Mein geliebter amerikanischer Freund George Washington Abraham Lincoln Shoultse! Welch eine Überraschung! Das wird aber lustig werden! – Besonders nach diesem Schluß. ... Aber wie kommt er hierher? – Was tut er im Rock eines Priesters? –
Well, well, altes Haus! Das ist doch einfach großartig! Freue mich ganz barbarisch, dich wiederzusehen. – Ich staune – hätte dich kaum wiedererkannt – – so verändert. ... Wie lange ist's her, seit wir uns als Studenten zum letztenmal umarmten?! – Vierzehn, fünfzehn Jahre. – Ja, wie die Zeit vergeht! – Und, ach, die herrlichen Heidelberger Tage! Wo sind sie hin? – An dich habe ich aber immer gedacht! Das kannst du mir glauben! – Denn du warst doch der fidelste Kerl, der mir jemals ... hm – – Na, aber wie geht's denn? – Was treibst du jetzt? – Ich dachte immer, du wolltest dich ganz auf die Philologie verlegen. – Was? – der Teufel! – hm – Pardon! – Bischof bist du – hm Pardon! – Sind Sie – –? Seit wann denn? – Ich bin starr! – Pardon! Donnerwetter, da gratulier' ich! – – – So, so! In Kalamazoo City im Staate Oklahoma! Wirklich! Da gratulier' ich nochmals! – – – Wer hätte das gedacht! Bischof der konsolidierten, reformierten episkopal-lutherisch-methodistisch-unitarisch-baptistischen Kirche! – Ja, aber zum ... Pardon, sag mal – – verzeihen Sie – – ist denn da – hm – so viel – hm – Geld – äh, ich meine, Genugtuung und Inspiration drin, daß du alle deine großen Pläne ... hm – na, jedenfalls gratulier' ich! – Ja, drüben in Amerika avanciert man schnell! Junge, tüchtige Leute werden dort gesucht. – Aber da müssen wir doch eins drauf trinken. – Wie? – Ein solch unerwartetes Wiedersehen, das muß begossen werden – was? – Na, wenn Sie jetzt auch Bischof und Right Reverend und alles das sind, so können Sie doch ein Gläschen Wein mit mir ... wie? ... nicht ein wenig die alten Erinnerungen auffrischen!? – Waaas? – keinen Wein ...? – – Hör 'mal, du bist wohl verrückt geworden ... oh, oh, Pardon! – Ich kann es gar nicht fassen – ich staune – Sie trinken keinen Wein mehr!? – – Sie waren doch früher – hm – – – Oh, oh! – Wie sich die Zeiten ändern! – Sie haben sich aber großartig gemacht, Mr. Shoultse! Sie sehen vorzüglich aus! – Wie meinen Sie? Ob ich noch immer trinke? Ja, leider, ich hab's mir noch nicht abgewöhnen können. Es ist schrecklich! – Oh, oh – –!
