»Business is Business.«

Man sehe sich nur die großen Dampferlinien mit ihren schwimmenden Hotelpalästen an! Da wird doch nicht gepumpt! Da macht der Wirt auch keine besonderen Komplimente. Da darf ein Gast sich nicht einmal mucksen und in unvernünftiger Weise den Mund aufmachen! Und keiner wird es von selber wagen. – Wer es versucht, gratis zu leben, wird per Schub zurückexpediert und muß seine Fahrt abarbeiten. – Das ist Business! So sollte es auch in den Hotels auf dem Lande sein! – Die Wirte sollten ein Gesetz haben, welches ihnen das Recht gibt, jeden saumseligen Genußmenschen, ob Aristokrat oder Bürger, in seinem Hotel beschäftigen zu können, bis die Schuld abgetragen ist. – Wo? – Na, da kommt doch nur die Aufwaschküche in Betracht, wo der Schuldner Teller waschen und Kasserollen scheuern müßte. Denn zu höheren Leistungen besitzen solche Epikureer gewöhnlich nicht die Fähigkeiten. Ein hochgeborenes Aufwaschküchenpersonal wäre in der Tat viel mehr Reklame und Nutzen für ein Hotel, als die Gegenwart solcher zweifelhaften Gäste. Leute mit einer brennenden Genußsucht im Herzen und minus den nötigen Mitteln im Beutel würden sich dann in andere Gefilde begeben als in das Schlaraffenland des Wirtes, welches, wie sie glauben, keine großartige, gigantische Wohltätigkeitsanstalt, sondern in Wirklichkeit ein Geschäftshaus ist.

VI.

Die Sklaven verlieren in ihren Ketten alles,
selbst endlich den Wunsch, ihrer los zu sein.
Rousseau.

Sie haben sicher schon einmal in Ihrem Garten zur schönen Frühsommerzeit einen blühenden Rosenstock betrachtet – ich meine natürlich nicht mit den Augen eines Schwärmers oder eines Verliebten, sondern als ein Gärtner oder vielleicht gar als Naturforscher. Ihnen wird dann auch gewiß mitunter eine geschäftige Schar von Ameisen aufgefallen sein, die behende an dem Stamm und den Stielchen auf und ab liefen. – Alsdann wurden Sie noch aufmerksamer, schauten noch schärfer zu, und Sie entdeckten an den zarten Knospen und unter den saftigen Blättern versteckt ganze Herden von Blattläusen, die in ungestörter Ruhe sich am Safte des Bäumchens gütlich taten. Und mit großem Interesse sahen Sie weiter, wie die fleißigen, schlauen Ameisen eine nach der anderen zu den Blattlauskolonien pilgerten und sich dortselbst allerhand zu schaffen machten. – Aha! Sie wissen, was ich meine! – Ganz richtig! – Die Ameisen statten den Blattläusen einen Besuch ab. Sie tänzeln und scharwenzeln und krabbeln da herum, bis sie ganz dicht an die faulen Kreaturen herankommen. Dann machen sie ihr Kompliment und beginnen mit ihren Fühlern die feisten Rücken ihrer Freunde zu streicheln und zu kitzeln. Diese fühlen sich natürlich sehr geschmeichelt und geben als Dank einen »süßen, blinkenden Stoff« von sich, den die Ameisen sehr hoch schätzen. Denn darum kommen sie ja doch, die Schlauberger! Nur um die Blattläuse zu melken. Und haben sie genug, so verschwinden sie in ihrem Bau. – Man wird natürlich einige Zeitlang mit großer Freude den flinken Tierchen zuschauen. Das Leben und Treiben der Ameisen ist doch so interessant und lehrreich – man kann gar nicht genug davon sehen. – Aber man haßt die Blattläuse, das faule Gesindel, denn sie verderben auf die Dauer den schönen Rosenstock. Darum nimmt man die Spritze zur Hand und schüttelt das Stämmchen, damit die Ameisen abfallen. Die gewandten Geschöpfchen landen irgendwo sicher auf ihren Füßen, aber die Blattläuse sind zähe und bleiben hängen. Darum müssen sie mit dem scharfen Zeug abgespritzt und getötet werden. Denn sonst kann der Rosenstock nicht weiterleben –

