Das ist die Rache der furchtbaren Elemente. Die Maschinenmenschen des zwanzigsten Jahrhunderts haben das Herz des Schöpfers nicht mehr in sich. Aber dafür sind sie ganz mit der dämonischen Kraft gefesselter Elemente erfüllt. Sie wühlen und arbeiten mit heißer, fiebernder Wut, fauchen und keuchen wie die Maschinen, fluchen und stoßen unheilige Worte aus. Der Gesang der Werkstatt tönt nicht mehr. Er ist auf immer verstummt. Die unersättlichen, selbsttätigen Maschinenmenschen aber hasten stumpfsinnig, betäubt und rasten nicht, bis sie eines Tages die innere Kraft verläßt. Die Feder bricht, sie fallen zusammen, werden auf den Schutthaufen geworfen und später umgeschmolzen. Schauderhaft groß ist dieser menschliche Schutthaufen unseres Jahrhunderts. Und stumm ziehen daran vorüber die Armeen des Morgens und die Armeen des Abends, stumm, gefühllos, apathisch, ohne einen Gott im Herzen. Was nützt es, daß der eine oder der andere frivol und zynisch auflacht, wenn er einsieht, daß auch er bald zum Schutthaufen gehört? Wer gedenkt derer, die schweigend den Kampf aufgeben und in der stummen Finsternis verschwinden? – Wer steht jenen bei, die sich wild gegen die unterdrückenden Kräfte aufbäumen und am Rande des Weges ihr Blut verröcheln? – Die großen Armeen marschieren weiter, schnell werden die Lücken der unterbrochenen Linien von hinten ausgefüllt.

Wir leben im Zeitalter des industriellen Faustrechts. Ungestraft darf der starke Maschinenmensch über die Trümmerhaufen, über die Leichen hinweghasten. Wenn er mit größerer Kraft erfüllt ist als seine schwächeren Brüder, so preist man ihn, man jubelt ihm zu, wenn er niedertritt, was schwächer und zarter ist. Da sich aber die menschliche Natur nicht mit dem Faustrechte verständigt, da sie ihm flucht, so nennt man die rohe Kraft, welche Tausende und Abertausende verdrängen und niedermetzeln darf, »Energie«. Wiederum nur einer der vielen schönen Namen, die sich die Menschheit erfindet, um ihre größten Laster und Sünden zu verdecken. Ich habe Ihnen bereits gesagt, welch schöne Namen man dem Trinkgelde gegeben hat. Ich habe Ihnen auch gesagt, daß das meiste Unglück auf der Welt durch die Tatsache hervorgerufen wird, daß der einzelne Mensch seiner eigenen Persönlichkeit viel zu viel Wichtigkeit zuschreibt. Dies war zu allen Zeiten der Fall. Napoleon zum Beispiel war so von der Wichtigkeit seiner eigenen Person überzeugt, daß er sich gar nicht lange bedachte, seine Pläne durchzusetzen, selbst wenn es galt, Gewalt zu gebrauchen und wenn sie Hunderttausende von Menschenleben kosteten, wenn Hunderttausende von friedlichen Menschenhäusern dabei in Flammen und Asche aufgehen mußten. Aber er wurde gepriesen. Er war »energisch«. Man ahmt ihm nach. Indes, was ist aus ihm und seinem Reiche geworden? – Was ist aus den Reichen aller großen Menschenschlachter geworden? – Das Reich eines Christus wird weiterbestehen. Zum bleichen, dornengekrönten Haupte auf Golgatha wird die Welt immer die Blicke in Ehrfurcht erheben müssen.

Der Napoleone großen und kleinen Stils gab es und gibt es viele und zu allen Zeiten. Der öffentlichen Sicherheit und des Friedens wegen sollten sie eingesperrt werden. Geistig sind sie gewöhnlich nur mittelmäßig begabt, Feinheiten gehen ihnen ganz ab. Aber man preist sie! Man weicht mit Schrecken und Ehrfurcht vor ihnen zurück, denn die Maschinenmenschen sind feige in ihren Herzen. Sie haben nicht mehr den Geist des Schöpfers in sich, sie haben ihren Gott verloren. Es ist nicht ihre Schuld! – Wir wollen sie nicht schmähen. Die Sklavenarbeit der Maschine hat ihnen alles geraubt, was einst heilig war.