Ob ich weiß, was die amerikanische Prohibition ist? – O ja, ich hab mal was davon gehört. Wissen Sie's auch, Herr Bischof? – Was? Sie sind einer der Hauptkämpfer für die Prohibition geworden?! Das ist ja interessant! Und sagen Sie mal, wie bezahlt sich die Sache denn? – So, Sie verfolgen nur den idealen Zweck der guten Sache? Das ist löblich. – Aber ist denn das wahr, was ich in den Zeitungen gelesen habe, daß bereits an die vierzig Millionen Menschen in den freien Vereinigten Staaten von Amerika keine geistigen Getränke mehr zu sich nehmen dürfen? So, so, das ist also Tatsache! Unglaublich, wie Sie gekämpft haben müssen, Mr. Shoultse. Na, dafür können Sie sich jetzt auch ein wenig ausruhen! Das ist recht! Vierzig Millionen Menschen müssen Durst leiden! Das ist ja einfach fabelhaft! Ja, in Amerika wird alles im großen Stil betrieben. – Aber was fangen denn die armen Durstigen an? Wird denn jeder eingesperrt, wenn er ein Glas Bier oder Wein trinkt? Vergeht er sich gegen das Gesetz, wenn er dies tut? – Nicht? – Aber wie hängt denn das zusammen? – Das Trinken ist gestattet und wird nicht bestraft! Man verbietet nur den Verkauf, den Transport und das Fabrizieren von geistigen Getränken! Das sind ja geradezu diabolische Gesetze! – – Tantalusqualen! Man darf trinken, aber das edle Naß wird einem vorenthalten! Einfach ungeheuerlich! –
So, Sie glauben also, mein lieber Mr. Shoultse, daß Amerika die erste Nation ist, die versucht hat, den Alkohol auszurotten und sich so unsterbliche Verdienste um die ganze Menschheit zu erwerben!? – Da sind Sie im Irrtum. Bei den ältesten Völkern der Erde hat man schon Temperanz- und Abstinenzbewegungen entdeckt. Die Chinesen brüsten sich heute noch damit, den Krieg gegen den »Dämon« des Weins eröffnet zu haben. Und ich glaube ganz bestimmt daran. China sieht gerade danach aus. Im elften Jahrhundert vor Beginn unserer Zeitrechnung soll ein Kaiser in China alle Weinstöcke in seinem Reiche haben ausreißen lassen. Die Priester in Persien und Indien haben schon lange vor Christi Geburt den Genuß des Weines verboten. Die Karthager hatten auch ein Weinverbot. – Ich selber habe die Spuren einer Temperanzbewegung in Pompeji entdeckt und werde vielleicht ein Traktätchen darüber schreiben. – Wie? – Verschiedene Sekten der Juden durften nichts trinken, ohne ihr Seelenheil zu gefährden. Noch heute erwarten die Mohammedaner und Buddhisten im Jenseits kolossale Schwierigkeiten, wenn sie zeitlebens einen edlen Tropfen nicht verabscheuen.
Die Prohibitionsepidemie in Amerika ist nichts als eine Wiederholung der orientalischen Sitte. Wirkliche Epidemien tauchen immer periodenweise auf. Das ist eine alte Geschichte. Es ist aber geradezu phänomenal, wie die Bewegung in den letzten fünf bis sechs Jahren um sich gegriffen hat. Vor dem amerikanischen Bürgerkriege 1861-64 dachten nur wenige Menschen daran, daß jedes geistige Getränk ohne Gnade und Barmherzigkeit vom Erdboden vertilgt werden müsse. Aber es entstanden allmählich die großen amerikanischen Brauereien und zugleich eine der häßlichsten Ausgeburten der anglo-amerikanischen Zivilisation, die »American Bar« oder »Saloon«, wie das Ausschanklokal für geistige Getränke gewöhnlich genannt wird. – Die »Bar« ist ein typisches Produkt des amerikanischen Alltaglebens. Mit der zunehmenden Rastlosigkeit in europäischen Ländern wird sie sich dort auch sehr bald einbürgern. Die Großstädte Europas erfreuen sich der »American Bar« bereits. Indessen wird in Europa die Bar wie auch alles andere Amerikanische falsch aufgefaßt und falsch dargestellt. Entweder aus Absicht oder aus