Sprechen Sie daher niemals zum Kellner wegen des Trinkgeldes. Sie können ihn tödlich verletzen, denn der Kellner ist das Stiefkind unserer Zivilisation. Sehen Sie nur, wie schwierig es ihm gemacht wird, auf ehrliche, menschenwürdige Weise ein Stück Brot zu verdienen. Warum müssen ihm denn noch andere Schwierigkeiten und Nachteile in den Lebensweg gelegt werden, die ihm sein Dasein vollends versauern!?

Die geschäftlichen Nachteile, woran der Kellner sein Leben lang zu schleppen hat, stehen natürlich im Vordergrunde. Es ist kaum möglich, einen anderen Beruf anzugeben, der mehr geschäftliche Unannehmlichkeiten aufzuweisen hat. Die obligatorische Einquartierung und Verpflegung im Hause, die langen Geschäftsstunden, die vielen Reisen, das alles schließt ein gesittetes Familienleben aus und verdammt den Kellner zum Zölibat, während ein Heim und geliebtes Weib den jungen Menschen vor Verschwendung, Unstetigkeit, ja Verderben retten und die Beschwerden des Berufes ihm erleichtern könnte. Wir alle kennen die langen Sitzungen, die sich bis in den frühen Morgen hinein ausdehnen. Wir kennen die Festlichkeiten, Banketts und Bälle. Für uns heißen sie Vergnügen, für den Kellner Verlängerung seiner Arbeitszeit und Verlust seiner Ruhe. Zur grauen Morgenstunde, wenn die letzten Nachzügler über die verlassenen Straßen wanken und sich über die Heimatlosen lallend lustig machen, die auf den Rosten über warm dünstenden Kellerlöchern zusammengekauert dem neuen Tag entgegendämmern, dann kramt auch verschlafen der Kellner seine Siebensachen zusammen, zählt sein Trinkgeld, flucht ein wenig und schleicht sich in sein Lager.

Ich habe einmal gesagt, daß der Kellner keinen Sonn- und Feiertag kenne. Das ist unrichtig. Er kennt die Tage sehr genau. Denn dann hat er gewöhnlich doppelte Arbeit. Der Anblick der schön geputzten, fest- und sonntäglich gestimmten Menge macht keinen erhebenden, freudigen Eindruck auf sein schwarzes Gemüt. Die Sonntagsmenschen sehen ihn nicht. Sie leben in einem schönen Traum und schwatzen, schwatzen, lachen, lachen, schauen, schauen. Der Sonntag ist das Ereignis. Der gute Rock tritt in seine Rechte. Die Barschaft erlaubt, daß man wenigstens einmal in der Woche über die Stränge schlagen darf, daß man seinen Neigungen zur Verschwendung wenigstens einmal Raum läßt. Die Sonntagsmenschen sind sehr gemischt. Sie wissen es aber nicht. Sie lachen und schwatzen. Nur der Kellner weiß es und fühlt es.

