Aber wie alles Böse, so birgt auch das gehässige Wort des Herrn von Werners etwas Gutes in sich. Es läßt einen herrlichen Gedanken in sich aufdämmern, an dem freilich der Urheber unschuldig ist, nämlich den Gedanken, daß in Wirklichkeit einmal ein Christus unter Kellnern und auch wieder unter Freudenmädchen segnend und tröstend einherwandeln möge ....
Indes, ein solches Bild könnte kein Künstler malen, der sein Lebtag lang nur Stiefel und Sporen und Schlachtenbilder mit mangelhafter Perspektive malt, der Bilder malt, worauf die großen Generale an den gefährlichsten Stellen stehen, wo rings um die kühn und unerschrocken dreinblickenden Fürstlichkeiten Schrapnells, Pferde, Gemeine und Unteroffiziere vom Feldwebel abwärts in Mengen krepieren und wo brechende Blicke dankbar verklärt an der hehren Gestalt des Landesvaters auf und ab wandern. – Nein, ich glaube nicht, daß die Kellner sich für Bilder interessieren, die allerhöchsten Geschmack irreleiten und einer braven patriotischen Partei der eiserne Bestand an Rührseligkeit sind. Die Kellner interessieren sich für solche Schlachtenbilder nicht. Gegen Romantik sind sie stumpf. Gegen Militärtrompeten sind sie taub. Auch danken sie für Orden. Sie kriegen sowieso keine. Die Kellner steckt man ja doch nur immer ins Offizierskasino. Für die Front sind sie der Plattfüße wegen untauglich. – Thackeray meint an einer Stelle einmal, daß die Menschheit die militärische Tüchtigkeit so fürchterlich hochschätze, weil sie – die Menschheit – im Herzen feige sei. Ich weiß nicht, wie Schlachtenmaler darüber denken. Ich weiß nur, die Kellner wollen nicht feige sein. Sie haben Mut, ihr Leben zu ertragen. Also keine Schlachtenbilder, bitte, und mögen sie noch so schön und glatt und glänzend sein. – Aber wenn wirklich einmal ein Christus unter Kellnern erscheinen sollte, so bin ich gewiß, daß sie sich bei einem Uhde ein Bild bestellen werden. – –
Diese Geschichte ist also ein typisches Beispiel, wie man über den Kellner denkt. Aber wie dunkel muß es in den Köpfen sein, die so denken! Denn sie denken nicht, sie machen sich nur Vorstellungen – nach ihnen selber. Sie sehen nicht, sie haben nur Ansichten. Darum hat der Kellner keinen Platz unter uns: er hat nur eine Stellung. Darum bekommt er keine Anerkennung für seine Arbeit, nur Wohlwollen. Er hat darum keine Ziele, nur Aussichten. Keine Ideale, nur Idole. Keinen Gott, nur Götzen. Kein Einkommen, nur ein Auskommen. Kein Heim, nur ein Unterkommen, ein Obdach. Keine Heimat, nur einen Geburtsort. – Solange er jung ist, läßt sich dies leicht ertragen; aber was wird aus ihm, wenn er in Jahren vorrückt? Als junger Mensch hat er Gelegenheit, viel Geld zu verdienen, mehr wie manch ein anderer seiner Gesellschaftsschichte. Aber seine Unkosten sind auch groß. Und nach dem dreißigsten bis fünfunddreißigsten Jahre lassen seine physischen Kräfte schon nach. Sein Aussehen hat schon nicht mehr die nötige Frische der Jugend, welche verlangt wird. Was wird nun aus ihm, nachdem er seine Jugend weggegeben hat? Nicht jeder kann im Geschäfte fortkommen und höher steigen. Von einem Tausend erreichen nur wenige einen höheren Posten. Aus hundert dieser Glücklichen wird vielleicht nur einer Geschäftsinhaber. Und es tritt noch der merkwürdige Umstand hinzu, daß ein Kellner außerhalb seines gelernten Geschäftes in einer anderen Beschäftigung oder Beruf trotz oder wegen seiner Welterfahrung und Weltgewandtheit selten oder fast nie erfolgreich ist. Vielleicht kann er sich nicht einschränken. Er fühlt sich nicht wohl in der Enge, in welche so viele Berufe die Menschen zwängen. Er kann kaum das zustande bringen, was ein bescheidener, ungebildeter, beschränkter Mann vermag. Er ist zu sehr an großartiges Leben, gutes Essen, Luxus, Geldverschwendung, Frivolität gewöhnt; er kann nicht haushälterisch mit seinen Mitteln umgehen, er kann schlecht rechnen.
