Wie lange die Menschheit schon von der Trinkgeldkrankheit behaftet ist, läßt sich gar nicht sagen. Jedenfalls ist sie so alt wie die Gastwirtschaftsindustrie, in der sie sich noch am stärksten erhalten hat. Ganz hitzige Köpfe in unseren Tagen beheben häufig, das Trinkgeld als eine gelinde Form von Bestechung zu bezeichnen. Trifft diese Bezeichnung zu, so ist das Trinkgeld sehr, sehr alt; denn die Bestechung in jeder Form ist eine erbliche Angewohnheit der Menschen. Schon im grauen Altertum gab es keine Festung, die nicht ein mit Gold beladener Esel hätte einnehmen können. Das Mittelalter mit seinen schlechten sozialen Verhältnissen und sonstigen unhygienischen Zuständen war natürlich die Blütezeit des Trinkgeldes. Vom Hofmarschall herab bis zum geringsten Kanzleischreiber, vom Meister bis zum Lehrling, hoch und gering, – alle waren sie die Ritter von der hohlen Hand. – Die trotzigen Meister der Zünfte schämten sich nicht, für sich und ihre Gehilfen ein Trinkgeld zu verlangen, wenn der Patron, der sie mit einem Auftrage betraut hatte, befriedigt vor dem fertigen Meisterwerke stand. Albrecht Dürer, ein wackerer deutscher Mann, ein unerreichter Meister des Pinsels und des Stichels, heute noch und für alle Zeiten der Stolz der ganzen deutschen Nation, war auch von der unheilvollen Krankheit behaftet, Trinkgelder zu verlangen. Er hat dies sogar schriftlich gegeben, damit es niemand später abstreiten könne. – Aber selbst schon damals gab es Männer, die die Verderblichkeit dieser niederen Angewohnheit erkannt hatten. Die ehrlichen, braven, gestrengen Räte und Landesväter, die die bayrische Landesordnung vom Jahre 1553 verfaßten, haben sich gegen solche Übelstände gesträubt.
Ich kann mich wirklich nicht mit dem Worte »Trinkgeld« zurechtfinden. Da es aber der gebräuchlichste Ausdruck für freiwillige Belohnung geleisteter Dienste ist, von Diensten, die der Empfänger nach eigenem Gutdünken selber abschätzt und ein dementsprechendes, xbeliebiges Stück Geld dafür hinwirft, und wo derjenige, der den Dienst geleistet hat, geduldig und demütig harrend dastehen muß, bis ihm das xbeliebige Geldstück hingeworfen wird und dabei gar nichts über das Gewicht und die Dicke des Geldstückes zu sagen hat, ja nicht einmal mucksen darf, wenn er überhaupt nichts bekommt, so will ich ihn – den Ausdruck »Trinkgeld« – seiner Gebräuchlichkeit wegen beibehalten und anwenden, wo ich seiner bedarf. – Unter die Kategorie der Trinkgelder fallen demnach auch die milden Gaben, die eine dankbare Nation ihren großen Leuten gibt, wenn diese alt geworden sind und zufällig nicht genug zu essen haben. Das sind die Gaben, die zum Beispiel alte Dichter bekommen, weißhaarige Sänger, die in ihrem Leben so lange gehungert haben, bis das Volk auf einmal einsieht, daß es dem alten Herrn etwas schuldig ist. Ein jeder Bürger – diese Behauptung ist zwar etwas optimistisch – greift dann in seinen Säckel und rechnet an den Fingern ab, wie groß die Dienste des alten Herrn Dichters sind und wieviel Trinkgeld er, der Herr Bürger und Empfänger der besagten Dienste, geben kann. Ein dritter Herr im schwarzen Gehrock und Zylinderhut sammelt das Geld ein, schreibt es gewissenhaft auf, und der Herr Bürger kann am nächsten Morgen seinen Namen in der Zeitung sehen. Wenn es darauf nichts mehr zu sammeln gibt, schenkt der Herr im Zylinder das Sümmchen Trinkgeld dem lieben alten, verdienstvollen Sänger. – Es gehen viele solcher schwarzen Herren herum und sammeln Trinkgeld für geleistete Dienste. Trotzdem die pekuniäre Störung im Momente der Inspiration ganz besonders empfunden wird, wie Busch sagt, so wandert dennoch der Klingelbeutel mit Trinkgeldabsichten umher und stört die braven Gläubigen in der Andacht. Wenn der Herr Pfarrer besonders schön und erbaulich gepredigt hat, gibt man gewöhnlich gern ein besonders fettes Trinkgeld. Ja, hartgesottene Sünder lassen sich oft erweichen, statt des billigen, bequemen blanken Hosenknopfes zwei Pfennig für eine erbauliche Andacht zu geben.
