Ja, sehen Sie! Da haben wir's! – Auf der ganzen Welt herrscht dieser freundliche Glaube! Die Hotelangestellten, denken die Gäste und überhaupt jedermann, nehmen so viel an Trinkgeldern ein, daß die Glücklichen sich nach Verlauf von – sagen wir – zehn Jahren selber ein Hotel oder doch mindestens ein kleines Rittergut genehmigen können. Und aus diesem freundlichen Glauben suchen dreierlei Parteien Vorteile zu schöpfen. Erstens der junge Angestellte, der sich in zehn Jahren das kleine Rittergut oder das große Hotel kaufen will, zweitens der Hotelbesitzer, der mit der allzu großen Vermehrung von Hotels nicht einverstanden ist, und drittens das liebe Publikum. Die Vorteile, die der Angestellte sucht, gelten natürlich der eigenen Tasche, die Absichten des Hoteliers und des Publikums sind nicht minder auf dasselbe Ziel gerichtet.
Der Prinzipal, der von den fabelhaften Trinkgeldern hört und sieht, hält es mit Recht für unnötig, die beneidenswerte Lage der Angestellten noch durch hohe Gehälter zu verschönern. Manche Prinzipale gewähren aus diesem Grunde gewissen Angestellten überhaupt keine Gehälter. Die Leute dürfen glücklich sein, daß sie bei ihm überhaupt geduldet werden. Wieder andere Prinzipale, von einer heillosen Angst vor der zukünftigen Konkurrenz ihrer Angestellten angetrieben, suchen die nahende Flut solcher Gefahren einzudämmen, indem sie im Namen des heiligen Rechtes, das ihnen zusteht, einen Teil der Trinkgelder ihrer Angestellten im eigenen Sack verschwinden lassen. – Sie verkaufen also eine fette Stelle an den Meistbietenden. Eine juristisch durchaus ehrliche, achtbare und zulässige Geschäftstransaktion. Selbst in Amerika kommt dies vor. Der Cloak Room-»Boy« – der Garderobe-»Junge« eines Riesenhotels – ein ganz beträchtlicher Finanzier – muß oft zehntausend Dollars jährlich für das Privilegium zahlen, sein Dasein führen zu können, und außerdem muß er noch eine Herde von anderen »Jungen« und Parlormaids zu seiner Hilfe aus eigenen Mitteln anstellen. Selbst in kleineren Betrieben lassen wieder andere Prinzipale die Angestellten an aufreibenden Posten, wo so ungeheuer viel Trinkgeld eingeheimst wird, vollständig ohne Hilfe stehen und drohen mit Entlassung, wenn nicht »alles klappt«. Der Angestellte in seiner Angst, die Stelle zu verlieren und seine Gesundheit zu schonen, engagiert sich die notwendige Hilfe auf eigene Rechnung. So hat ein großer Oberkellner oder ein Portier sehr häufig seinen Privatsekretär, der mit dem Hause, in welchem er arbeitet, direkt nichts zu tun hat und nur für den Mann lebt, der ihn engagiert hat und ihn entlohnt. – Es ist eine alte Geschichte, daß ein Hausknecht häufig ein halbes Dutzend anderer Hausknechte beschäftigt und bezahlt. So kommt er dadurch in die rätselhafte Situation, daß seine Kollegen zu gleicher Zeit Hausknechte bei ihm sind. – Sie lachen, mein lieber Freund! – Das sind Lagen, verzwickte Produkte des zwanzigsten Jahrhunderts, Blüten, die überall zu finden sind. In manchen komplizierten Ehe- und Verwandtschaftsverhältnissen kann es vorkommen, daß man eines Morgens als sein eigener Stiefgroßonkel aufwacht.