Und doch steht die Arbeit, so schwer sie auch heute auf den Gemütern und Körpern der Menschen lasten mag, als solche der Arbeit vergangener Jahrhunderte nicht nach. Ihr Geist ist innerlich der gleiche geblieben. Der Geist der ehrlichen Arbeit erfüllt unsere Herzen heute genau mit derselben Freude, die er vor Jahrhunderten verteilte. Man muß sich weit von den Menschen entfernen, um sie zu erkennen. Und wer dann von ferne die Arbeit unserer heutigen Tage betrachtet, wird nicht die Irrtümer und Schwächen der Menschen sehen, er wird nicht sehen, wie sie sich einander morden und verdrängen, wie die entfesselten Geister der Elemente Tausende schlachten, er hört nur einen gewaltigen, brausenden Gesang aus dem Getöse der Zeit heraus, wie einst der Gesang der frischen Gesellen aus der Werkstatt drang. Und aus dem Gewühl vernimmt er schon, wie sich allmählich eine wunderbare Harmonie bildet, wie der Gesang der arbeitenden Völker einträchtlicher, harmonischer wird, wenn sich alle Stimmen verständigt haben. Und in diesem göttlich schönen Gebrause ahmt die arbeitende Menschheit die Harmonien der Schöpfung, den donnernden Gang der Gestirne nach, wie der einzelne menschliche Schöpfer dem einzelnen Vorbilde der Natur zustrebt.

Wie nun der moderne Durchschnittsmensch selber nichts mehr produziert, sondern wie sich die Menschen zusammentun, um als ein einziger, großer, machtvoller Körper etwas zu produzieren, und wie jeder einzelne Mensch seine Kräfte dem großen Körper, dem er angehört, verkaufen muß, so folgt auch der Kellner dem Beispiel seiner Mitmenschen. So entsteht aus der Zusammensetzung von den verschiedensten Kräften und Begabungen einzelner das große moderne Hotel, welches oft die Kräfte von tausend bis zweitausend Menschen beansprucht. Und dieser große Hotelkörper produziert. Er produziert Essen und Trinken und Unterkommen für Menschen, wie eine Schuhfabrik Schuhe und eine Kleiderfabrik Kleider für Menschen produziert. Somit nimmt der Kellner eine Stellung als Arbeiter in der Hotelfabrik ein.

In unserer menschlichen Gemeinschaft hat man meistens die Gewohnheit, den einzelnen Menschen nach seiner Arbeit oder seiner Stellung in dieser Gemeinschaft zu schätzen und zu bemessen. Diese Art und Weise, einen Menschen zu berechnen, ist die einfachste, denn man braucht nicht viel dabei zu denken. Man macht sich gewöhnlich nicht gern viel Gedanken, und demnach hält man einen Schuster gewöhnlich für einen Schuster. Und einen Priester oder einen Premierminister gewöhnlich für einen Geistlichen oder einen Staatsmann. Aber natürlicherweise ist nichts falscher als dies. Indessen wie man den Menschen gewöhnlich nach seiner Arbeit bemißt, so bemißt man seine Arbeit auch nach dem Lohne, den er dafür erhält. Das ist natürlich ebenso falsch. Es ist sonderbar, wie falsch die Menschheit denkt und urteilt und immer wieder die gleichen Irrtümer begeht. Wer der Wahrheit auf den Grund kommen will, der stelle eine von der Menschheit als wahr akzeptierte Sache einfach auf den Kopf, und in neunundneunzig von hundert Fällen wird er die Wahrheit erkennen.