So schätzte das deutsche Volk die Dienste seines Eisernen Kanzlers ab und überreichte ihm auf Friedrichsruh in einem Eichenkranz mit Schleifen und der Aufschrift: »Für treue Dienste« das wohlverdiente Trinkgeld. So würdigt die gesamte gläubige Welt die Dienste des Heiligen Vaters, und so bekommt der Nachfolger Petri sein Trinkgeld oder seinen Peterspfennig, wie man es bescheiden nennt.
Wenn das Volk nun einmal mit den Diensten solcher hochgestellten Trinkgeldempfänger wenig zufrieden ist und wenn infolgedessen das Ehrengehalt, Opfergabe, Spende, Peterspfennig oder wie man sonst noch das Trinkgeld taufen mag, etwas mager ausfällt, so können die betreffenden Herren Empfänger auch nichts anderes machen als das, was irgendein ganz plebejischer Bakschischheischer in einem Falle von wenig generöser Abschätzung seiner Dienste machen kann, d. i. heimlich schimpfen. Laut und hörbar zu schimpfen spricht von einer überaus großen Gemütsroheit und Undankbarkeit. Indessen tritt diese leider sehr häufig auf. Oft wird sie ganz unverblümt von der Kanzel heruntergedonnert.
Bei einem ansehnlichen Trinkgelde, oder wenn es sich gar um fette Ziffern handelt, erfindet gewöhnlich der respektvolle Mensch allerhand wohlklingende Namen. Mit dem Namen und der Summe, die das Trinkgeld repräsentiert, steigt dann auch natürlicherweise die Achtbarkeit desselben, so daß jeder dann ungeniert seine Hochachtung vor dem Trinkgelde ausdrücken darf. – Ganz wie beim Menschen selber. Daher ist es auch erklärlich, daß selbst die höchsten Persönlichkeiten Trinkgelder annehmen können und sie dankend quittieren.
Ein sehr düsteres Bild von der Notwendigkeit und der Wirksamkeit des Trinkgeldes entfaltete sich anfangs 1909 in New York, wo sich zu den bevorstehenden Wahlen des Bürgermeisters und der städtischen Verwaltungsbeamten eine neue Partei gebildet hatte, die beantragte, daß der neue Bürgermeister außer seinem Gehalt, welches höher ist als das des Präsidenten der Vereinigten Staaten, nach Ablauf seiner Amtstätigkeit einen »Bonus« von fünfhunderttausend Dollars erhalten solle. Dieser »Bonus«, Gratifikation, Geschenk, Trinkgeld – was es nun gerade ist – sollte durch Subskription unter Privatleuten beschafft werden, damit die politische Unabhängigkeit, die Unparteilichkeit des neuen Würdenträgers und zugleich die Wohlfahrt der Stadt gesichert sei. Die Urheber dieses Gedankens behaupteten, daß es auf eine andere Weise unmöglich sei, einen Mann für den Posten zu erhalten, der seine Pflicht auf ehrliche Weise ausführen würde. – Die Partei klagte weiter, daß diese radikalen Maßnahmen – nämlich der »Bonus« – durch die bisherige Verwaltung der Stadt, – die schlechteste in irgendeiner Großstadt – notwendig geworden seien. Entblößt, beraubt, betrogen, so gut wie bankerott stehe die herrliche Stadt nun da und bedürfe eines »ehrlichen und kompetenten« Verwalters. Selbst die dümmste und ungebildetste Bevölkerung der Stadt habe nun einen dämmerigen Begriff bekommen, was eine derartige Mißwirtschaft der öffentlichen Angelegenheiten – das Wort sei nur ein beschönigender Ausdruck für Diebstahl und Schwelgerei auf Kosten der Stadt – bedeute. – – Man will also durch eine Trinkgeldversprechung die neue Stadtverwaltung bewegen, ehrlich und haushälterisch, unbestechlich und unparteiisch zu arbeiten. – Welche Abgründe werden da vor unseren Augen geöffnet! –
Über die Gefühle, die der Mensch bei der Entgegennahme eines Trinkgeldes hegt, läßt sich vieles sagen. Indes muß ich gleich hinzufügen, daß dergleichen Gefühle zu sehr durch äußere Umstände bestimmt werden, als daß man eine einheitliche Regel auf sie anwenden könnte. Die äußeren Umstände sind nämlich, wie wir bereits gesehen haben, die verschiedenen Bemäntelungen, worin das Trinkgeld auftritt. Jedoch auch diese Verkleidungen sind noch nicht der letzte, der bestimmende Faktor für die Gemütserregung des Empfängers. Nein, die Entscheidung hängt einzig und allein von dem Moment ab, wo das empfängliche Gemüt den ersten Eindruck von der materiellen Bedeutung des Trinkgeldes in sich aufnimmt und über das Verhältnis der Wirklichkeit zu seinen vielleicht idealen Erwartungen unterrichtet wird. Die Möglichkeiten für alle Arten von Gefühlsausbrüchen sind daher uneingeschränkt. Und ihr Feld wird sonderbarerweise noch bedeutend durch das bemerkenswerte individuelle Verhalten des Trinkgeldes erweitert. Seinerseits erhebt nämlich das ganz winzige Trinkgeld gewöhnlich die größten Ansprüche auf eine regelrechte, öffentliche, möglichst feierliche Kundgebung von überwallenden Dankbarkeitsgefühlen. Höchst ungerecht und arrogant, aber charakteristisch wie für jede Kleinigkeit. Der gewöhnliche Kellner wird besonders davon getroffen und hat sehr unter der Tyrannei zu leiden. Das Trinkgeld von mittelmäßiger Bedeutung gibt sich meistens mit einer angemessenen Verbeugung des lächelnden Empfängers zufrieden. Das große Trinkgeld – generös wie es ist – beansprucht nichts. Höchstens eine Empfangsbestätigung auf Papier. Der Ordnung halber. Auch der Empfänger verhält sich hier äußerlich sehr ruhig. Wir können uns aber nur in wenigen Fällen auf äußerliches Verhalten verlassen. Es ist für die inneren Gefühle des Kulturmenschen meistens nicht maßgebend.