Wie ich auf einmal auf die Naturgeschichte zu sprechen komme? – Oh, ich dachte nur eben daran, daß die Ameisen die Kellner und Wirte par excellence im Reiche der Insekten seien. Beherbergen sie nicht auch viele Gäste in ihren Bauen! Werden diese nicht gut gefüttert und gestreichelt! – Natürlich des »blinkenden Stoffes« wegen. – Der einzige Unterschied ist, daß nicht die Gäste, sondern die Wirte dabei betrunken werden. Auch sind die Ameisen businesslike genug, den Gast, der für die gute Behandlung nicht bezahlen will, einfach aufzufressen. – So können wir uns auch die geschäftigen Armeen von Kellnern vorstellen, die der sogenannten »Gesellschaft« – diesen Nichtstuern, diesen Blattläusen am Rosenbaume des Lebens – den süßen Mammon abstreicheln und abschmeicheln müssen. Diese Blattläuse saugen sich an den Knospen des grünen Lebensbaumes so fest, daß es bis jetzt noch keinem Gärtner gelungen, sie abzuspritzen. Schon viele Tausende tapferer Männer haben Millionen und Millionen Flaschen giftiger Tinte verspritzt. Es hat nichts genutzt! Noch immer sitzen die faulen Geschöpfe da und saugen dem Leben den Saft aus.

Die Ameisen sind ganz schlau! – Sie wissen, welche Arbeit sie haben würden, das Gesindel auszurotten. Darum nehmen sie nur so viel, wie sie auf einigermaßen angenehmem Wege erlangen können. – Gewiß, gewiß! Viele brave Menschen, besonders diejenigen, die aus Mangel an Gelegenheit und Fähigkeit dem Ameisenbeispiel nicht folgen können, halten solche diplomatische Lebensweise für ganz und gar verwerflich und verächtlich. Die Ameisen denken anders darüber. – Weise, gelehrte Männer bemühen sich unausgesetzt um die Ameisen und suchen die Lebensweise und die Einrichtungen dieser Geschöpfe zu erforschen. Ja, manche versteigen sich sogar zu der Behauptung, die Menschheit könne noch riesig viel von den fleißigen Insekten lernen. Namentlich in bezug auf Liebes- und Eheleben, Kindererziehung, Arbeitsweise, innere und auswärtige Politik. Dem mag sein, wie es will. Wir wollen das den gelehrten Leuten überlassen. Da aber die Kellner keine anderen Lebewesen sind als wie wir, so wollen wir uns der Kritik anschließen, welche die Art und Weise, wie die Ameisen die fetten Blattläuse behandeln und von ihnen leben, als eine für menschliche Tiere ungebührliche und verächtliche verdammt. Dies braucht unsere Achtung vor dem Fleiß und der Schlauheit der Ameisen nicht zu beeinträchtigen. Man sollte aber doch sagen, daß solch intelligente Wesen sich auch auf andere Art ihr täglich Brot erwerben könnten! – Und sie können es! –

Hierin liegt die Lösung der Trinkgeldfrage, – ein Kobold, der heutzutage die ganze zivilisierte Welt vexiert. – Im Hotel hat sich dieser Quälgeist ganz natürlicherweise eingenistet. Und so fest, daß ihm schwer beizukommen ist. Er begibt sich aber auch auf andere Gebiete.