Wenn der erste leichte Morgenreif gefallen ist und das dürre, bunte Laub an den Bäumen zittert, wenn die frische, klare Luft vom Schrei der südwärts ziehenden Zugvögel durchbebt wird, dann schnürt auch der Kellner sein Bündel und rüstet sich wieder einmal zur Wanderschaft. Der Wirt hat sein Etablissement geschlossen oder die Zahl der Angestellten vermindert, denn die bunten, wimmelnden Sommermenschen, die schönen Frauen mit den dünnen Blusen, lachenden Augen und fliegenden Haaren, die smarten Herren mit den Negligéhemden, weißen Flanellhosen, seidenen Strümpfen und farbigen Schuhen, mit dem malerischen Panamahut, der feinen Stummelpfeife und dem Tennisracket, alle die geschmückten, glücklichen Kinder des Sommers, alle sind sie verschwunden. Wohin? – Das weiß man nicht. Sie sind fort. Das ist alles. Aber darum gähnen auch die Hotelzimmer in öder Langweiligkeit, und man erklärt die Saison wieder einmal für tot. In den schwarzen Bahnhofshallen der Großstädte aber stehen Berge von Koffern und Gepäck. Die frohen Sommermenschen schauen schon wieder winterlich aus. Hin und wieder hat ein ankommender Kellner auch das Vergnügen, für einen Sommermenschen gehalten zu werden, und der Dienstmann berechnet ihm etwas mehr als Taxe für das Kofferschleppen. Der Kellner zahlt es gern: er gibt noch ein Trinkgeld obendrein. Dann aber wird's bald anders. Es heißt nun Stelle suchen. Manchmal glückt's gleich, manchmal nicht. Schnee fällt, und die Barschaft auch. Der Kellner macht Offerten, geht von Geschäft zu Geschäft. Immer begegnet ihm das gleiche indifferente Achselzucken. Alles besetzt! Die Trottoirs, die Eingänge vor den schmutzigen, verrauchten Kneipen der Plazierungsbureaus sind bereits in aller Frühe von bleichen, fröstelnden jungen Männern belagert. Endlich gegen zehn, elf Uhr kommt ein dicker Herr im Pelz. Man macht ehrfurchtsvoll Platz. Schnaufend setzt sich der Gewaltige an seinen Schreibtisch in der elenden, stinkenden Bude. Er öffnet die Lade, und die fetten Finger, mit Brillanten geschmückt, nehmen die lange Liste heraus. Der erste, blasse Jüngling, der am längsten gewartet hat, tritt heran. Die listigen Schweinsaugen des dicken Herrn gleiten halb an ihm auf und ab, prüfen das Bleichgesicht auf eine Möglichkeit hin, die nicht möglich ist, während eine große, dicke Havanna mit feinem Bändchen zwischen den saftigen Mundwinkeln hin und her wandert. Ein Augenblick Totenstille, dann stummes Verneinen, Kopfschütteln, ein zager Einwand seitens des Bleichen, eine gebieterische Handbewegung, die Brillanten blitzen: adieu! – Der Nächste. – Diese Pantomime wiederholt sich hundertmal mit tödlicher Präzision, bis die Sonne von dem grauen Bilde sich langsam abwendet. –

Der hungrige Kellner pumpt nun schon bei seinen arbeitenden Kollegen. Die jungen Leute sind untereinander von einem wunderbaren Gefühl von Zugehörigkeit und Freundschaft beseelt. Ein Kellner gibt für den anderen das letzte Hemd her, teilt mit ihm den letzten Groschen. Aus Mitleid wird er für den stellenlosen Kameraden gern ein halbes Dutzend Hühnerbeinchen oder Hammelkoteletts »abservieren« und die Beute des Abends aus dem Geschäft herausschmuggeln, um den Hungrigen damit zu füttern. Vielleicht hat der stellenlose Kellner während des Winters einige Banketts mitgemacht und sich ... Wie? – Nein, nicht als Gast, sondern als Aushilfskellner selbstverständlich. Ein Bankett in der Woche kann ihn über Wasser halten. Er kann sich dort von den Überresten jedesmal so anfressen, daß er für die nächstfolgenden Tage nicht zu sorgen braucht. Der Hungrige hat auch verschiedentlich Gelegenheit, zu sehen, wie die reichen Leute tanzen und Hochzeit machen und wie alle die Wohltätigkeitsbasare zugunsten der Stellenlosen abgehalten werden. Er sieht, wie die mildtätigen Herren den reizenden, dekolletierten Damen Goldstücke für Küßchen geben und wie diese Goldstückchen überall hingesteckt werden, nur dort nicht, wohin sie gehören. Was Wunder daher, wenn das Gold oft so versteckt ist, daß man es nicht wiederfinden kann und die Stellenlosen infolgedessen noch immer den ganzen Winter hungrig umherlaufen, bis der Frühling wiederkommt.

Das alles, geschäftliche Unannehmlichkeiten, Sonntagsarbeit, Nachtarbeit, Stellenlosigkeit, Zölibat, Plazierungsunwesen, Ausbeutungen, die Gefahren, die dem Stande durch »Überläufer« drohen, das alles drückt die soziale Stellung des Kellners in unseren Augen sehr herunter; die Unkenntnis der Menschen von seiner Lage, seine Popularität in der Karikatur, die Gedankenlosigkeit und Ungerechtigkeit des Publikums machen ihn zum Stiefkind der Zivilisation, lassen seinen Stand, sein Leben, sein Los mit dem anderer Berufe und Geschäfte als minderwertig, verächtlich erscheinen. Der Kellner darf es nicht wagen, sich mit dem geringsten Arbeiter auf gleiche Höhe zu stellen. Warum? Hat er nicht genug geschäftliche Schwierigkeiten zu überwinden? Muß man ihn auch noch bei seiner Ehre als Arbeiter angreifen und ihn als die minderwertigste aller Kreaturen hinstellen?