Ignoranz. Meistens ist das letztere der Fall. Die europäische »American« Bar ist gewöhnlich nur eine Animierkneipe, was die amerikanische Bar gewöhnlich nicht ist. Das muß man dem Amerikaner lassen: in seiner Bar findet man keine Mädchen zur Bedienung, was in England und am Kontinent fast ausnahmslos der Fall ist. – Dennoch ist die amerikanische Bar ein entsetzlich abschreckender Ort. Nüchtern, inhaltslos, kalt. Ich glaube, einer schmutzigen, altrömischen Taberna vinaria haftete mehr Begeisterung und Liebenswürdigkeit an, wie dem feinsten amerikanischen »Saloon« mit allen seinen Spiegeln, Bildern, Lichtern und seiner Reinlichkeit. Die geschäftsmäßige Verabreichung des Trunkes, die Vorherrschaft scharfer geistiger Getränke, das unbedachtsame, hastige Hinuntergießen des starken Stoffes, die ganze Inhaltlosigkeit des Ortes, der nur daraufhin eingerichtet ist, möglichst große Quantitäten in möglichst kurzer Zeit umzusetzen, die Menge herumstehender, den Schanktisch belagernder Menschen, welche keine Zeit haben, ihren Trunk in Ruhe zu genießen und sich dazu niederzulassen, das alles macht die amerikanische Bar zu einem sehr wenig einladenden Ort. Der biedere Deutsche würde seine ganze Abneigung dagegen in dem einen urdeutschen Worte »ungemütlich« zusammenfassen. Ich stimme vollständig mit Ihnen, Herr Bischof, überein, wenn Sie den »Saloon« nicht sehen können. Auch finde ich es gerechtfertigt, daß die Bundesregierung infolge des zunehmenden Umsatzes von geistigen Getränken den Verkauf von Alkohol in irgendwelcher Form an die Indianer verbot. Es ist viel in dieser Hinsicht gesündigt worden.
Warum aber dies drakonische Gesetz auf die vernünftige weiße Bevölkerung der Vereinigten Staaten erstreckt werden soll oder schon wurde, ist mir nicht verständlich. In den Neu-Englandstaaten, wo das puritanische Element besonders stark ist, wurde schon früh in einzelnen Gemeinden unter dem Druck der strengen Kirche der Ausschank von berauschenden Getränken magistratlich verboten. Aber dann kam der Staat Maine als erster, der für absolutes Verbot von Spirituosen innerhalb seiner Grenzen stimmte. Der starke Rum, der von Westindien nach Maine exportiert wurde und dort viel Unheil anrichtete, hat im Jahre 1846 Anlaß zu einem bittern Wahlkampf gegeben, der mit dem scheinbaren Sieg der Alkoholgegner endigte. Im Jahre 1851 trat darauf das Gesetz in Kraft, welches das Spirituosenverbot innerhalb des Staates Maine proklamierte. Das war der Anfang der Prohibition. Dem Beispiele folgten ein Jahr später die Nachbaarstaaten Massachusetts, Rhode Island und Vermont. Die beiden ersteren Staaten sahen jedoch sehr bald ein, wie wenig ratsam es für die Regierung sei, sich mit derartigen Gesetzen abzugeben, und sie überließen das Verbot des Ausschanks den örtlichen Behörden oder den Verwaltungen der Kreise, falls diese es wünschen sollten, den Alkohol aus ihrer Mitte zu verbannen. So entstanden die »Local option«- und »County option«-Gesetze. Jeder Gemeinde oder jedem »County« war es somit anheimgestellt, den Verbrauch von geistigen Getränken nach eigenem Gutdünken und Bedürfnis zu dulden, zu regeln oder zu unterdrücken. Die feigen Landesväter dachten sich dadurch aus der Verlegenheit zu helfen, gerieten aber nun in die Lage eines zärtlichen Familienvaters, der eine Prügelei zwischen seinen Sprößlingen nicht dämpfen kann, weil er nicht weiß, wer im Rechte ist, und aus Angst, er könnte den Unschuldigen züchtigen, die Buben den Streit unter sich entscheiden läßt und ein Auge dazu zudrückt. – Nicht wahr? –
