Ei, gnädige Frau, auf diese Frage habe ich lange gewartet! – Woher ich mit dem Schicksal der Kellner so vertraut bin? – Hm – ich habe so viel – ja, natürlich als Gast in den großen internationalen Hotelpalästen – aber ich habe noch mehr getan: nämlich selber einmal als Kellner gearbeitet. Und nicht nur gearbeitet, sondern noch mehr: ich habe mich für das Leben dieser Menschen interessiert! Es gibt Tausende, die hier arbeiten, ohne aber zu wissen, was sie tun, ohne Anteil an dem eigenen oder an fremdem Leben zu nehmen. – Aber Sie sind ja ganz sprachlos, meine Gnädige! – Hat mein Bekenntnis Sie so entsetzt? – Wie? – Ob das Schreckliche wahr ist? – Ei, selbstverständlich! – Woher sollten wohl sonst alle meine fabelhaften Kenntnisse über dieses Leben stammen!? – – Nur Studien halber? – Hm, meistenteils ja! – Ich will aufrichtig sein ... Wie ungläubig Sie lachen, meine Freunde! – Warum? – Weil ich solch eine verzweifelt ehrliche Natur bin? – Oh, das sind alle normale Menschen. Und ich halte mich für einen solchen. Aber es gibt doch sehr wenig normale Menschen auf der Welt. Und meine Ehrlichkeit besteht hauptsächlich darin, daß ich nichts Überflüssiges sage. Es sei denn, ich werde danach gefragt, wie in diesem Falle.
Da so vieles, das ich Ihnen erzählte, auf eigener Erfahrung und Anschauung beruht, so kann ich Ihnen auch ohne Bedenken verraten, wie ich Kellner wurde und gleichzeitig ein Anekdötchen zur Illustration beigeben, wie man in meiner früheren Gesellschaft darüber – also folglich auch über den Wirt und seine Angestellten – denkt. Es ist eine ganz harmlose Geschichte, sie mag langweilig sein, aber sie ist wahr.
Nichts ist amüsanter als Maskerade. Sie wird aber auch zu hinterlistigen Zwecken benutzt. Der Wilde versucht in allerhand Verkleidung als Strauß, als Hirsch usw. seinem Jagdopfer beizukommen. Auch für den wirklichen, zivilisierten Jäger, den Sportsmann, für den Naturforscher gibt es kein größeres Vergnügen, als unter irgendeinem Schutze die Tiere des Feldes und des Waldes zu belauschen, wenn diese sich unbeobachtet glauben und den Menschen nicht wittern. Aber das ist gar nichts! Ich habe die perfide Angewohnheit, den Menschen auf alle möglichen Arten beizukommen und ihnen in die Karten zu gucken. Ich muß gestehen, kein Mittel ist mir zu schlecht, keine Maskerade zu verächtlich, um meinen Zweck zu erreichen. Ich kann wirklich nicht umhin und muß bekennen, daß mir das Beobachten der Menschen trotz aller ihrer Schlechtigkeit hundertmal mehr Genuß bereitet hat, wie meine schönsten Jagderfahrungen in den Bergen, auf den weiten Prärien oder in den Urwäldern. Und die Menschen, denen ich begegnet bin, waren so offenherzig gegen mich, daß ich viele Masken lächelnd beiseite legen konnte und ohne dieselben hinter ihre Schliche kam. – Ja, Gnädige, das sieht beinahe wie Vertrauensbruch aus. Aber es ist nicht so. Danke! – Ich habe auch nie durch Schlüssellöcher geguckt oder sonstige Dienstbotenmethoden angewandt. – Wie gesagt, es war unnötig. – Die Offenherzigkeit war nicht die schöne Tugend, das edle Vertrauen, welches jeder dem anderen entgegenbringen sollte, nein, es war gerade das Gegenteil davon. Es war eine unverzeihliche Bequemlichkeit, eine Gemütsfaulheit, eine Dummheit, beleidigend, wie nur sie sein kann; es war eine verletzende verallgemeinernde Stupidität, die die Menschen an anderen voraussetzten, weil sie selber damit behaftet waren. Darum soll man nie jemand mit dem eigenen Maßstabe messen, ebensowenig, wie man eine fremde Sprache sprechen soll, während man in der Muttersprache denkt.
Mit einer geradezu ekelhaften, widerwärtigen Frechheit und Voraussetzung, einen ihresgleichen oder weniger vor sich zu haben, sind die Menschen mir begegnet und haben mich demgemäß behandelt. Solche rücksichtslose, beleidigende Behandlung verdiente so grausam bestraft zu werden, wie ich es tat. – Worin die Strafe bestand? – Nun, die größte ist doch, wenn man alles lächelnd über sich ergehen läßt und mit scharfem Auge unter den Wimpern hervor den Ahnungslosen beobachtet. Solche Blicke sind wie die Pfeile des wilden Jägers. Sie durchdringen das tiefste Innere des Opfers und erkennen es. – Was ich erkannt habe, besitze ich, gehört mir. Es ist mir untertan wie der Körper des erlegten Wildes.
