Unendliche Massen von Papier wurden verschwendet, die der lesewütigen Frauenwelt alle Schrecken des Alkohols gratis und franko vor Augen führten. Schade um die Tannenwälder, welche zur Herstellung dieser Gebirge von Makulatur ihr unschuldiges Leben lassen mußten. Immer und immer wieder wurden dieselben bombastischen Reden, die alten abgedroschenen Phrasen und Kanzelweisheiten in echt melodramatischer Weise wiederholt und von hinten aus unsichtbaren Quellen gespeist und verstärkt. Jeder erdenkliche Tamtam, alle Heilsarmeemethoden, für die das Gemüt des Durchschnittsamerikaners so wunderbar empfänglich ist, wurden angewandt, die Gewohnheitssäufer zu Reue und Leid zu veranlassen und die simplen Herzen der Jugend von der Verwerflichkeit des Trinkens zu überzeugen. – Wie, ich sei ungerecht! – Ich kann der Prohibitionspartei leider kein einziges vernünftiges Argument nachrühmen, so gern ich es täte. Die ganze Kampagne besteht aus einer endlosen, hysterischen Rezitation absurdester Geschmacklosigkeiten, von einer hartnäckigen, teuflisch ausgerechneten Appelation an die Stupidität der biederen Landbevölkerung, die das größte Kontingent der amerikanischen Nation stellt. Kein Mittel schien der Partei zu stupide, zu lächerlich, zu lügnerisch zu sein, um die Stimme des ungebildeten Farmers zu erbetteln, zu erschmeicheln oder zu erdrohen, der nota bene noch durch die Abgabe seiner Stimme an die Prohibition seine Existenz untergräbt.
Der beliebte Gedanke und Ausgangspunkt der Prohibition nämlich, daß der Alkohol so viele traute Heime ruiniere, ist unvernünftig und grundfalsch. Aber dieser Gedanke wird gehegt und gepflegt und gemästet. Bis zur Überdrüssigkeit wird er dem Volke immer wieder aufgetischt. – Gewöhnlich ist es nicht der Mann, der als Trinker sein Heim zerstört, sondern es ist das Heim, welches den Mann zerstört und in die Wirtschaft jagt. – Die Anschuldigung, daß der Alkohol Armut schaffe, ist falsch. Es ist nachgewiesen, daß das jährliche Einkommen des amerikanischen Arbeiters durchschnittlich 768 Dollars und 54 Cents beträgt. Davon gibt er jährlich durchschnittlich 12 Dollars und 44 Cents für Spirituosen aus. Für Tabak bezahlt er fast genau so viel. Wenn die Nation verarmt, so ist es also nicht die Schuld des Alkohols. Da muß die Ursache in einem anderen Übel gesucht werden. Wenn die Heime der Menschen ruiniert werden, so geschieht dies einzig und allein durch die Menschen selber. Wenn ein Mensch herunter kommt, so ist es sein Naturell. Welchen Anteil hat der Alkohol an einem Menschen, der durch übermäßiges Trinken zugrunde geht!? Alkohol schafft nicht Wahnsinn – Wahnsinn sucht Alkohol.
Nach den Grundsätzen der Prohibition müßte man das Weib für nahezu alle Übel und Unglücke aller Zeiten und auf der ganzen Welt verantwortlich machen. Wir müßten das weibliche Geschlecht prinzipiell aus der Welt schaffen. Und die Frauen müßten das männliche Geschlecht auszurotten suchen.