Sie glauben dies nicht? – Sie werden mir doch wohl nicht sagen wollen, daß die beste, edelste Arbeit stets am besten bezahlt oder gar nur als solche anerkannt wird!? Und daß die schlechteste Arbeit am schlechtesten belohnt wird! Nein, so verkommen kann ich mir keinen Menschen denken, daß er solches zu behaupten wagt.

Da man nun aber einmal die Arbeit nach ihrem Lohne abschätzt, so finden wir auch erklärlich, warum der Kellner allgemein mißachtet wird. Wir haben die Lösung des Rätsels, warum der junge Arbeiter in unseren Tagen der großen Industrie- und Arbeiterbewegungen abseits dastehen muß, wie wenn er ein Nichthinzugehöriger wäre. Aus diesem Grunde erkennt man ihn im Rate der großen Arbeiterschaften nicht an. Da er sehr geringen Lohn für seine Arbeit empfängt, so ist diese auch in den Augen des Volkes gering. Wo er gar keinen Lohn erhält, ist seine Mühe und sein Schweiß gleich Null. Ich sehe hier natürlich vom Trinkgelde ab, dessen Verwerflichkeit und Illegitimität ich erwiesen habe. Weil die Arbeit des Kellners nun so schlecht bezahlt wird, weil sie von der Gnade und der Barmherzigkeit und der unrichtigen Wertschätzung derer abhängig ist, denen er sie liefert, so fühlt sich auch selbst der geringste Taglöhner mehr als der intelligenteste Kellner und läßt dem letzteren diese seine liebevolle Meinung bei jeder Gelegenheit fühlen. Nicht einmal der niedrigste Arbeiter hält den Kellner aus diesem Grunde für einen vollwertigen Genossen. Er hat eine unbestimmte Vorstellung von ihm, er hält ihn für etwas, aber nicht für seinesgleichen, für einen Arbeiter.

Ja selbst die Gesetze der verschiedenen Länder scheinen tatsächlich noch nicht zu wissen, was sie mit dem Kellner anfangen sollen, wohin sie ihn stecken sollen, in welche Kategorie er gehört. Und doch ist er da! Er ist doch etwas, er will doch auch ein Mensch sein, zur menschlichen Gesellschaft gehören und nicht mit schelen, zweiflerischen Blicken betrachtet werden. Das ist der größte Schmerz, den unser Ganymed, der Kellner, hat. Das ist die größte von allen Ungerechtigkeiten, die wir gedankenlosen Menschen ihm antun. Traurig, gekränkt wendet er sich von uns ab, mit aller Charakteristik eines verfemten und verhaßten Volkes hält er zu seiner Art und sucht sich unter seinesgleichen zu trösten. Er hat keine Freunde außer den Seinigen, er will keine. Diese internationalen Menschen, ohne Heimat, ohne Vaterland und doch überall zu Hause, die überall Bekannten und doch Fremden, die Namenlosen, sie nennen sich bescheiden »Zugvögel«.

Wir haben aber gesehen, daß sie Arbeiter sind! Daß sie schwere, intelligente Arbeiter sind, die mit den Körperkräften eines Bullen hohes geschäftliches Wissen und die Finessen eines Diplomaten verbinden müssen, wenn sie nicht vor Hunger sterben wollen. Wir haben erkannt, welche wichtige Rolle der Kellner in dem großen Verbande der Gastwirtsindustrie spielt. Warum soll er nicht gleichberechtigt sein mit den Arbeitern, die die Maschinen beaufsichtigen und bedienen? Bedient der Kellner keine Maschinen? Ja, und was für gefährliche! Soll er noch länger von fern stehen und uns fremd sein müssen!? – Ein Arbeiter sein müssen und nicht einstimmen dürfen in das Summen der Maschinen, in das Singen der Motoren, in das Dröhnen der Hämmer, in das brausende Hohelied der Arbeit!! – Das ist schrecklich! Das ist die schlimmste Beleidigung, die man einem Arbeiter ins Gesicht schleudern kann. – Ein Krieger opfert uns alles auf, Gut, Blut und Leben. Aber wir dürfen ihm nicht wehren, in den Gesang der Schlacht miteinzustimmen.