder Geizhälse angefallen, die nicht imstande sind, sich genügend Dienerschaft anzulegen, die für ihre exzentrischen Gelüste Sorge tragen. Auch werden solche armen Leute oft durch die damit verbundenen Kosten so gemein und niederträchtig, daß selbst der simpelste, friedlichste Diener es bei ihnen nicht aushalten kann. Diesen Menschen kommt der Hotelangestellte ganz wie gerufen. Was dem Ärmsten in solchen Fällen blüht, kann ich gar nicht sagen. Ein alter, aber immer noch wirksamer Trick der Menschen, die für ihre kleinen und großen Gelüstchen, denen sie frönen, nicht bezahlen wollen, ist, die Angestellten mit einer leicht verschleierten Andeutung auf ein opulentes Trinkgeld von Anfang an zu ködern und sie schließlich hinters Licht zu führen. Erkennen sie aber mit dem ihnen eigenen Schnüffelsinn, daß der Angestellte sie vorher durchschaut oder alle Hoffnungen auf den versprochenen Obolus aufgegeben hat und nun anfängt, sie als quantité négligeable zu behandeln, dann bricht die ganze Wut und Gemeinheit in den armen Gemütern los. Nicht selten bewirken sie dann unter Drohungen, das Haus zu boykottieren, die Entlassung des Angestellten und heimsen so durch die Befriedigung des niederen Rachegefühls in ihren schwarzen Herzen kostenlos eine neue Freude ein. – Es ist erschreckend und entmutigend, wie häufig man diesen Typus, diese Blüten der Menschheit in den großen Hotels beobachten kann und wie sie von den Hoteliers auf Kosten der Angestellten gefördert, ja geradezu gezüchtet und gemästet werden.
Eine schöne, entzückende Frau darf nicht glauben, ein Hotel sei ihre exklusive Domäne, wo sie ihre Augen und Brillanten spazieren führen kann. Salonlöwen, Literaturtiger, Kunsthyänen, die Wochen-, Tages- und Stundengrößen dürften das Parkett des Saales nicht für sich allein in Anspruch nehmen, wenn sie siegesbewußt einherschreiten, nachdem sie vielleicht für fünfzig Pfennig oder eine Mark »diniert« haben. – Ja, ich versichere Ihnen, Herr Kommerzienrat, man kann riesig billig essen, wenn es sein muß, und das furchtbare Gesicht des Lebens schimmert auch durch die glänzende Sphäre des Saales und den feinen Duft der Zigaretten. – Und lauschen Sie nur einmal aufmerksam, Sie können alsdann ganz bestimmt einen feinen, höhnischen Ton aus der brausenden Musik heraushören, der wie von einem lachenden Teufel stammt. Schauen Sie nur einmal hinter die Kulissen!
Man könnte daher namentlich dem jüngeren Kellner nicht eindringlich genug eine geradezu atheistische Respektlosigkeit vor der vagen, götzenhaften Größe der Durchschnittszelebrität predigen und anempfehlen. Die alten Kellner lernen sie zwar mit der Zeit, aber erst nach vielen Qualen und Enttäuschungen. Es gibt Kellner, die sich diesen ruhigen Blick bald aneignen, und sie werden nie enttäuscht, wohl aber hie und da einmal angenehm überrascht, und sie haben eine um so größere Verehrung für wirkliche Menschenwürde und erkennen dieselbe. – Was ein kleines Kunststückchen ist, da sie so vereinzelt und unauffällig auftritt.