Wir wollen uns daher nicht über die Hausknechte bei einem Hausknecht amüsieren. In den großen Hotels, wo die Oberkellner ihren eigenen Speisesaal haben, gibt's sogar einen Oberkellner für die Oberkellner. Na also! –
Die Vorteile, die das liebe Publikum aus den Märchen von den Trinkgeldschätzen zu ziehen sucht, liegen natürlich klar auf der Hand. Manchem Gaste, der mit seinem Gelde rechnet oder zu rechnen hat, treten bei der Abschätzung der vom Kellner geleisteten Dienste die horrenden Einkünfte des Menschen vor Augen. »Na,« denkt er, »der Mann verdient ja ohnehin so viel, und ich bin gerade knapp bei Kasse.« – In einem solchen Falle wird das Trinkgeld sehr mager sein, oft selbst so unscheinbar, daß es nur ein illusorischer Begriff ist, der sich mit dem Sehnerv oder dem Sinne, der in den Fingerspitzen steckt, nicht wahrnehmen läßt. – Wenn solcher Fälle viele auftreten – und sie kommen – so wird das Budget des Kellners dadurch sehr beeinträchtigt. Wenn nun alle Gäste eine nebelhafte Vorstellung von den Einkünften eines Kellners haben – und die haben die meisten – und wenn diese Vorstellungen optimistisch sind – was gewöhnlich der Fall ist – dann schrumpft das Trinkgeld zu einem hoffnungslosen, vagen Begriff zusammen, mit dem der Kellner sich auf die Dauer nicht zufrieden erklären kann.
So sind die Aussichten des Kellners auf eigene Hotels und Rittergüter verhältnismäßig gering. Dank dem optimistischen Publikum, dank eigensüchtigen Prinzipalen. Und selbst von den freigiebigen Gästen, die in dem großen Gewühle von Geizhälsen und Optimisten des Kellners einzige Hoffnung und eisernen Bestand bilden, geht dem Armen viel verloren. Die freigiebigen Leute sind gewöhnlich gutmütig und vertrauend, aber auch leider ignorant in vieler Hinsicht. Sie verteilen den Lohn für das gute Service, das sie erhalten haben, oft so ungeschickt wie möglich. Das Trinkgeld gerät dann meistens an die unrichtige Adresse, und er, der am meisten zum Wohlbefinden der Gäste beigetragen hat, der Kellner, wird entweder vergessen oder geflissentlich von denen, die das Trinkgeld einheimsen, übersehen. Daß dies ein Mistbeet für allerhand Auswüchse häßlichster Leidenschaften ist, braucht man wohl gar nicht zu bemerken.
In vielen Hotels hat sich die geradezu satanische Methode eingebürgert, daß alles Trinkgeld in eine gemeinsame Kasse fließen muß, die von dem Argusauge des Herrn Oberkellners bewacht und deren Inhalt am Schlusse der Woche »gerecht« verteilt wird. Viele Menschen haben sehr individuelle Rechtsbegriffe. So auch manche Hoteliers und Oberkellner. Manchmal sollte man sagen, die Leute hätten zehn Semester Jura studiert. – Ein Drittel – wenn nicht gar mehr – dieser Kasse fließt gewöhnlich dem Herrn Ober zu, fünfzig Prozent vom Rest wird unter den Assistenz-Oberkellnern verteilt, der Rest vom Rest, also höchstens fünfundzwanzig bis dreißig Prozent vom Ganzen, geht unter die vielen Kellner, die davon gewöhnlich noch etwas ihren treuen Pikkolos abgeben müssen, ohne deren Hilfe sie vielleicht nicht fertig geworden wären. – Hier gebiert das Böse wiederum Böses. Die ungerechte Verteilung verleitet die Kellner natürlich oft, nur einen Teil des sauer verdienten Trinkgeldes in die Kasse fließen zu lassen, und sie machen sich so der Unterschlagung schuldig. Selbst das ehrlichste Gemüt wird Grund genug für einen solchen Akt finden und wird die Stimme des Gewissens mit erfundenen Theorien zu beschwichtigen suchen. Dies ist gewöhnlich der erste Schritt zur wirklichen Unterschlagung, wenn die Feinheit des Gewissens durch das Praktizieren solcher Tricks abgestumpft ist und sich einen Grund für eine verbrecherische Tat ausheckt. Derartige Systeme sind also geradezu Vorschulen für den werdenden Verbrecher. Sie kitzeln und animieren die verbrecherischen Instinkte, die in jeder menschlichen Brust schlummern. Ein Kellner ist gewöhnlich in den Jahren der Jugend, wo sein Gemüt am dunkelsten, am chaotischsten und zugleich am empfänglichsten ist. Die äußern Einflüsse bestürmen ihn so gewaltig, daß er sich oft der unheimlichen Mächte nicht mehr entziehen kann und sinkt, rettungslos sinkt.