Nach einer eingehenden Betrachtung des Werdens, Seins und Vergehens des Kellners kommt man zögernd aber sicher zu dem hoffnungslosen Fazit, daß sein Los eines der undankbarsten, unangenehmsten ist, die unsere Zivilisation zu verteilen hat. Höchstens pekuniär scheint sein Beruf den gewöhnlichen Gewerben gegenüber einige Vorzüge aufzuweisen, aber auf die Dauer hält er seine Versprechungen nicht und hintergeht den, der mit vielen Freuden und Hoffnungen begonnen hat, meistens so schnöde, daß sein Opfer jeder weiteren Hoffnung beraubt wird und sein Leben in noch verhältnismäßig jungen Jahren schon als ein verfehltes verflucht. –
Ein ganz Schnodderiger wird daher nur die Achsel zucken und sagen, daß überhaupt kein anständiger, sich selber respektierender junger Mann die Hotellaufbahn als Lebensweg erwählen wird. – Aber der erfahrene Kellner lächelt bitter darüber. Er weiß, wie wenig gewöhnlich die Kinder sagen und zu sagen haben, wenn sie am Scheidewege stehen, wo alle vier Straßen in das große Leben, in die weite Welt hinausführen. Hier sind die Eltern genau so hilflos wie ihre Kinder. Man wählt den großen, breiten Weg am liebsten. Eltern haben meistens nur vage Begriffe von den Berufen, die sie für ihre Sprößlinge in engere Wahl ziehen; und wie immer sehen sie nur die glänzende Seite derselben.
Der Kellner, der von Jugend an in seinem Berufe tätig war und ihn allmählich mehr hassen statt lieben gelernt hat, muß oft schmerzlich einsehen, wie schwer es ihm gemacht wird, denselben gegen eine andere, seiner Natur und seinen Kenntnissen passendere Beschäftigung umzutauschen. Immer und immer wieder wird er abgewiesen werden, obgleich er noch jung sein mag. Und wer in den zwanziger Jahren steht und ein Geschäft gründlich kennt, will auch in einem fremden nicht gerne mehr Lehrling sein. So verbleibt die größte Anzahl der Kellner in ihrem Berufe, oder man kehrt nach einigen fruchtlosen Versuchen auf anderen Feldern dorthin zurück, obgleich derselbe durch seine vielen Nachteile und Mängel verleidet worden ist und auf die Dauer sogar unerträglich werden muß.
Das Hauptproblem unseres jungen Mannes besteht also in der einen Frage, wie ein intelligenter, vielgereister junger Weltmensch sich aus den verschiedenen Dilemmen und Hindernissen seines Berufes herauszieht und das Beste aus dem Leben machen kann. Diese schwierige Aufgabe lösen nur einzelne, allerdings dann oft in ganz bewunderungswürdiger Weise. Und aus ihnen entstehen die vielen erfolgreichen Hoteliers, welche durch andauernde strenge Selbstzucht sich vom Kellnerstande emporgerafft haben und – um den gebräuchlichen Ausdruck anzuwenden – »zu etwas gekommen« sind.