Die einfachsten, im Verkehr der Menschen untereinander geltenden Regeln der Höflichkeit sollten doch auch einer strikt geschäftlichen Hotelführung genügen. – Warum müssen dieselben aber hier übertrieben werden? – Selbstverständlich, derjenige, welcher etwas feilzubieten hat, muß sich möglichst den Forderungen seiner Kundschaft anpassen. Da er Konkurrenz hat, muß er auch mit in den Wettbewerb eintreten. Der Wettbewerb aber ist's gerade, der dem Geschäfte zugleich eine interessante und gefährliche Seite verleiht. – Für den Käufer, der die reiche Auswahl hat, bietet sich darin auch eine Gefahr. In je reicherem Maße eine Ware vorhanden ist, um so geringer wird sie im Wert und um so mehr muß sie angepriesen werden. Der Käufer, der Vielumworbene, der überall Willkommene, ist in einem solchen Falle zu leicht verführt, die Stellung eines Despoten anzunehmen. Und je mehr und unwürdiger sich die Verkäufer um die Gunst des Gewaltigen bewerben, um so mehr muß er in seiner absolutistischen Stellung bestärkt werden. Da das Menschenmaterial heutzutage im allgemeinen sehr billig ist, so ist es auch notwendigerweise verächtlich. Im Mittelalter wurde dies noch oft und unverhohlen ausgedrückt. Doch man hat es in der modernen Geschäftswelt zur Regel gemacht, derartige fromme, alte Gesinnungen hübsch für sich zu behalten und sie keinem Menschen, sei er noch so gering und billig, direkt fühlen zu lassen. Nur im Hotelgeschäfte, scheint es, darf sie sich noch ungestraft zeigen. Ich habe nicht Fälle im Auge, wo jemand unter dem Einflusse von geistigen Getränken Handlungen begeht, für die er nicht verantwortlich gemacht werden kann, sondern ich meine das gewohnheitsmäßige Auftreten der Kundschaft gegenüber den Angestellten im Hotelgewerbe im allgemeinen und den Kellnern gegenüber im besonderen. Und läßt ein Angestellter bei einer passenden Gelegenheit einem gerechten Zorne Lauf, so erwartet ihn ein unbarmherziges, von Vorurteilen eingenommenes Gericht.
Betrachten Sie nur die grenzenlose Freigiebigkeit der Wirte. Ihre glänzenden Räume stehen jedem anständig gekleideten Menschen offen. Sei er, wer er will. Und mit einer ungenierten Selbstverständlichkeit nehmen wir von allem Besitz, was uns das Hotel bietet. Komfort, Luxus, Musik, Umgebung. Die Aktien eines Fremden, der in einem vornehmen Hotel lebt, steigen ums Hundertfache, sobald es den Leuten bekannt wird, mit denen er geschäftlich oder gesellschaftlich in Verkehr tritt. Für ein paar Groschen kann ein Gast die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Heeres von Angestellten in Anspruch nehmen. Und er tut es. – In welchem anderen Geschäfte finden Sie eine Parallele hierfür? Nirgendwo, in keinem anderen Geschäftshause, bei keiner anderen Gelegenheit glaubt der liebe Käufer seine Dummheit, seine Leidenschaften, ja oft tierische Gemeinheit so ungestraft zur Schau tragen zu können wie im Gastwirtsgewerbe. Nirgendwo im Leben wird er sich soviel anmaßen, geiziger, herrischer und protzenhafter sein als gerade hier. – Warum? – Das ist eine Frage, die sich schwer beantworten läßt. Es scheint, als ob die luxuriöse Atmosphäre, das Bewußtsein des zu Gebote stehenden großen Betriebes in vielen schwachen Köpfen eine gelinde Form von Cäsarenwahnsinn weckt. Manch ein armseliges Herrchen glaubt sich hier zu den größten Anmaßungen berechtigt, weil er fünf Mark für ein Zimmer bezahlt oder oft auch schuldig bleibt. Für die Vorteile, die ihm durch das Prestige und den Nimbus, mit welchem seine Wenigkeit umgeben wird, erwachsen, weiß er meistens keinen Dank. Er bedenkt nicht, daß ein Kellner häufig durch seine Reisen und Tätigkeit mehr Kenntnisse und Bildung besitzt als er, der Gast. Aber er hat eben das Recht, den Angestellten anzufahren, wenn er sich dazu veranlaßt glaubt. Spießbürger im Sonntagsröckchen, schnodderiges Fatzkentum, alle kommen sie, wenn sie ein gutes Geschäftchen gemacht haben, und »leisten sich« etwas. Solche Leute können gewöhnlich weder essen, noch verstehen sie, sich unter Menschen zu benehmen. Sie wissen nicht, wie ein Essen bestellt wird, noch wissen sie, was sie bestellen. Der arme Kellner hat viel unter solchem Dilettantismus zu leiden. Er aber, der geduldige, freundliche, gewandte, trinkgeldheischende Jüngling, alles läßt er lächelnd oder schweigend über sich ergehen. Ihm steht nicht das Recht einer Erklärung oder Verteidigung zu. – Würden Sie nicht den geringsten Ihrer Angestellten gegen Flegeleien und Ungerechtigkeit verteidigen? – Nun wohl! – Der Wirt tut es nicht. – Nennen Sie dies geschäftliche Führung? – Ich auch nicht.