So nahm die Geschichte ihren Anfang. Bald erging vom Lager der Temperänzler aus ein Ruf an die ganze amerikanische Nation zwecks Gründung und Organisation einer politischen Partei, deren Hauptbestreben die Unterdrückung der Fabrikation und des Verkaufs von geistigen Getränken in den gesamten Vereinigten Staaten bilden sollte. Man hatte nämlich eingesehen, daß die großen führenden politischen Parteien sich niemals für die Alkoholfrage interessieren würden. So wurden am 1. September 1869 in Chicago die Anti-Alkohol-Partei unter dem Namen »National Prohibition Party« von den Gesinnungsgenossen auf eigene Faust gegründet. Wenn aber in einem zivilisierten und politisch organisierten Lande eine neue Partei ihren neuen Ansichten und Zielen Raum und Anerkennung verschaffen will, so muß sie Stimmen haben. Die Prohibitionisten wußten aber auch, ganz genau, daß sie bei vernünftig denkenden Männern mit ihren Ideen nicht durchdringen würden. – Bitte, Herr Bischof, lassen Sie mich weitererzählen. – Darum verschanzten sie sich hinter die Röcke der Weiber. In der ersten Nationalversammlung der neuen Partei am 22. Februar 1872 zu Columbus, Ohio, wurde von den Prohibitionisten der Entschluß gefaßt, für Frauenwahlrecht in den Vereinigten Staaten aufzutreten, da man dringend der weiblichen Stimmen in der Alkoholfrage bedurfte. Das ganze weibliche Element sollte hysterisch gemacht werden. Man begann die schrecklichen Verheerungen, die der »Teufel Alkohol« in den Familien anrichten soll, in den glühendsten Farben zu schildern.
In den darauffolgenden Jahren waren die Stimmresultate der neuen Partei alle noch sehr bescheiden. Sie wuchs nur mäßig. Den Prohibitionisten schien aber kein Gedanke zu schlecht zu sein, um sich neue Anhänger für ihre Partei zu verschaffen. Sie kitzelten die brennenden Fragen im amerikanischen Leben, wie die der Einwanderung, und suchten durch eine schäbige Politik der Beschränkung und Erschwerung der europäischen Einwanderung die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und dadurch mehr Anhänger anzuwerben. Gleichfalls wurde die Forderung für das Frauenwahlrecht aufrecht erhalten.
Mit wechselndem Glück wuchs die neue Partei. In den letzten fünf Jahren jedoch hat sich eine wahre Panik des Prohibitionistenlagers bemächtigt. Seit dieser Zeit hat sich eine nervöse Tätigkeit entfaltet, so fieberhaft, daß man glauben sollte, der jüngste Tag sei nahe, um die Menschen für ihren Hang zum Alkohol zur Rechenschaft zu ziehen. Die verschiedenen großen Temperanzgesellschaften, fünf oder sechs an der Zahl, sowie eine unübersehbare Menge verschiedenster Sekten und Kirchengemeinden wurden plötzlich von Reue und Zerknirschung ergriffen und vereinigten sich zum Feldzug gegen ihre Sünden und die ihrer Mitmenschen. Dieses plötzliche, ruckartige Erwachen des nationalen Gewissens ist anscheinend ein ganz unerklärliches Phänomen. Aber alles hat seinen Grund. –
Die Gegner der Spirituosen hatten es nämlich vor zehn bis fünfzehn Jahren zustande gebracht, sich der Schulbücher zu bemächtigen. Im Laufe der Jahre wurden nun systematisch den Schulkindern Lügen und Verdrehungen der Wahrheit eingeimpft, indem man die Schulbücher mit prohibitionistischer Propaganda, mit Flüchen gegen den Alkohol anfüllte. Die Schulkinder sind nun inzwischen zum Teil oder ganz erwachsen und haben den Keim der engherzigen Lehren in sich aufgenommen, von deren Wirkungen sie sich nicht mehr befreien können. Sie sind in der Jugend geistig entmannt oder verstümmelt worden. Und bei jeder neuen Wahl tritt nun am Ballotagekasten die geistige Impotenz drastisch zutage. – Bitte, bitte. – Der Same, der gesät wurde, trägt nun reiche Früchte.