Das ist der Kern in der Handlung der Tragödie vom Kellnerfrack. – – – – –

Zu all diesem tritt aber noch mehr hinzu, um das Dasein des anständigen Kellners unerträglich zu machen, um seine geschäftliche Existenz zu bedrohen und sein Ansehen in unseren Augen herabzudrücken. Ich will Sie, meine Freunde, nur noch auf eins aufmerksam machen, das ich soeben bemerkte. Zu diesem Zwecke muß ich unseren Kellner mit ins Gespräch ziehen. –

Sagen Sie mal, Kellner, was ist denn das für ein entsetzlich ungeschickter Mensch da drüben? – Ich habe ihn seit einiger Zeit beobachtet; er scheint sich nicht ein noch aus zu kennen. – Wie? noch nicht lange im Geschäft? Er ist doch schon verhältnismäßig alt! – – Aha! Er war früher »etwas anderes«! Was denn? Doktor? Oder ist er ein Adeliger? – So, man weiß nicht recht. – Der arme Teufel! Sieht sonst ganz anständig aus! – Aus diesem Grunde hat man ihn wahrscheinlich auch nur engagiert. Kommt es häufiger vor, daß sich diese mysteriösen Gestalten in die Kellnerei hineinflüchten? – So! Ja, leider, sehen Sie, Kellner, das scheint auch noch ein Krebsschaden an Ihrem Stande zu sein. Es sieht aus, als ob er die letzte Zuflucht aller verkrachten Existenzen sei. Nicht wahr? So eine Art Abladeplatz für die Scherben der Gesellschaft, für die verschimmelte Jeunesse dorée. Was sagen denn die Prinzipale dazu? Sind die denn damit einverstanden? – Ja, aber können Sie denn als Fachmann nichts dagegen tun? – Aha, also da steckt's! Keine Organisation! – Gewiß, ganz richtig! Viele werden durch die Gerüchte von dem großartigen Verdienst angelockt, nicht wahr? – Schließlich ist es ja auch ganz natürlich, wenn sich ein heruntergekommener Jüngling der »Gesellschaft« oder ein verkrachter Lebemann den schönen Stätten seines früheren Genusses und Glücks wieder zuwendet. Solche Tage sind unvergeßlich. Verbrecher kehren ja auch immer wieder an der Ort der Tat zurück. Und dann scheinen verkrachte Edelleute, Leutnants a. D. usw. sich durch ihre früheren Erfahrungen auf kulinarischem Gebiete genügend Vorkenntnisse erworben zu haben, um, gestützt auf ihre feinen Manieren und angeborene Gewandtheit, ganz passable Kandidaten für den Kellnerstand zu werden, wenn sie noch kein allzu hohes Alter erreicht haben und ihre Beine noch nicht zu schlotterig geworden sind. – Sie kennen doch die Geschichte aus New York? – Nicht? Sie ist doch der beste Beweis für diese Behauptung. Erst kürzlich bot ein hervorragender Restaurateur in New York einem Grafen in Paris per Kabel eine Stellung als Maître d'Hôtel mit unglaublich hohem Gehalt an, da die empörte Frau Gräfin – eine amerikanische Millionenerbin – ihrer Ehekomödie müde, den Seigneur aus ihrem üppigen Nestchen am Bois de Boulogne an die frische, rauhe Luft setzen ließ, so daß der Ärmste, plötzlich aller Mittel entblößt, nicht nur keine Champagnerbäder mit anderen Freundinnen mehr nehmen konnte, sondern über Nacht seinen ganzen Kredit verlor, was bekanntlich das Schlimmste ist, das einem Sterblichen zustoßen kann. Selbst ein Aristokrat weiß den plebejischen Kredit zu würdigen. Kurz, die Geschichte ist weltberühmt. Der Gedanke des Restaurateurs wurde seinerzeit als famoser Witz applaudiert, und nicht nur er, sondern die ganze Stadt hat die ablehnende Haltung des Edlen in Paris unendlich bedauert. Eigentlich war es ein sehr billiger, schäbiger Witz. Aber es ist eine gute Illustration für das, was wir soeben besprachen. Daß derartige Fälle selbst bei Wirten vorkommen können, die von Sensationshascherei dazu angetrieben werden, ist nicht nur bedauerlich für den Kellner und seinen Stand, nein, es ist geradezu entmutigend. Der betreffende Restaurateur aber hat sich aufs Glatteis begeben. Denn wenn sein Etablissement von verrotteten, verschuldeten, ausgemergelten, moralisch und intellektuell auf der niedrigsten Stufe stehenden Aristokraten geleitet werden kann, so stellt der Inhaber des Geschäftes sich damit selber ein Zeugnis aus, das einem bürgerlichen Totenschein verzweifelt ähnlich sieht. – Wiederum ein schrecklicher und zugleich interessanter Beweis, wie gedankenlos die meisten Menschen vorgehen und dadurch sich immer und immer wieder verraten und sich kompromittieren.