Die beispiellose Zuvorkommenheit, Freundlichkeit, Devotion des Wirtes im allgemeinen hat einen sehr schlechten Einfluß auf das Publikum selber. Jeder Gast, mehr oder weniger, sucht diese Eigenschaften des Wirtes zu seinem Vorteil auszubeuten. Viele beanspruchen besondere Aufmerksamkeiten und Privilegien, Dienste, Besorgungen, die zu verlangen sie ohne Bezahlung nicht berechtigt sind. Es ist unglaublich, welche Forderungen oft den Wirt bestürmen. Eine Gefälligkeit, die nicht erwiesen wird oder aus gewissen Gründen abgelehnt werden muß, kommt dem Wirt oft teuer zu stehen. Viele Gäste versuchen den Wirt zu prellen, wo sie auch nur können. Die außerordentlichen Schwierigkeiten, die mit der Zusammenstellung vieler Hotelrechnungen verknüpft sind, das komplizierte Buchhaltungssystem, das für die verschiedenen Zweige des Hauses nötig ist, sind Quellen manchen Übels. Man spricht so viel davon, daß die Gäste in den meisten Hotels übervorteilt werden, ich glaube indessen bestimmt, daß das Gegenteil die Wahrheit ist. Fast auf jeder Hotelrechnung wird in der Eile, mit der sie oft zusammengestellt werden muß, etwas vergessen, woraus dem Hause oder dem betreffenden Angestellten ein direkter Schaden erwächst. Bei dem weitgehenden Kredit, den der Wirt oft wochenlang geben muß, bei der unendlichen Menge von Kleinigkeiten, die er zu berechnen hat, ist selbst das gewissenhafteste System nicht unfehlbar, und Irrtümer, die vorkommen, fallen gewöhnlich zum Schaden des Wirtes aus. Die meisten Gäste wissen wunderbar genau, was sie verzehrt haben, und entdecken gewöhnlich beim Studium der Rechnung die fehlenden Posten sofort. Aber ich wette, nur ganz wenige sind ehrlich genug, den Irrtum zu berichtigen, denn die Versuchung ist zu groß. Sie stehen reisefertig, und sobald sie im Coupé sitzen, sind sie vor jeder weiteren Forderung geborgen und können sich ins Fäustchen lachen. Wehe aber, sollten sie bei Durchsicht ihrer Rechnung wirklich etwas finden, das sie zu einer Entrüstung berechtigt. – Ich glaube, jeder halbwegs vernünftige Buchhalter hütet sich peinlichst zwecks Vermeidung solcher Szenen, das Konto des Gastes irrtümlich oder wissentlich überflüssigerweise zu belasten. Zweifellos gibt es auch eine Menge Gäste, die durch irgendeine geschickte künstliche Aufregung das Gehirn des vielgeplagten, anämischen Zahlenmenschen am Schalter zu verwirren suchen, damit er sich zu ihrem Vorteile verrechne. Hochstapler ziehen von Haus zu Haus und wissen genau, wie sie die unendliche, himmlische Geduld des Wirtes und seiner Angestellten ausbeuten können. Es ist ein allgemein beliebter Sport, der Hotelkasse schlechte Schecks und faule »Wertpapiere« statt Bezahlung aufzunötigen. Ein durchaus guter Scheck verursacht schon eine Menge Arbeit und Unannehmlichkeiten, wenn der Gast, der damit bezahlen will, dem Wirt nicht bekannt ist. – Geduldig muß der unbekannte Scheckinhaber die kritischen Blicke des Bankbeamten an sich auf und ab spazieren lassen, doch würde er es nie gestatten, daß ein Wirt ihn in gleicher Weise beäugle. Der brave Bonifaz zögert keinen Augenblick: er beanstandet keinen Scheck in Gegenwart seines Gastes, lächelnd reicht er die Feder zum Indossement. Aristokraten, Studenten, Offiziere vom General bis zum Kadetten abwärts haben wunderbar zarte Gemüter. Den kleinsten Zweifel an ihrer Person pflegen sie furchtbar übel zu nehmen. Welch ein Glück, daß sie die Kellner und Wirte nicht für satisfaktionsfähig halten! Der Duelle gäbe es kein Ende. Ein Glück, daß die Hotelmenschen so geschmeidig sind! Viel Blutvergießen wird dadurch verhütet. Ein Glück, daß sie so wunderbar geduldig sind! Viele hungrige, hochgestellte Persönlichkeiten haben daher etwas Gutes zu essen und zu trinken.