Die Menschen müssen immer eine Art Sündenbock für ihre Leidenschaften und Sünden haben. Und wenn es auch nur eine dumme Ausrede ist. Sie richten andere auch meistens nur nach ihren eigenen Beschaffenheiten. Wenn ein Schwachkopf zum Beispiel unter dem Banne der Trunksucht oder irgendeines anderen Lasters steht, so setzt er von der ganzen übrigen Menschheit das gleiche voraus. Wenigstens glaubt er, die anderen müßten unter demselben Drucke stehen, die Leidenschaften müßten die gleiche Wirkung auf sie haben, die sie auf ihn ausüben. Es ist aber nur seine Unvernunft, die ihm solches einredet. Ein Säufer klagt nicht sich, sondern den Trunk an, ein Dieb nicht sich, sondern das verführerische Geld, das er nicht liegen lassen kann, ein Liebeskranker nicht sich, sondern die Leidenschaft, der er nicht widerstehen kann. Das alles ist Unvernunft. – Wenn ein Säufer sich gesteht: »Ja, ich bin schuldig, ich habe zu viel getrunken, ich will mich aber der Mäßigung befleißigen, weil ich nicht viel vertragen kann, und will denen, über die der Trunk keine Macht hat, den Genuß desselben nicht wegnehmen,« so erinnert diese Sprache an das, was wir in der menschlichen Gesellschaft gewöhnlich als Vernunft bezeichnen. Einem solchen Säufer ist vielleicht noch zu helfen. Er hat sich und die dämonische Gewalt seiner Leidenschaft erkannt. Wer aber weder sich noch die Gewalt seiner Leidenschaft kennt, der ist unrettbar verloren.
Warum hat die Prohibition fanatische und hysterische Frauenzimmer hervorgebracht, welche mit Äxten und gefährlichen Wurfgeschossen bewaffnet, unbehindert umherziehen und das Eigentum der Wirte, an deren Lokalen sie gerade vorbeikommen, willkürlich auf scheußliche Weise zerstören können? – Diese Megären werden von der Prohibition aufrechterhalten und als Heilige oder Heroinen dargestellt. Solche Glorifizierung steigt den armen, bedauerlichen Wesen natürlich derartig zu Kopfe, daß es des unsinnigen Scherbenmachens kein Ende gibt. Ein religiöser, orientalischer Fanatiker ist ein Amateur im Vergleich mit einem solchen Weibchen. Die Polizei sieht wunderbar gleichgültig zu, wenn die Axt, von einem frommen Stoßgebet oder einem heiligen Fluche begleitet, zwischen den zerbrechlichen Gläser- und Flaschenbestand der Wirte saust oder von wohlgedeckter Stellung auf der Straße aus in die ahnungslosen Spiegelscheiben des Lokals prasselt. Das liebe Publikum hat sein Vergnügen an solchen Freivorstellungen. Die Zeitungen bringen ihre verherrlichenden Bilder dazu. Überall, wo es Scherben gibt, reibt sich der Nachbar die Hände, wenn nur sein Eigentum unbeschädigt bleibt. – Und was sagen die Wirte zu ihren Feinden? – Haben sie bisher nicht stets einen wunderbaren Takt besessen, sich nicht an einer solchen Megäre zu vergreifen? Haben Sie nicht meistens stillschweigend den oft in die Hunderte gehenden Schaden getragen? –
Die irdische Rentabilität der Agitation gegen die wohlhabende Spirituosenindustrie ist unverkennbar. – – Bitte, bitte – ich bin noch nicht zu Ende ... – Jede Agitation ist profitabel und erfolgreich, wenn sie auf die Beschränktheit der Massen gemünzt ist. Hier ist sie doppelt erfolgreich. Die ganze Prohibitionsbewegung scheint im Grunde nichts anderes zu sein als eine unter dem Deckmantel der christlichen Liebe versteckte perpetuelle Schröpfung der wohlhabenden Brauereien und verwandten Interessenten. Weil eine derartige Operation im kolossalen Stil betrieben wird, ist sie zulässig. Große Räubereien werden staatlich und gesellschaftlich sanktioniert, denn man ist ihnen machtlos gegenüber. Außerdem sind sie rentabler wie die kleinen.