Das Rittergut des Kellners liegt also nicht so nahe, wie man glauben sollte. – Was bleibt ihm sonst noch übrig? – Sein Gehalt. Dies Gehalt ist, wie wir sahen, infolge des freundlichen Glaubens an das Trinkgeld überall gering – meistens sehr gering – manchmal sogar Null, in allen Fällen aber für das, was der Kellner zu leisten hat, für die Kenntnisse, die Geistes- und Körperkräfte, die man von ihm verlangt, für die überaus unangenehme, oft gesundheitsschädliche und vielfach geradezu unerträgliche Tätigkeit des Kellners, für die Atmosphäre, in der er sich bewegt, für die langen Überstunden und oft grausam lange, regelmäßige Arbeitszeit, für den Verlust eines Sonn- oder Ruhetages – für das alles ist das Gehalt des Kellners überall auf der ganzen Welt bettlerhaft, nein, sklavisch.
Dies Gehalt richtet sich, wie gesagt, nach dem Charakter des Hauses. Das Durchschnittsgehalt in Deutschland beträgt vielleicht kaum fünfunddreißig Mark monatlich, im übrigen Europa, in Asien und Afrika dreißig bis vierzig Franken, in Amerika ungefähr fünfundzwanzig Dollars. In Australien dagegen hat man in jüngster Zeit die Löhne versuchsweise gesetzlich geregelt, so daß diese ziemlich annehmbar erscheinen. Ich habe leider keine Statistiken darüber und nenne diese Ziffern, wie ich sie auf meinen Reisen erfahren habe. Nebst seinem Gehalt empfängt der Kellner von seinem Arbeitgeber in Europa und Amerika fast ausnahmslos Kost im Hause. In Europa tritt in fast allen Fällen noch ein obligatorisches Logis im Hause dazu. Man hat jedoch in Amerika bereits die Verwerflichkeit solcher Sklaverei eingesehen und sie aus praktischen und moralischen Gründen abgeschafft. Höchstens in einzelnen Sommerhotels wird es den Kellnern anheimgestellt, ihre Quartiere nach Belieben im Hause oder außerhalb desselben aufzuschlagen.
Ja, diese aufgezwungene Verpflegung sieht wunderbar schön und mildtätig aus. In Wirklichkeit aber ist es anders. Denn der Angestellte muß dafür – schlecht, wie sie in den meisten Fällen ist – natürlicherweise indirekt schwer bezahlen. Sie wird ihm als einen Teil seines Gehaltes vorgerechnet. In Deutschland berechnet ein Hotelier seinem Kellner – sagen wir – dreißig Mark für monatliche Kost und vielleicht zwanzig Mark für das monatliche Logis. Summa fünfzig Mark. – Schön. Da der Prinzipal nun aber die Rohmaterialien für die Kost im Großen einkauft und in vielen Fällen sogar bezahlte Speisenreste seiner Gäste zur Abfütterung seiner Angestellten verwertet, so macht er dabei ein sehr lukratives Geschäft. Bei einer großen Anzahl von Angestellten läuft dies natürlich kolossal zusammen und bildet eine beträchtliche Einnahmequelle des Prinzipals. – In seinem großen Hause findet der Hotelier natürlich auch genügend Speicher- und Kellerräume, viele Winkel und Stuben, um seine Schar von Angestellten zu beherbergen. Für die Gäste können derartige Löcher nicht in Betracht kommen, als sonstige Betriebsräume sind sie vielleicht nicht geeignet oder überflüssig. Folglich stehen sie leer und sind unbenutzt. Aber jeder Quadratzoll, den ein Hotel bedeckt, kostet Geld, oft sehr viel Geld, und somit ist jeder unbenutzte Raum in dem Gebäude verlorenes Geld. Die obligatorische Einquartierung