Früher, als die Zeiten einfacher waren, hatte jeder seine Werkzeuge, arbeitete bei sich und für sich in seiner Werkstatt und verkaufte seine Produkte. Dieser kleine, fleißige Mann von damals ist heute fast ganz ausgerottet worden. Nur in kleinen, abgelegenen Städtchen taucht er noch vereinzelt auf und fristet ein kümmerliches Dasein. – Die zahllosen Massen verkaufen heutzutage ihre Körper- und Geisteskräfte an die Fabriken, die die Produkte im großen hervorbringen und auf den Markt tragen. Die Fabriken stellen dem Handwerker die Aufgaben und zur Ausführung derselben Werkstatt, Werkzeuge und Maschinen. Gleichzeitig beanspruchen sie natürlicherweise die besten Stunden des Tages und die besten Lebensjahre des Arbeiters. Eine Arbeiterfamilie braucht weder dem lieben Herrgott noch dem lieben Fabrikherrn zu danken, wenn ihr Ernährer Arbeit und Verdienst hat. Der Arbeiter glaubt auch nicht, daß seine Arbeitgeber ihn anstellen und bezahlen, damit er und seine Familie etwas zu essen und eine Schlafstätte habe. Er kennt seine Lage genau. Der Arbeitgeber stellt seine Leute an, weil er in den Kräften derselben einen Nutzen für sich selber erblickt. Er kann dem Arbeiter nicht so viel zahlen, als wie dessen Körper- und Geisteskräfte für ihn, den Arbeitgeber, wert sind. Und wenn der Arbeiter noch so guten Lohn erhält, – seine Kräfte sind dem Fabrikherrn mehr wert.

Diese Wahrheit muß natürlich auch der Kellner in seiner Arbeit erfahren. Denn auch er gehört zu den großen, unermeßlichen Kolonnen, die mit Sonnenaufgang zur Fabrik pilgern und sie mit Sonnenuntergang verlassen. Ja, er tut noch mehr. Er arbeitet noch lange nach Sonnenuntergang weiter, er arbeitet fast ununterbrochen.

Für den alten, trotzigen, stolzen Handwerksmeister der vergangenen Jahrhunderte muß die Arbeit eine unendliche Freude gewesen sein, eine Quelle der Wonne und der Stärke. Ich kann nicht glauben, daß die strammen Gesellen, die flinken Lehrlinge, die bärtigen, ernsten Meister jemals müde geworden sind. Aus ihrer Werkstatt heraus drang schmetternder Gesang lebensfroher Menschen, und die Bürger draußen hielten am Fenster an, die werdenden Meisterwerke zu bewundern. –

Anders ist es heute. Die Maschinen surren, die Motoren heulen: wilde, gebändigte, unterirdische Geister seufzen darin vor Wut und wollen sich von dem Joche der Menschen befreien, die es vermochten, die geheimen Mächte des Erdinnern zu bändigen und ihrem Willen untertänig zu machen, ohne sie auch nur im entferntesten zu kennen. Doch die Geister sind wild und bleiben es. Und sie haben sich an der Menschheit gerächt, haben ihr Hammer und Säge aus der Hand genommen und schmieden nun Maschinenwerke mit der Schärfe und Genauigkeit, die der Schöpfer sie aus dem Wandel der Sterne gelehrt hat. – Die Werke der Maschinen sind nicht mehr die Werke der Menschen. Ihnen fehlt die schöne Spur der menschlichen Hand, das Tasten und Suchen des Meisters, der die Vorbilder der Schöpfung nachzuahmen versucht. Die gefesselten Elemente haben sich gerächt, das Leben der Maschinen hat die Menschen, welche sie bedienen, selber zu Maschinenmenschen gemacht.