Wie zu jedem Leben, so gehört eine gewisse, nicht zu unterschätzende Philosophie zum Leben des Kellners, die natürlich nicht jedem gegeben ist, die sich aber mit einigem Willen, Fleiß und Studium mehr oder weniger aneignen und bemeistern läßt. Wenn Sie mir aufmerksam zugehört haben, so werden Sie auch gesehen haben, wie ich mich bemühte, die notwendige Philosophie an den einzelnen kritischen Punkten zur Geltung kommen zu lassen. Ein feiner Zug von Selbstironie ist auch oft in dem Leben dieser Leute zu finden und bildet einen beträchtlichen Lehrsatz in ihrer Lebensweisheit, deren Basis natürlich auf den großen Grundregeln des Umgangs mit Menschen beruht. Ohne vielleicht jemals mit den Weisheiten der großen Klassiker des Altertums bekannt geworden zu sein, lebt der wirkliche gute Kellner doch ganz nach diesen herrlichen Vorbildern. In seinem Leben bestätigt sich auf die wundervollste Weise die reine, einfache Wahrheit der alten Lehren, was um so erstaunlicher ist, je mehr die in einer ganz einfachen, von Dampfkraft und Elektrizität ungestörten Zeit entstandene Wahrheit in unserer komplizierten Zivilisation Anwendung findet und sich mit ihrer süßen, mahnenden, sanft drängenden Gewalt immer und immer wieder Recht verschafft.
Ja, meine Freunde, welche Leidensgeschichte habe ich Ihnen da erzählt! Nichts Großes, nichts Blutiges, nichts Erhaben-Schreckliches, aber immerhin Leiden. Und nur Leiden! – Glauben Sie jedoch, das Leben sei so grausam, daß es einen Menschen nur peinigt und ihm nichts, gar nichts als Entgelt für seine Leiden bietet? Niemals! – Es ist gerecht, es tröstet die Schmerzensreichen. Es gewährt ihnen hohe Freuden, die den unwissenden Glücklichen nicht bekannt sind. Das Leben stärkt auch seinen Kämpfer. Es stellt keinen Schwachen an die gefährliche Stelle, ohne ihm die Mittel in die Hand zu geben, mit denen er sich decken kann. Es hängt ganz vom Menschen ab, ob er sie weise benutzt oder übersieht.
Wie sich dies überall und auch hier bewahrheitet, will ich Ihnen noch kurz beweisen. Ein altes Volkslied beginnt mit den Worten: »Wem Gott will eine rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt ...« Alte Volkslieder sind oft nicht nur schön, sie sind auch wahr, ja berauschend wie alter Wein. Und je älter sie werden, um so würziger, wahrer werden sie. – Freilich, in unserer alles umwälzenden und umwertenden Zeit, wo auch ein gottverlassenes Benzinfatzkentum mit neugierigen Nüstern an alten Wahrheiten herumschnüffelt und sie als wunderliche Kuriositäten bemäckert, da verblaßt vieles – da werden oft die zarten Geister einstiger Freude verscheucht, und sie schleichen sich mit herzbrechendem Schluchzen von dannen, verkriechen sich wimmernd in das dunkle Innere der Vergangenheit. Sie prostituieren sich nicht. Sie lassen sich auch nicht begaffen. Sie hassen aber dennoch die Gegenwart nicht, denn sie sind unsterblich. Und wer sie aus ihrem Versteck hervorlocken will, der muß mit gutem Willen und reinem Herzen kommen und darf nicht nach Benzin stinken. Dann wagen sie sich heraus und umarmen ihren Liebling. Scherzend verbinden sie ihm die Augen und führen ihn kichernd und wichtig tuend bei der Hand durch weite, unendliche Irrgänge, wo die Luft mit süßer, jugendlicher Ungeduld angefüllt ist, bis vor die zarten Schleier, mit denen ihre Geheimnisse behangen sind. Endlich reißen sie ihm jubelnd die Binde von den Augen, der Vorhang fällt, – das erstaunte Menschenkind findet sich lächelnd in einer fremden, niegeschauten blühenden Märchenflur. Wuchtige, silberweiße Wolken hängen an dem klaren Azur, farbenreiche Gebirge mit würdigen Schneehäuptern wälzen sich am Horizont entlang hinab bis in das ewige, purpurblaue Meer. Und alles schenken die guten, freigiebigen Geister ihrem Liebling, alles. Sie lachen dabei, krönen ihn mit Blumen und tanzen Reigen um ihn.