der Angestellten ist daher aus diesem Grunde höchst erwünscht. Die Angestellten, die im Hause schlafen müssen, sind wertvollere Gäste als die Gäste selber. Sie lassen sich irgendwo, in irgendeinen Stall hineinpferchen und bezahlen schweres Geld dafür. Denn für zwanzig Mark im Monat bekommt man überall ein halbwegs menschenwürdiges möbliertes Zimmer – wenigstens nach unseren heutigen Begriffen – und vielleicht noch liebenswürdige Wirtsleute obendrein. Der Kellner und die anderen Angestellten des Hotels werden aber nicht selten zu fünf oder zehn Personen in einem Raume kaserniert, der kaum mehr als den gesetzlichen Kubikinhalt hat. Oft hat er diesen nicht einmal. Und für solches Quartier bezahlt der Kellner seine hohe Miete. – Von den Unannehmlichkeiten, Unzuträglichkeiten, von der zweifelhaften Gütergemeinschaft, die durch das Zusammenleben in solchen Quartieren entstehen, will ich schweigen. Ich will schweigen von der Schmucklosigkeit, die solchen Räumen anhaftet. Sie sehen allem ähnlich, nur keinem Heim, dessen ein hart arbeitender Mensch zur Ruhe und Erholung dringendst bedarf. Ich will schweigen von den unhygienischen, schmutzigen Zuständen, die sich dabei notwendigerweise entwickeln müssen. Ich will schweigen von der deprimierenden, erdrückenden Wirkung, welche derartige Quartiere auf das Gemüt des jungen Menschen haben, der soeben seinen Arbeitsplatz – eine Stätte des Überflusses, des Reichtums und der Üppigkeit – verließ. Hier hat er Gelegenheit, erst recht sein eigenes Elend einzusehen und darüber nachzugrübeln. – Ich will schweigen von den verderblichen Folgen, welche Massenquartiere von jungen Leuten beiderlei Geschlechts mit sich führen. Wir brauchen keine Moralisten zu sein, um uns über die bestehenden Versuchungen und den Verfall der Moral der Angestellten zu entrüsten. – Nein, wir wollen keine Moralisten sein. Wir wollen uns nicht darüber entrüsten. Wer schlecht sein will, kann es irgendwo und überall sein. Ein reiner Mensch kann in einem Pfuhl von Laster und Elend stecken, ohne daß er davon berührt wird. Aber der Ekel, die Krankheiten an Leib und Seele, die solche Umgebungen auf die Dauer selbst dem stärksten Gemüte aufdrücken, sind unbeschreiblich.
Und für solche Umgebungen und Einflüsse bezahlt der Kellner schweres Geld. Um solcher Quartiere willen, die nur der Bereicherung seines Arbeitsgebers dienen, der schon ohnehin zu viel Nutzen aus seinen Angestellten zieht, muß der Kellner den Gedanken an ein gesittetes Familienleben von vornherein als etwas ganz Unmögliches von sich abweisen. Um solcher Quartiere willen kann er kein menschenwürdiges Dasein führen, darum geht ihm die so notwendige Ruhe und Erholung ab. – Freilich hat die obligatorische Einquartierung ihren doppelten Vorteil – für den Prinzipal. Er kann seine Leute möglichst lange im Geschäft halten und sie je nach Bedarf – immer – bei Tag und Nacht – zitieren, sie möglichst früh wieder heraustrommeln. Sie sind ihm immer zur Hand – immer! – Natürlich veranlassen solche ekelhaften Zustände die jungen Leute, statt nach der Arbeit sich zur Ruhe zu begeben, noch spät in der Nacht oder vielmehr früh am Morgen zu fliehen und im Nachtleben der Großstädte Zerstreuung zu suchen.