Die Spirituosen-Interessenten haben durch ihre anfängliche Untätigkeit und Sorglosigkeit bei der Abwehr ihrer Angreifer viel versäumt. Die leidige Brüderschaft, die viele Saloonwirte während der Wahlen mit den Tausenden und aber Tausenden von korrupten Politikern schließen, verleitet durch Aussichten auf gute Geschäfte von Seiten der betreffenden politischen Parteien und gutes Einvernehmen in bezug auf die Gesetzgebung, hat der Sache der Spirituosen-Interessenten auch viel bei dem gerecht denkenden Publikum geschadet. Denn die Saloons sind oft die Wiegen von korrupten, politischen Strohkönigen, stellen sich dadurch in sehr schlechtes Licht und haben manchen gegen sich erbittert, der sonst vielleicht nichts gegen ihr Dasein einzuwenden hätte. Diese Tatsache ist von den Prohibitionisten gleichfalls mehr als reichlich breitgetreten und ausgebeutet worden, denn eine solche Unvorsichtigkeit kommt ihnen gut zustatten.
Wie wackelig aber im Grunde das Gebäude der Prohibition steht, beweist die fieberhafte, hysterische Note, die aus allen Stimmen der Antialkoholiker herausschrillt. Die skrupellosen Übertreibungen und Verdrehungen von Tatsachen, der nervöse, neurasthenische Ton ihrer Sprache erinnert wirklich an einen Bösewicht, der seine Schliche und Absichten um jeden Preis durchsetzen will, oder an einen eigensinnigen, hartnäckigen Dummkopf, der einen im Eifer begangenen Unsinn eingesehen hat, denselben aber mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu verfechten und aufrechtzuerhalten sucht. Die Prohibitionisten haben nicht den geringsten Respekt vor der Gerechtigkeit, der sie geradezu ins Gesicht schlagen. Der unberechenbare Materialschaden, den sie der Nation zufügen, gilt ihnen nichts. Die Frage, wie es um die hochgepriesene und nur noch künstlich erhaltene Freiheit im Lande stehe, sobald ihre Ansichten durchgesetzt werden, beantworten sie nicht.
Die Sprache der Spirituosen-Interessenten ist meistens eine durchaus ruhige und vernünftige. Sie steht wenigstens in wohltuendem Kontrast zu den leidenschaftlichen Ausbrüchen ihrer Gegner. Sie widerlegt ruhig und sachlich die vielen Übertreibungen, entmäntelt und beweist klar und deutlich mit Hilfe von statistischen Ziffern die Unwahrheiten der Anschuldigungen und wehrt die Angriffe sachgemäß ab. Ein solches Verhalten sollte zum mindesten die rapide Verbreitung der Prohibition doch etwas aufhalten und die vernünftigeren Bürger zum Nachdenken veranlassen.
Aber sonderbarerweise gewinnt die Prohibition immer mehr Grund. Auf mehr als zwei Drittel des Gebietes der ganzen Nation ist das Haus, wo es etwas zu trinken gibt, dem Erdboden gleich gemacht worden; auf dem letzten Rest des Landes ist es von gierigen Feinden belagert, die auf seinen Sturz warten. Acht oder neun Staaten der Union sind jetzt schon vollständig »trocken« gelegt, mit anderen Worten: der Verkauf, die Fabrikation, der Versand von geistigen Getränken in diesen großen, weiten Gebieten ist zu einer verbrecherischen Handlung gestempelt worden und wird gerichtlich verfolgt. Trinken darf man in diesen trockenen Staaten, denn das Trinken ist nicht als verbrecherische und strafwürdige Handlung im Kodex erwähnt worden. O ihr bösen Prohibitionisten! – Wenn ein Hausmütterchen sich aus Heidelbeeren, Johannisbeeren oder Trauben einen Saft bereitet, denselben auf Flaschen zieht und gären läßt, so macht es sich damit zur Verbrecherin! Der Prohibitionist, der sich auf irgendeine Weise seinen Whisky verschafft und ihn heimlich genießt, ist unschuldig wie ein neugeborenes Lamm!!