Was wird aber aus den anständigen Arbeitern, unter welche sich solch zweifelhafte Elemente ungestört mischen dürfen? Kann man gar unter diesen Umständen verhindern, daß uneingeweihte nachteilig über den Stand urteilen? – Gewiß nicht! – Ich will Ihnen nur ein einziges, aber ein klassisches Beispiel erzählen, wie und was man in der »höheren« Gesellschaft unter den Einflüssen genannter Art von dem freundlichen, hart arbeitenden jungen Mann denkt, der uns am Tische aufwartet. Er ist der bekannte Ausspruch, den der damalige Direktor der Königlichen Kunstakademie in Berlin, Herrn Anton von Werner, gelegentlich einer Kritik über das Gemälde von Max Klinger, »Christus im Olymp«, sich erlaubte. Das genannte Bild erregte bei seinem Erscheinen vor etlichen Jahren als das Werk eines »Modernen« großes Aufsehen. Herr von Werner, der auch ein ganz tüchtiger Maler ist, sich aber bekanntlich zur »alten« Schule bekennt, ließ sich zu heftigen Worten gegen den »Modernen« hinreißen. Das Bild, welches sich jetzt in Wien befindet, stellt den Erlöser dar, wie er in Begleitung von christlichen Büßerinnen die Götter des heidnischen Altertums von ihren Höhen verdrängt. In den Augen des Herrn von Werner stellte das klingersche Gemälde jedoch Christus in Gesellschaft von pariser Kellnern und Freudenmädchen dar. So drückte er sich wenigstens aus. Man hat ihm natürlich dies vorübel genommen, und er mußte öffentlich bedauern, daß er sich getäuscht hätte. Die Geschichte ist ja genugsam bekannt.

Ich habe mich aber oft gefragt, warum der brave Herr von Werner gerade den Kellner zur Zielscheibe seines geistarmen Spottes machte. Haben pariser Kellner etwa mehr mit pariser Freudenmädchen zu tun als – na! – sagen wir – pariser Maler? – Oder berliner Kellner und berliner Mädchen und berliner Maler? – Oder die Kellner, Mädchen und Maler irgendeiner Stadt auf der Welt? – Man braucht wirklich nicht in Paris gewesen zu sein, um zu wissen, was ein Quartier Latin, Monmartre oder Porte St. Martin ist, oder wie sonst die Stadtviertel heißen mögen, wo Pseudokünstler mit Pseudojungfrauen ein Pseudodasein, ein Dämmerleben und -treiben führen, das nichts ist als ein tatenloses, selbstverherrlichendes, langsames Verglimmen. In jeder Großstadt sind solche »Quartiers« zu finden. Doch das Thema ist bis zum Überdruß verherrlicht, behandelt, abgeleiert und abgedroschen worden; es wirkt nachgerade uninteressant.

Der gute Herr von Werner war sehr erregt, als er die Wörter »Kellner« und »Freudenmädchen« in einem Atem aussprach. Er muß sehr erregt, fieberhaft erregt gewesen sein. Der Arme! Darum hätten die Kellner sich damals nicht aufzuregen brauchen. Darum hätten sie ihm stillschweigend verzeihen müssen und ohne seine öffentliche Erklärung zu verlangen. – –

Sie haben einesteils recht, gnädige Frau, wenn Sie sagen, daß die ganze Geschichte für uns Mitglieder der Gesellschaft von sehr geringer Bedeutung sei. Aber gestatten Sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache, welche Bedeutung sie für die Kunstgeschichte hat. Uns Kunstkennern liefert sie nämlich ein Freibillett zu einer Arena, wo ästhetische Gladiatoren sich auf Tod und Leben ans Fell gingen. Die bösen Worte, die Herr von Werner in der Hitze des Gefechtes ausstieß, bilden für uns den höchst interessanten, für ihn aber verhängnisvollen Kulminationspunkt in einem erschütternden Drama vom Kampfe des Alten gegen den Ansturm des Jungen. Dieser Schauspiele in mannigfaltiger Gewandung erleben wir viele gerade in unserer Zeit. Ja, jeder von uns wird eins auskämpfen müssen. Das Drama mag verschieden sein, aber der Kern der Handlung ist meistens der gleiche.

Der alte Maler, der seit Jahr und Tag in Berlin Militärstiefel gemalt hatte und sich im Strahle allerhöchster mediceischer Gunst sonnte und so der deutschen Kunst, welche ohnehin in den damaligen Jahren ein schwächliches Blümchen war, vollständig die Sonne wegnahm, er mußte in dem Kampfe weichen, denn er hatte sich zu sehr entblößt. Er hat das Gift eines alten Geiferers gegen die frische Jugend ausschleudern wollen, statt sie lächelnd und freudig zu begrüßen, statt sich an ihrem übermütigen Streben als Philosoph zu ergötzen und, wenn er auch selbst kein großer Maler sein kann, so doch zu versuchen, ein großer Mann an Herz und Gemüt zu sein, was noch etwas mehr ist als pur geniales Pinseln.

Aber Herr Anton von Werner war kein großer Mann an Herz und Gemüt, und darum hat die Zeit ihn auch schon vor seinem leiblichen Tode gerichtet. – Hu, mit einer ganz unheimlichen Sicherheit richtet die Zeit! Und namentlich den Eiferer und Geiferer. Wie schmerzlich muß es für einen Menschen sein, der sich sein Lebtag lang auf den Höhen des Lebens wähnte, wenn er eines Tages erwacht und sieht, daß er Ruck für Ruck hinabgezerrt wird. So arbeitet die Zeit. Ruck für Ruck. Niemals heftig und plötzlich, sondern wie das knappe, abgerissene Zucken des Pendels.

Es klopft die Jugend an unsere Tür und ruft: »Platz, Platz!« Dann muß man zuschauen, wie die Zeit einem das Lebenswerk in die Rumpelkammern unserer Kultur steckt, in die dumpfen Kellerräume, wo an den feuchten Gewölben ein muffiger Grabgeruch wie von verfaultem Sonnenlicht und welkem Lorbeer klebt. – –