Ein Geschäft, sei es, was es sei, kann, um auf die Dauer erfolgreich und nutzbringend zu sein, nur auf einer streng geschäftlichen Grundlage geführt werden. Wie der Hotelier anmaßende Forderungen sanft aber entschieden ablehnen muß, so muß er den berechtigten unbedingt nachkommen. Unter dem gegenwärtigen Trinkgeldsystem jedoch ist es für den Hotelier und in noch größerem Maße für den Kellner schwierig, strikt geschäftlich vorzugehen. – Einen recht frappanten Fall, der dies gut illustriert, erlebte ich vor einigen Tagen. – Ich wurde eines Morgens von einem widerlichen Küchengeruch in meinem Appartement angeekelt, und als ich den Zimmerkellner nach der Ursache der Düfte fragte, beichtete er mir folgendes. Neben mir hatte sich eine knickerige Familie eingenistet, die den Kellner veranlaßte, sie mit allerhand Kleinigkeiten wie heißes Wasser, Zucker, Essig, Öl, Spiritus usw. zu versorgen. Diese Dinge konnte der Mann sich leicht, ohne von der Kontrolle belästigt zu werden, aus der Küche verschaffen. Ferner verlangten seine Gäste von ihm Tassen, Gläser, Bestecke, Teller, Servietten – gleichfalls kostenlos. Das alles sah und hörte sich recht harmlos an. In Wirklichkeit aber gebrauchten die Gäste diese Dinge, um sich von einigen mitgebrachten Würstchen und was es sonst noch gewesen sein mag, auf ihrem Zimmer ein frugales Mahl zu bereiten. – Was sagen Sie dazu, Herr Kommerzienrat? Kann so etwas in einem erstklassigen Hotel vorkommen? – Dem Kellner gegenüber schützten die Gäste Appetitlosigkeit vor, es sei so umständlich, sich hinunter in den Speisesaal begeben zu müssen usw. usw., und dem Wirt brachten sie mit ihrem Spirituslämpchen das ganze Haus in Gefahr. Sie verdarben die Möbel, Tischdecken, Teppiche und Wäsche, und mit dem geradezu unerträglichen Gestank ihrer Kochereien verpesteten sie mir die Luft. Erst als ich mich darüber beschwerte, wurde der Unfug eingestellt, und die sparsamen Leute entrüsteten sich höchlichst, als ihnen die Benutzung der Utensilien in Rechnung gebracht wurde.
Durch diesen Fall aufmerksam geworden, interessierte ich mich mehr für derartige Streiflichter des Glanzes. Mein freundlicher Zimmerkellner erzählte bereitwilligst. Ihm schien das alles nichts Neues. So erfuhr ich denn auch, wie in den feinsten Hotels manche sparsame Dame der höchsten Gesellschaft im Badezimmer ihres Appartements eigenhändig ihre Leibwäsche besorgt und die zarten Röckchen und Höschen und was es sonst noch sein mag mit einem elektrischen Plätteisen bügelt. Aus alledem entnahm ich die mir hauptsächlich wertvolle Lehre, daß, sofern das Eigentum des Nächsten – hier das des Hoteliers – in Betracht kommt, die Mehrzahl der Zeitgenossen von einer unglaublichen Pietätlosigkeit beseelt zu sein scheint.