Es ist unmöglich, in einigen Worten zu sagen, wieviel Für und Wider das Trinkgeld in sich birgt. Seine Daseinsberechtigung im Hotelwesen jedoch ist in wenigen Sätzen auszudrücken. Warum bekommt der Kellner Trinkgeld? – Weil er darauf angewiesen ist. – Warum ist er darauf angewiesen? – Weil er zu schlecht bezahlt ist, um ohne Trinkgeld leben zu können. – Warum ist der Kellner schlecht bezahlt? – Weil er Trinkgeld bekommt! – Das ist die ganze Situation. Aber so einfach sie erscheint, so schwierig ist sie. Um überhaupt nur an sie herantreten zu können, müßten wir uns zunächst klar machen, was ein Trinkgeld ist. Ich glaube, Sie, Herr Kommerzienrat, als Finanzier sind eher imstande, diese Frage zu beantworten als ich. – Soll es das sein, was der Name sagt – ein Geld zum Vertrinken? – Schwerlich! – Doch ich bin auch ein wenig Philologe, und durch die Etymologie können wir vielleicht etwas Aufklärung erhalten. – Sehen Sie, der Franzose zum Beispiel nennt das Trinkgeld »Pourboire« – im Schwedischen heißt es »Drickspengar« – beides gleichbedeutend mit dem »Geld zum Vertrinken«. – Der Italiener dagegen gebraucht die Ausdrücke »Buona mano« und »Mancia«. Hier hat das Geld etwas mit »Hand« zu tun. – Der Spanier wendet das Wort »Propina« auf »Trinkgeld« an, und es hat sonst keine andere Bedeutung. Im Englischen sagt man »fee« oder meistens »tip«. »Fee« ist ganz einfach »Bezahlung«, »Tip« dagegen hat eine mannigfaltige Bedeutung. Das Wort hängt mit dem deutschen »Tüpfchen« und »Zipfel« zusammen und heißt eigentlich »Spitze«. Dann gebraucht man es aber auch in der Bedeutung »Wink«. – Ja, nicht wahr, Herr Kommerzienrat! – An der Börse! – Richtig, auf dem Rennplatz auch! Ein guter »Tip«. Schließlich in dem Sinne auch in bezug auf die Polizei. Aber das hilft uns nicht weiter. – Die einzige Erklärung in unserem Falle kann man erhalten, wenn man »tip« etymologisch von dem mundartlichen »dibs« – süßer Sirup – herleitet, was im Volksmunde aber auch mitunter für »Geld« angewandt wird. Ich habe mich ziemlich eingehend dafür interessiert, aber die dickleibigsten englischen Wörterbücher schweigen sich über den Ursprung des Wortes »tip« in der Bedeutung »Trinkgeld« hinweg. Das Trinkgeld scheint ihnen eine sehr verächtliche Sache zu sein. – Unsere philologische Weisheit bringt uns also doch nicht viel weiter. – Zwar gebraucht man im Umgang auch noch Worte wie »Obolus« oder »Diobolus«, was sich schrecklich anhört, aber doch nur eine harmlose griechische Bezeichnung für eine gewisse kleine Münze ist. Auch das französische »douceur« wird mitunter für »Trinkgeld« angewandt. Doch man kann es höchstens als »Freundlichkeit« oder »Süßigkeit« verstehen. Das persische »Bakschisch« und noch verschiedene andere Worte, die das Trinkgeld charakterisieren sollen, sind aber auch alle nur gleichbedeutend mit »Geld«, »Geschenk«, »freiwillige Gabe« usw. Gewöhnlich aber ist das Trinkgeld eine sehr unfreiwillige Gabe, eine dringende Notwendigkeit, zu der man sich in gewissen Lagen verpflichtet fühlt und wodurch gewöhnlich höchst peinliche Situationen entstehen. Doch nirgendwo auf der Welt scheint man ihr aus dem Wege gehen zu wollen, oder besser: überall wird man hineingedrängt. In der Türkei, in China, wo wenig alkoholische Getränke genossen werden, gibt es eben »Kaffeegelder«, »Teegelder« und allerhand sonstige »Gelder«.

Ich halte des Trinkgeldgeben und -nehmen für eine echt orientalische Krankheit mit allen für den Orient charakteristischen Ansteckungsgefahren, Symptomen und Folgen. Man kann wirklich die Länder und Völker am Trinkgeld erkennen; man kann den ganzen Wert und die soziale Stellung der Nation danach bemessen ... Wo diese Form von Bezahlung für geleistete Dienste vorherrscht, da ist es faul im Staate. – Der Orient – klassisch für Korruption – mit seiner teilweise noch bestehenden Sklaverei, ist auch klassisch für das Trinkgeld. Es ist nur noch mit Beulenpest oder asiatischer Cholera zu vergleichen. – Solche unhygienische Finanzen grassieren natürlich auch in Europa sehr stark. – Rußland steht bekanntlich wie in politischer und sozialer Malpropretät so auch in finanzieller Unreinlichkeit an der Spitze der europäischen Nationen. Dort besitzt man sogar die charakteristische Roheit, das Trinkgeld »Schnapsgeld« zu bezeichnen. – Doch die anderen Staaten Europas sind nicht minder von der orientalischen Krankheit verseucht. In den Vereinigten Staaten von Amerika wird noch am wenigsten Trinkgeld gegeben, weil im großen ganzen die Arbeitslöhne gut und geregelt sind. Allein in den letzten Jahrzehnten hat mit der zunehmenden europäischen Kultur und Sitten auch das Trinkgeldwesen sehr zugenommen. Die Trusts sorgen eifrig dafür, daß es den Lohnarbeitern und kleinen Leutchen nicht allzu gut gehe, und sie schrauben demgemäß die Preise für Lebensbedürfnisse in die Höhe in einem Tempo, worin die Lohnsätze nicht folgen können. – So ist dem freien Durchschnittsamerikaner auch schon eine gewaltige Hochachtung vor dem Trinkgelde beigebracht worden.