Ich bin überall. Ich speise in erstklassigen Hotels, ich frequentiere die gefährlichsten Spelunken. Künstler- und Dienstmädchenbälle besuche ich gleich gern. Hintertreppen-, Kammerdiener- und Staatsgeheimnissen schenke ich das gleiche willige Ohr. Ich produziere mich in den verschiedensten Berufen und Stellungen mit größtem Geschick und größtem Vergnügen. Als Automobilist in den Garagen und auf den Landstraßen. Als Cowboy auf weiten Prärien unter ruppigen Desperados. Als Privatsekretär in den Familien der Multimillionäre, als Maler in Kunstreichen, in Minen unter Goldsuchern, als Literat auf journalistischen und literarischen Gefilden, als Handlungsreisender, Maschinenschmierer, Zeichner, Koch, und in noch verschiedenen anderen Stellungen habe ich konditioniert.
Die Welt ist klein. Und wer in so vielen Kapazitäten und überall auftritt, hat das Vergnügen, häufig alte Bekannte anzutreffen. Dann entstehen meistens köstliche Situationen, namentlich wenn man – wie ich – ehrlich genug ist, immer unter dem eignen Namen aufzutreten. So kam ich auch einmal auf den kühnen Gedanken, als Kellner Material für einen monumentalen Roman der höchsten internationalen Hautevolée zu sammeln. Ich hatte damals einen genußreichen Sommer im amerikanischen Felsengebirge verbracht, mein Freund ging nach Europa zurück, ich aber blieb in New York, um meinen Plan auszuführen. Durch Empfehlung gelang es mir, bald eine Stellung als Kellner in einem großen Hotel zu erlangen, und ich stürzte mich mit Wonne in das Getriebe. Ja, ich avancierte sehr bald.
In dieser Stellung sahen mich eines Tages ein paar Herrschaften schalten und walten, mit denen ich auf einer Mittelmeerreise, von Ägypten kommend, flüchtig bekannt geworden war und die ich zufällig während des vergangenen Sommers in Colorado wiedergetroffen hatte, wo sie die Ehre gehabt hatten, einige angenehme Tage mit mir zu verbringen. – Nein, gnädige Frau, ich habe mich nicht im geringsten geniert, denn im Eifer meiner Tätigkeit bemerkte ich die Herrschaften nicht gleich. – Mit Staunen und Schrecken aber erkundigte sich die liebenswürdige, junge Dame bei ihrem Kellner nach meinem Namen. Allmächtiger! – Ihr entsetzlicher Verdacht bestätigte sich! – Ich war wahrhaftig der geniale, reizende Mensch, den sie unter dem Azur des Mittelmeers kennen gelernt und in Colorado wiedergetroffen hatten! – Ganz verwirrt und erstaunt konnten sie eine ganze Weile lang nichts sagen. Dann zogen sie den Kellner wieder zu Rate und vertrauten dem Milden, Vielgeplagten ihre Kalamität an. »Aber wie ist denn das möglich, Kellner,« flüsterte die Mutter, »in Luxor hat er doch archäologische Studien betrieben, sagte er!« – »Diesen Sommer erst noch haben wir mit ihm in seinem Automobil gefahren und bei ihm zu Abend gespeist!« seufzte der Sohn. »Und mit ihm Golf gespielt!« jammerte das reizende Töchterchen. »Weißt du noch, Mama, hinter dem Hotel auf dem prachtvollen Rasen!« – Mama wußte noch. – »Traf er nicht auch alle Vorbereitungen zu einer Jagd auf Grizzlybären in den kanadischen Bergen?« erinnerte sich der Sohn. Und das Töchterchen antwortete: »Was ist denn aus seinem reizenden Freund geworden? Ist der auch Kellner?« – Die arme Mutter war am schwersten getroffen: »Ach, konnten wir denn ahnen, daß er so was ist! – – Wir haben ihn doch als anständigen Menschen kennen gelernt! – Und hier ...!? – Uh!«
Das war zu viel für den braven Kellner, und er antwortete ruhig: »Madame, ich habe noch nicht gesehen, daß er sich hier unanständig benommen hat!« Und er wandte sich ab, um mich heimlich aufmerksam zu machen und mir die ganze Geschichte hastig zu erzählen. – Meine Freunde aber fühlten sich plötzlich so unbehaglich, daß sie den Saal verlassen mußten. Sie gingen, ohne mit mir zu sprechen. – Nein, ich sprach auch nicht mit ihnen. Zum Dank für die schönen Erinnerungen an kühle Autofahrten, an herrliche Kunstgenüsse und an schöne, unschuldige Spiele auf grünem Rasen versuchten sie, mich aus der Sklaverei des flatternden Kellnerfrackes zu befreien, indem sie meine Entlassung bewirken wollten. Was ihnen aber nicht gelang, da ich ein zu guter Kellner bin, um ohne Grund an die Luft gesetzt zu werden ...
Wie? – Sie wollen sich schon so früh zurückziehen, gnädige Frau!? – Wir gedachten doch noch ein wenig der Musik zu lauschen. – Hm – Fatige – Ich springe schnell zum Apotheker im Hause – – – die Kapseln – zwei Stück auf ein Glas Wasser – ... hm ... nicht ...« – – – – – – – – – – – – – – – – –
Wer ist denn das!? – Kellner, sehen Sie dort unter der Palme im Fauteuil den jungen, eleganten Herrn? – Ja, den schwarzgekleideten, mit dem Buche; er dreht uns den Rücken zu – ich glaube – – Was? Ein Geistlicher! Unmöglich! – Wahrhaftig! – Aber er ist's! – Er ist's! – Sagen Sie ihm, bitte, ich wünsche ihn einen Moment zu stören. – Er wird sich freuen, wenn Sie ihm meinen Namen nennen. – –