Es hängt also ganz allein von dem Trinkgelde ab, ob es für uns an- oder unannehmbar, achtbar, ehrfurchterregend oder das Gegenteil davon ist. Und der Empfänger empfindet dieser Beschaffenheit entsprechend. Es ist ihm aber im Interesse seiner Gesundheit und seines Seelenfriedens dringend anzuraten, keine allzu hohe Überzeugung von der Güte seiner Leistungen zu besitzen. Für den Trinkgeldempfänger kann eine solche Selbstüberhebung verderblich werden. Überhaupt in allen Lebenslagen ist sie schädlich, denn sie ist zum allerwenigsten lächerlich und provoziert die Mitmenschen.
Wenn der Kaufmann Nr. 1 dem anderen Nr. 2 aus purer Freundschaft einen guten Wink gibt – ja ganz richtig: einen »Tip« – oder ihm ein Geschäftchen vermittelt, das er aus den verschiedensten Gründen nicht selber machen kann oder will, so darf er dafür nicht zuviel Trinkgeld verlangen. Es ist nicht schön von ihm. Der Kaufmann Nr. 2 wäre auf die besagte Geschäftsgelegenheit vielleicht ohne die Güte des Nr. 1 aufmerksam geworden. Aber selbst in der nüchternen Geschäftswelt, wo nur Ziffern und keine Gefühle reden, hat man so viel Anstand besessen und das häßliche Trinkgeld in ein schönes Kleid gesteckt. – Ja, in diesem Kleide heißt es »Kommission«. – Sie meinen, man könnte die Kommission nicht zu den Trinkgeldern rechnen!? – Oh, man hat sogar die Illegitimität derselben erkannt und versucht, sie legitim zu machen, indem man sie im voraus vereinbart und sich über die Materie klar ist, bevor das Geschäftchen zustande kommt. Dieses Verfahren verhindert viel Unannehmlichkeiten. Ein Trinkgeld im Kommissionskleid oder ein Wolf im Schafspelz ist ungefähr das gleiche.
Ich will Ihnen aber zeigen, welch feiner Mensch der Kellner ist, wieviel Anstand und Zartgefühl er besitzt. Er hat nicht die Frechheit und Unverfrorenheit, das ihm zustehende Trinkgeld im voraus zu vereinbaren. Er wartet geduldig, bis er es erhält oder auch nicht erhält. Wie der schwindlerische Kellner niemals mit großen Zahlen manipuliert, so hat der ehrliche Kellner auch niemals mit Trinkgeldern von respektablem Umfang zu tun, wie die Menschen in höheren Lebensstellungen. Und wie der Wert und die Achtbarkeit des Trinkgeldes mit seinen Ziffern steigt oder sinkt, so finde ich es denn auch ganz verständlich, daß das Trinkgeld des Kellners eine entsetzlich lächerliche und verächtliche Bagatelle ist. Und der Mensch, der sich mit solchen Dingen abgibt, ist eben auch nur ein ganz niedrig stehendes Individuum. Nur derjenige, der die großen Summen handhabt, kommt in Betracht. Darum sollten sich die Kellner eben auch nur mit ganz enormen Trinkgeldern abgeben oder mit gar keinen. Da die ersteren aber sehr rar sind und der Kellner auf die Bagatelle angewiesen ist, so können wir hieraus leicht das Dilemma, in dem er sich befindet, erkennen.